China und die westlichen Idiotien

27.11.2021 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Wenn man die Fähigkeit eines Gemeinwesens, existenzielle Krise zu meistern, als Maßstab nimmt, hat die Volksrepublik China seine Überlegenheit gegenüber den westlichen Idiotien in den letzten zwei Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Während der Corona-Virus sich auch zwei Jahre nach dem Ausbruch in aller Welt ungehindert austoben kann, obwohl bereits mehrere wirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen, hatte China das Virus nach drei Monaten unter Kontrolle. Bis dahin starben 4.849 Menschen an Covid-19 in der Volksrepublik China.

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Aus der Zeit gerissen?

01.11.2021 - Lesezeit ca. 6 Minuten

»Aus der Zeit gerissen« – den Titel der Ausstellung im Wuppertaler VonderHeydt-Museum verstand ich zunächst falsch, denn ich bezog ihn auf Joseph Beuys und seine seltsam schamanisch anmutenden Fluxus-Happenings. Der Katalog klärte und vertiefte das Missverständnis. Denn laut des Klappentextes meint der Titel die Fähigkeit der Photographie, Momente aus dem Fluss der Zeit zu reißen, womit sie ihnen und der Beuys’schen Kunst erst ihre eigentliche Wirkung verleihen. Die Fotos von Ute Klophaus, so heißt es, »vermitteln zugleich die besondere Ausstrahlung, Intensität und Energie des Akteurs der Handlung.

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Mack@Cragg oder Erde und Welt

12.09.2021 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Wer Werke von zwei gegensätzlichen, fast antipodischen Bildhauern sehen möchte, muss in den Skulpturenpark Waldfrieden nach Wuppertal fahren. Dort treffen die Skulpturen von Heinz Mack auf die des achtzehn Jahre jüngeren Tony Cragg. Von den vielen Gegensätzen sei nur einer erwähnt, der nicht sofort ins Auge fällt. Während Tony Cragg mit großer Virtuosität die Symmetrie vermeidet, ist sie bei Mack ein nahezu unvermitteltes, fast naives Stilmittel. Im Pavillon ganz oben, knapp unterhalb des Bergrückens, den der Park fast erreicht, sind Marmorplastiken von Mack ausgestellt.

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Von den Taliban lernen

11.09.2021 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Niemand lässt ein gutes Haar an den bärtigen Männern in Kabul. Dabei haben die Taliban den ausländischen Besatzern, am Ende sehr viel schneller, als diese es erwartet hatten, die Tür gezeigt, durch die sie verschwinden sollten. Dieser Sieg ist wenigstens aus unbefangen historischer Sicht eine kleine Anerkennung wert. Fast 20 lange Jahre haben sich die Taliban gegen eine technisch weit überlegende Militärmacht aufgelehnt und diese schließlich in die Knie gezwungen. Die USA, die aus purer Rachsucht, das Volk am Hindukush überfallen hatten, mussten wie geprügelte Hunde abziehen und mit ihnen ihre Verbündeten.

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Die Guillotine

08.08.2021 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Die Guillotine trennt nicht nur den Kopf vom Rumpf, sondern auch die Zukunft von der Vergangenheit. So verlor Ludwig XVI 1793 unter der Guillotine nicht nur Kopf und Leben. Durch den sauberen Schnitt wurde auch die absolute Monarchie für immer in der Vergangenheit zurückgelassen. Wie tief der Schnitt ging, unterstreicht der Staatsstreich, mit dem wenige Jahre später ein durchgeknallter General von fragwürdiger Geburt mitten in Europa die erste moderne Militärdiktatur der neueren Geschichte errichtete.

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Als Laschet Beuys kastrierte

24.07.2021 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Es muss für den CDU-Mann Armin Laschet eine späte Genugtuung gewesen sein, als er die Schirmherrschaft für eine Ausstellung übernahm, die Joseph Beuys mit einer des Anlasses würdigen kultischen Verehrung kastriert. Immerhin hat sich Laschets CDU in Kassel bis auf die Knochen blamiert, als sie gemeinsam mit der FDP keine Gelegenheit ausließ, um mit kleinbürgerlicher Verbissenheit gegen die soziale Plastik 7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung Front zu machen. Wenn es das Ziel war, den Erweiterten Kunstbegriff von Beuys zu neutralisieren und als affirmative Fußnote in das neoliberale Globalisierungsnarrativ zu integrieren, dann ist die Düsseldorfer Ausstellung »Jeder Mensch ist ein Künstler.

