juh's Sudelbuch


juh's Sudelbuch

Schlanker Staat

14.10.2019 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Die Rede vom schlanken Staat verschleiert die Funktion, die er im Kapitalismus hat. Die neoliberale Propaganda, die uns die Ideologie des schlanken Staats einbläuen will, ist nämlich in erster Linie Propaganda und nicht Propagierung eines ideologischen Standpunkts. Das Kapital bedient sich des Staates vielmehr als eines beliebig einsetzbaren Werkzeugs zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Der Einsatz dieses Werkzeugs muss dabei nicht immer offen gewaltsam sein, wie bei der paramilitärischen Niederschlagung eines politischen Streiks oder der Ermordung von Umweltschützern und Vertretern indigener Interessen.

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Nachrichten rufen Irrsinn hervor

18.08.2019 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Walter Benjamin schreibt im Passagenwerk (E°,33): »1863 publiziert Jacques Fabien ›Paris en songe‹. Er entwickelt darin wie Elektrizität durch die Überfülle von Licht vielfache Erblindung, durch das Tempo des Nachrichtendienstes Irrsinn hervorruft.« Die affirmative Fortschrittserzählung hat eine eigene Schublade für solche fortschrittskritischen Äußerungen aus der Zeit der Industrialisierung. Es ist die Schublade der schrulligen Verlierer, die ohne Zweifel von der Geschichte widerlegt wurden. Und wenn sich kein borniertes Zitat eines hoffnungslos Abgehängten finden lässt, erfinden die Apologeten des Fortschritts auch gerne selbst eins.

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Der Fluch der Mondlandung

21.07.2019 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Es ist kaum möglich, die Tatsache zu ignorieren, dass vor 50 Jahren ein amerikanischer Soldat erstmals den Mond betrat. Allerdings kann auch niemand die Ernüchterung übersehen, mit der man gerade überall diesen großen Schritt für die Menschheit feiert, der alles andere als das war. Die Mondlandung hat die Menschheit nicht nach vorne, sondern auf Abwege gebracht. Apollo 11 hat meiner Generation Flausen in den Kopf gesetzt. Ich war sechs als die Welt vor den Fernsehgeräten das größte Abenteuer der Menschheit miterlebte.

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Das Fußgängerzonenwerk

17.07.2019 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Würde sich Walter Benjamin, wenn er sein berühmtes Passagenwerk heute verfassen wollte, den Fußgängerzonen widmen? Sie bieten sich für eine materialistische Geschichtsschreibung förmlich an. In ihren Mauern ist Geschichte gespeichert und ihren Siegeszug treten sie Mitte des 20. Jahrhunderts an. Zwei Weltkriege hatten damals das mittlere Großbürgertum, das in der Gründerzeit ganze Straßenzüge mit mehrstöckigen Wohnhäusern in die Höhe zog, in denen im gediegenen Vorderhaus die Bourgoisie repräsentierte und nach hinten raus der Kleinbürger zur Miete die Repräsentation mit finanzierte, ordentlich durchgeschüttelt.

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Schweigen

03.07.2019 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Ich wünschte, wir würden schweigen. Wenigstens für einen Tag. Ein Tag des Schweigens, um uns zu reinigen. Die Mönche waren große Schweiger, bis die Reformation ihr Schweigegelübde brach und Glaubensartikel mit einer Geschwätzigkeit an den Mann brachte, die uns heute noch die Ohren klingeln lässt. Die Reformatoren haben die Reklame erfunden. Lucas Cranach war nicht nur Maler. Er betrieb auch einen Verlag mit Druckereien, in denen er die Prospekte der Reformation, vor allem Luthers Predigten, auf billigem Papier druckte.

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Der schwarze Dienstag

27.03.2019 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Das tat richtig weh. Mit dem Hohngelächter von Leuten, die wissen, dass sie uns endlich da haben, wo sie uns hin haben wollten, schlugen uns gestern die diätenprallen Schranzen der Verwerterindustrie kräftig ins Gesicht. Und als wir zu Boden gingen, traten sie noch einmal richtig nach. Das Europäische Parlament hat am gestrigen schwarzen Dienstag das freie Internet zerstört. Der Verwerterindustrie ist gestern endlich der große Gegenschlag gelungen, den sie seit den 90er Jahren, als sich langsam aus bescheidenen Anfängen das Internet in der heutigen Form herausbildete, vorbereitet haben.

