juh's Sudelbuch

Das Rohe und das Gekochte

Am 30. Juni 2017 beschloss der Bundestag, dass auch homosexuelle Paare eine bürgerliche Ehe schließen können und damit in allen weltlichen Belangen heterosexuellen Eheleuten gleichgestellt sind. Ob der Jubel über diese verspätete Gleichstellung von Dauer ist oder das Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz, wie so viele in der letzten Zeit, wieder kassiert, bleibt dahingestellt. In den Jubel mischte sich Entrüstung über einen Artikel in der FAZ, dessen Autor das christlich aufgeladene Pseudonym Johannes Gabriel benutzt.

Was lernen wir aus den Fehlern der Piratenpartei?

Warum hat die Piratenpartei bei den Wählern verkackt? Und zwar so gewaltig, dass sie nun eine Splitterpartei wie die bibeltreuen Christen ist. Das fragen sich viele. Eine Antwort auf diese Fragen müssten wir eigentlich längst parat haben. Denn seit Jahren klären uns vor allem Ex-Piraten darüber auf, was alles bei den Piraten falsch lief. Ich habe es längst aufgegeben, all die Artikel im Internet zu lesen, in denen die Fehler der Piraten ausführlich aufgelistet werden.

Software hilft uns nicht weiter

Wenn der Plattform-Kapitalismus und die Macht großer IT-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google beklagt werden, fallen Stichworte wie Peer-to-Peer oder Dezentralisierung. Innovative Technologien wie zum Beispiel die Blockchain oder offene Protokolle wie OStatus sollen dezentrale Strukturen schaffen, bei denen private Clients oder verteilte Server ohne zentrale Plattform miteinander kommunizieren. Der Glaube daran, durch eine geeignete Auslegung von Software die Macht monopolistischer Akteure zu brechen, ist groß. In auffallend regelmäßigen Abständen taucht am Horizont der nächste Facebook- oder Twitter-Killer auf und macht seine Runde durch die Hype-Achterbahn des Internets.

Jeder Mensch ist ein Künstler

Wenn Andres Veiel Film ›Beuys | Kunscht‹ demnächst in die Kinos kommt, sollte man nicht lange zögern, denn solche Filme laufen selbst in den Programmkinos allerhöchstens eine Woche. Von Beuys ist der gerne missverstandene Ausspruch überliefert: »Jeder Mensch ist ein Künstler.« Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch ein genialer Maler oder Bildhauer sei. Das hat Beuys nie behauptet. Der Ausspruch ist nur verständlich, wenn man sich klarmacht, was Beuys unter dem Erweiterten Kunstbegriff verstanden hat.

Therapie verweigert

Es gibt Maßnahmen, mit denen man die ganz große Klimakatastrophe abwenden könnte. Dazu zählen: der sofortige Stopp des Fleischverzehrs, die Einstellung des Nassanbaus von Reis, ein weltweites Verbot von Schiffs- und Flugreisen sowie von Verbrennungsmotoren in Privatfahrzeugen und natürlich die schnelle und vollständige Einstellung der Öl-, Gas- und Kohleförderung insgesamt. Kalter Entzug! Unangenehm, nicht wahr? So qualvoll wie eine Chemotherapie. Einer solchen Tortur setzt man sich nur aus, wenn es das eigene Leben gilt.

Wir sind Rassisten!

La Vuelta del Malón von Ángel Della Valle (1892). Es hängt im Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires. Wir brauchen neue Begriffe. ›Rassist‹ ist ein Schimpfwort und Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Damit aber tabuisieren wir etwas, das uns unangenehm ist, und erschweren uns die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in unserer Gesellschaft ­und unserer eigenen Welterfahrung. Wie kann man mit seinen Mitmenschen über Rassismus diskutieren, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?

Asynchronität

Seit drei Wochen bin ich mit meiner Frau in Buenos Aires und genieße den Sommer, womit ich bereits bei der ersten Asynchronität wäre. Wenn in Europa Winter ist, steigt das Thermometer in Buenos Aires nicht selten auf über 30° C und die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel. Da die Stadt am Rio de la Plata liegt, der so breit wie die Ostsee ist, weht meistens ein angenehmer Wind in der Stadt.

Der Wendepunkt

Der russische Botschafter wird in der türkischen Hauptstadt Ankara vor laufenden Kameras ermordet. Alle Welt erwartet nun eine diplomatische Krise. Doch das Gegenteil tritt ein. Nur zwei Tage später einigen sich Russland, die Türkei und der Iran auf eine gemeinsame Vermittlungsmission in Syrien. Im Westen bemerkt kaum jemand die Tragweite dieser Nachricht. Man ist mit anderen Dingen beschäftigt, die vermeintlich wichtiger sind. Dabei markiert diese diplomatische Offensive einen Wendepunkt in der Weltpolitik.

Ohne Menschheit kein Mensch

Ein unscheinbarer Nominalsatz aus meinem Buch über die Soziale Plastik begrüßt die Besucher meiner Autoren-Homepage: Ohne Menschheit kein Mensch. Wer das Buch, aus dem diese Maxime stammt, gelesen hat, versteht seine Bedeutung. Auch den Lesern des kleinen, spekulativen Aufsatzes »Demeter und die Allmende des Sein« dürfte der Satz etwas sagen. Allen anderen möchte ich hier kurz erklären, was damit gemeint ist. In vielen Religionen und Kulturen wird der Mensch als das Geschöpf einer höheren Macht verstanden.

Wie eine Ratte im Labyrinth

Wer seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdient, kommt sich mittlerweile vor wie die sprichwörtliche Ratte im Labyrinth der Verhaltensforscher. Man kann arbeiten bis zum Umfallen, sparen, so gut es geht, sein Geld anlegen, wo immer man will, wählen, wen man will, am Ende kassiert immer der, der schon mehr als genug hat, und man selbst ist der Dumme. Je mehr man sich anstrengt, um so reicher werden die Reichen. Nun, da der Experimentator für totale Frustration gesorgt hat, führt er das Charakter-Experiment durch und bietet der Ratte einen Sündenbock.