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Besser nicht regieren, als mit Mann regieren

08.07.2021 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Ich soll also eine Partei wählen, denen die Frauenquote wichtiger ist als die Chance, an die Macht zu kommen? Eine Partei, die den Lindner macht? Besser nicht regieren, als mit Mann regieren? Ist das euer Ernst? Ich soll eine Partei wählen, die eine Frau zur Kanzlerkandidatin macht, von der ihre Bewunderer nichts besseres zu sagen wissen, als dass sie eine gute Netzwerkerin sei? Netzwerken – das ist das Golfspielen der Generation Praktikum, die Hinterzimmerpolitik der Credit-Point-Sammler, der Kölsche Klüngel der prekären Ich-AGs!

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Marginalisierte Gefühle

01.06.2021 - Lesezeit ca. 5 Minuten

»Wenn ich jetzt da reingucke, finde ich garantiert den Fehler«, sagte mein ehemaliger Chef immer, wenn aus der Druckerei die Belegexemplare einer Broschüre eintrafen, die wir in unserer Agentur erstellt hatten. Obwohl er selbst, seine Sekretärin mit den Argusaugen und meine Wenigkeit alle Texte mehrmals Korrektur gelesen hatten, wollte es der Zufall, dass mein Chef beim ersten Blättern in den gedruckten Exemplaren mit schlafwandlerischer Sicherheit den einzigen Fehler fand, den wir alle übersehen hatten.

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Nicht böse, nur anders

28.05.2021 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Kürzlich entdeckte ich die RSS-Feeds des Robert-Koch-Instituts, von denen ich einige sofort abonnierte. Bei der Lektüre der Corona-Lagebilder und der Epidemologischen Bulletins des RKI wurde mir eine Metainformation bewusst, die im öffentlichen Diskurs – sowohl in den klassischen als auch in den sozialen Medien – komplett ausgeblendet wird. Leider vermag ich nicht mehr anzugeben, wo genau ich auf diese Information stieß. Vermutlich habe ich sie aus verschiedenen Formulierungen des RKI synthetisiert.

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Gott ist tot

02.04.2021 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Die Skandalisierung einer Person oder einer Sache beendet in der Regel das Nachdenken über Person und Sache, bevor es begonnen hat. Glücklicherweise ist dies im Falle des Philosophen Martin Heidegger anders. Zu seinem Fall hat nicht nur die historische Forschung einiges zusammengetragen, mit Adornos Schrift ›Jargon der Eigentlichkeit‹ haben wir auch eine erhellende Sprachkritik zur Hand, um gegen einige Besonderheiten des Heideggerschen Denkens wie gegen einen tödlichen Virus quasi geimpft zu sein.

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Zeitenwende

15.03.2021 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Der erste Weltkrieg war nach der langen Friedenszeit der Belle Époque eine universale Zeitenwende, wie es sie seit der Französischen Revolution nicht mehr gegeben hatte. Vier Jahre Krieg genügten, um den USA als neuer Großmacht die Weltbühne zu bereiten, von deren Brettern die alten europäischen Imperialmächte eine nach der anderen abtreten mussten. Der Krieg fegte gottgewollte Monarchien hinweg und spaltete mit der Oktoberrevolution die Welt für Jahrzehnte in Ost und West.

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Wird Corona unsere Demokratie zerstören?

07.12.2020 - Lesezeit ca. 5 Minuten

Die Corona-Pandemie könnte eine ähnlich fatale Wirkung entfalten wie die Weltwirtschaftskrise von 1929, die die Demokratie in Deutschland wie ein Kartenhaus zusammenstürzen ließ. Wie damals liegen die Ursachen tiefer. Der Börsencrash von 1929 und der Corona-Virus des Jahres 2020 stießen bloß nieder, was ohnehin fallen wollte. Die neoliberale Sklerose wuchert überall. Der Neoliberalismus, der die westlichen Gesellschaften seit vier Jahrzehnten beherrscht, hat die staatlichen Strukturen zerfressen. Der postmoderne Lebensstil des Anything-goes, das kulturindustrielle Pendant zum Neoliberalismus hat soziale Strukturen atomisiert und hedonistisch-neurotische Individuen zurückgelassen.

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Sie müssen dieses Buch nicht lesen, aber Sie sollten wissen, warum es bemerkenswert ist.

02.12.2020 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Ich rezensiere keine Bücher. Goethe hat in einem seiner Gedichte alles gesagt, was man über Rezensenten wissen muss. Und das war nicht sehr freundlich. Vor einigen Tagen hat mich aber eine Buchkritik dermaßen erbost, dass ich sogleich den Verlag des verrissenen Buches1 anschrieb, um ein Rezensionsexemplar für eine Gegenkritik zu erbitten. Wenn dies hier also eins der von Goethe so verhassten hündischen Machwerke ist, beschäftigt sich mindestens die Hälfte dieser Rezension mit jener Rezension.