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2018: das Coop-Jahr

03.12.2018 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Jahresrückblick: 20 Jahre Sudelbuch Dieses Jahr, im Juni, feierte das Sudelbuch seinen 20sten Geburtstag. Die erste Sudelei erschien am 20.6.1998 und widmete sich dem Ende der Kohl-Ära. Jetzt könnte ich etwas über das Ende der Ära Merkel schreiben, wenn mir das denn wichtig wäre. Etwas anderes ist mir wichtiger. In der Anfangszeit des Sudelbuchs habe ich im Dezember oft einen Jahresrückblick gemacht. Diese Tradition, die zwischenzeitlich eingeschlafen ist, soll mit dieser Sudelei neu belebt werden.

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Tatsächlichere Tatsachen

30.10.2018 - Lesezeit ca. 10 Minuten

Warum Fakten gegen Populismus nicht helfen Der öffentliche Diskurs steckt in einer beispiellosen Krise. Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit – zwei Tugenden, ohne die ein rationaler Diskurs unmöglich wird, werden nicht bloß durch Lügner und Betrüger angegriffen und durch Lüge und Verlogenheit herausgefordert, sie sind als Kategorien praktisch hinweggewischt worden. Zwischen der Lüge und der Wahrheit wird kein Unterschied mehr gemacht und wenn doch noch auf einer Differenz bestanden wird, so haben beide ihre Plätze vertauscht.

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Die Kostenlos-Kultur verwandelt Menschen in Nutztiere

17.09.2018 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Deutschland – ein Gemeinwesen macht Platte In der kürzlich veröffentlichten Allensbach-Umfrage Generation Mitte 2018 bezeichnen fast zwei Drittel der Befragten den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land als schwach oder sehr schwach. Die Generation Mitte rekrutiert sich nach den Statistikern aus den 30- bis 59-jährigen. Dieses Stimmungsbild ist nach den Zerstörungen, die der Neoliberalismus in unserem Land spätestens seit der Machtübernahme Kohls angerichtet hat, keine Überraschung. Was mich wundert, ist, dass man den Neoliberalismus noch nicht als Ursache unserer Probleme ausgemacht hat.

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So holen wir uns das Internet zurück

25.07.2018 - Lesezeit ca. 10 Minuten

Die Lüge des Plattform-Kapitalismus Der Plattform-Kapitalismus hat uns in den letzten beiden Jahrzehnten eingeredet, dass neue Technologien disruptiv seien, weil sie nicht nur technische, sondern auch soziale Auswirkungen haben. Das ist jedoch eine Lüge. Dafür dass wir den Plattform-Kapitalisten so leicht auf den Leim gegangen sind, gibt es nur eine Entschuldigung: die technische Entwicklung verlief so schnell, dass wir nur zu gerne glaubten, dass ihre Dynamik auch die Ursache für die gesellschaftlichen Verwerfungen gewesen sei, die wir heute beklagen.

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Gemeinsam rocken wir die DSGVO!

25.05.2018 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Wenn die Panik um die DSGVO für mich eine positive Seite hatte, dann war es die Bestätigung, dass es richtig war, mich in einer Genossenschaft mit anderen zusammenzuschließen, um meine Websites zu betreiben. Gemeinsam macht der Kampf mit dem bürokratischen Monstrum doch deutlich mehr Spaß. Die historische Dimension Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ist in meiner Erinnerung das erste Gesetz, das so ziemlich jeden in meinem Bekanntenkreis umgetrieben hat. Ich müsste schon bis zur Euro-Einführung zurückgehen, um einen gesetzlichen Einschnitt zu finden, der ähnlich viele Menschen bewegt hat.

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Das Irrationale in der Repräsentation

26.03.2018 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Einer der üblichen Gemeinplätze besagt, dass unser komplexes politisches System ohne Repräsentation nicht funktionieren könne. Die repräsentative Demokratie, so will uns diese Aussage weismachen, wird damit zu einem Sachzwang, den man nicht hinterfragen, sondern bloß akzeptieren kann. Da Millionen Bürger aus offensichtlichen, organisatorischen Gründen nicht in der Lage sind, Gesetze zu verabschieden, müssen dies gewählte Vertreter tun. Der Think Tank »Das progressive Zentrum« hat im Dezember 2017 ein ›Diskussionspapier‹ veröffentlicht, in dem die Autoren feststellen, dass die repräsentative Demokratie vor großen Herausforderungen steht.

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