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Das Ganze und die Teile des ganzen Rests

29.10.2020 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Der postmoderne Mensch ist unfähig, sich als Teil eines Ganzen zu sehen. Er ist sich selbst das Ganze, dem die Teile der übrigen Welt, der ganze Rest, zu Diensten sein sollen. Dieser soziale Singularismus findet seine unverschleierte Verkörperung im amerikanischen Präsidenten, der ein kollektives Ereignis wie den Klimawandel oder die Covid19-Pandemie leugnen muss, um mit seinem rücksichtslos individualistisches Weltbild nicht in Widersprüche zu geraten, die selbst ein blondiertes Toupet nicht mehr leugnen könnte.

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Notizen zur Dialektik der Aufklärung

06.10.2020 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Das Rationale am Mythos ist die Art wie er das Inkommensurable und Nicht-Identische dem begrifflichen Zugriff des Menschen anpasst. Er belässt es nicht dabei, der kontingenten Naturgewalt ihre Geheimnisse zu entreißen. In seinem Kern geht es vor allem darum, menschliche Gemeinheit und Niedertracht zu rechtfertigen. Dies erhellen die Episoden der Odyssee, von denen Horkheimer und Adorno einige in der ›Dialektik der Aufklärung‹ analysieren. In einer Episode des Epos verschlägt es die Söhne Ithakas an die Küste der Kyklopen, wo Odysseus die fehlende Triebsteuerung des Kyklopen Polyphem ausnutzt, um diesen mit den Ko-Tropfen des Dionysos wehrlos zu machen und gemeinsam mit seine Gefährten zu blenden.

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Die wilde Masse und der ironische Romanist

08.08.2020 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Auf Telepolis huldigt Magdalena Frey der Masse, die wild denke in Verschwörungstheorien, die im Volk vor sich hinwuchern. Der Mob als schöner Wilde, der vor sich hin bastelt, wie Lévi-Strauss in seinem wilden Denken schrieb? Das ist eine steile These. »Die Masse bastelt zwar, sie stümpert nur aus Abfällen. Aber die Masse denkt!« ruft sie emphatisch aus, und vergisst dabei, dass das, was sie als quasi basisdemokratisches, wildes Denken verherrlicht, längst zu einer Manipulationstechnik geworden ist, die professionell angewendet wurde, um Großbritannien aus der EU und Trump ins Weiße Haus zu bringen.

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Nazis verdünnen

08.07.2020 - Lesezeit ca. 2 Minuten

In der alten Bundesrepublik gehörte es zur ideologischen Grundausbildung, das militärische Glaubensbekenntnis herunterbeten zu können. Dieser weltliche Katechismus bläute uns ein, dass die allgemeine Wehrpflicht und der Bürger in Uniform den berüchtigten Staat im Staate verhindere, der zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hatte und für Millionen Tote verantwortlich war. Ein Slogan kann noch so dämlich sein, oft genug wiederholt, bleibt immer etwas hängen; und so regte sich 2010 tatsächlich hier und da leiser Protest gegen die Aussetzung der Wehrpflicht durch Deutschlands obersten Plagiator, Karl-Theodor zu Guttenberg.

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Das bürgerliche Lager lässt die Maske fallen

06.02.2020 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Neun Tage nachdem die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz sich zum fünfundsiebzigsten Mal jährte, ließen die bürgerlichen Parteien in Deutschland die Maske fallen und paktierten mit denen, die das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin als ein Mahnmal der Schande bezeichnen. Der Handschlag zwischen Höcke und Kemmerich im Thüringer Landtag besiegelte den Pakt zwischen den Bürgerlichen und den Faschisten. Wer Augen im Kopf hat, konnte dies kommen sehen, denn Kemmerich hat seine Gesinnung im Wahlkampf nicht einmal verborgen.

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Oasen der Differenz in der Wüste der Marginalisierung

13.12.2019 - Lesezeit ca. 5 Minuten

Die Soziale Plastik ist kein Begriff der ästhetischen Theorie, sondern der ökonomischen Praxis. Diese ist geprägt von einer Vereinzelung des Einzelnen durch den Kapitalismus in neoliberaler Ausprägung, indem er das Subjekt zum Entrepreneur seiner selbst stilisiert und damit zu einer ökonomischen Ressource erniedrigt, deren Wert sich an ihrer Ausbeutbarkeit bestimmt. Die Freiheit des Subjekts im Kapitalismus ist eine falsche Freiheit; es ist die Freiheit des Konsums, der den unaufhörlich produzierten Warenstrom neutralisieren muss, damit die Illusion aufrecht erhalten bleibt, dass für Bedürfnisse produziert werde.

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Putins Jahr

13.12.2019 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Putin ist gestern seinem großen Ziel, der Zerschlagung einer konkurrierenden, politischen und wirtschaftlichen Macht an seiner Westfront ein großes Stück nähergekommen. Vielleicht geht der Schuss für ihn aber auch nach hinten los, denn Europa bekommt, wenn der ewige Nörgler und Bremser Großbritannien die EU endlich verlässt, die große und vielleicht die letzte Chance zu grundlegenden Reformen. Doch bis das entschieden ist, kann sich Putin über diesen Coup freuen. 2019 ist das Jahr des russischen Autokraten.

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Schlanker Staat

14.10.2019 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Die Rede vom schlanken Staat verschleiert die Funktion, die er im Kapitalismus hat. Die neoliberale Propaganda, die uns die Ideologie des schlanken Staats einbläuen will, ist nämlich in erster Linie Propaganda und nicht Propagierung eines ideologischen Standpunkts. Das Kapital bedient sich des Staates vielmehr als eines beliebig einsetzbaren Werkzeugs zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Der Einsatz dieses Werkzeugs muss dabei nicht immer offen gewaltsam sein, wie bei der paramilitärischen Niederschlagung eines politischen Streiks oder der Ermordung von Umweltschützern und Vertretern indigener Interessen.

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Nachrichten rufen Irrsinn hervor

18.08.2019 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Walter Benjamin schreibt im Passagenwerk (E°,33): »1863 publiziert Jacques Fabien ›Paris en songe‹. Er entwickelt darin wie Elektrizität durch die Überfülle von Licht vielfache Erblindung, durch das Tempo des Nachrichtendienstes Irrsinn hervorruft.« Die affirmative Fortschrittserzählung hat eine eigene Schublade für solche fortschrittskritischen Äußerungen aus der Zeit der Industrialisierung. Es ist die Schublade der schrulligen Verlierer, die ohne Zweifel von der Geschichte widerlegt wurden. Und wenn sich kein borniertes Zitat eines hoffnungslos Abgehängten finden lässt, erfinden die Apologeten des Fortschritts auch gerne selbst eins.

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Der Fluch der Mondlandung

21.07.2019 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Es ist kaum möglich, die Tatsache zu ignorieren, dass vor 50 Jahren ein amerikanischer Soldat erstmals den Mond betrat. Allerdings kann auch niemand die Ernüchterung übersehen, mit der man gerade überall diesen großen Schritt für die Menschheit feiert, der alles andere als das war. Die Mondlandung hat die Menschheit nicht nach vorne, sondern auf Abwege gebracht. Apollo 11 hat meiner Generation Flausen in den Kopf gesetzt. Ich war sechs als die Welt vor den Fernsehgeräten das größte Abenteuer der Menschheit miterlebte.

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Das Fußgängerzonenwerk

17.07.2019 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Würde sich Walter Benjamin, wenn er sein berühmtes Passagenwerk heute verfassen wollte, den Fußgängerzonen widmen? Sie bieten sich für eine materialistische Geschichtsschreibung förmlich an. In ihren Mauern ist Geschichte gespeichert und ihren Siegeszug treten sie Mitte des 20. Jahrhunderts an. Zwei Weltkriege hatten damals das mittlere Großbürgertum, das in der Gründerzeit ganze Straßenzüge mit mehrstöckigen Wohnhäusern in die Höhe zog, in denen im gediegenen Vorderhaus die Bourgoisie repräsentierte und nach hinten raus der Kleinbürger zur Miete die Repräsentation mit finanzierte, ordentlich durchgeschüttelt.

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Schweigen

03.07.2019 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Ich wünschte, wir würden schweigen. Wenigstens für einen Tag. Ein Tag des Schweigens, um uns zu reinigen. Die Mönche waren große Schweiger, bis die Reformation ihr Schweigegelübde brach und Glaubensartikel mit einer Geschwätzigkeit an den Mann brachte, die uns heute noch die Ohren klingeln lässt. Die Reformatoren haben die Reklame erfunden. Lucas Cranach war nicht nur Maler. Er betrieb auch einen Verlag mit Druckereien, in denen er die Prospekte der Reformation, vor allem Luthers Predigten, auf billigem Papier druckte.

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Der schwarze Dienstag

27.03.2019 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Das tat richtig weh. Mit dem Hohngelächter von Leuten, die wissen, dass sie uns endlich da haben, wo sie uns hin haben wollten, schlugen uns gestern die diätenprallen Schranzen der Verwerterindustrie kräftig ins Gesicht. Und als wir zu Boden gingen, traten sie noch einmal richtig nach. Das Europäische Parlament hat am gestrigen schwarzen Dienstag das freie Internet zerstört. Der Verwerterindustrie ist gestern endlich der große Gegenschlag gelungen, den sie seit den 90er Jahren, als sich langsam aus bescheidenen Anfängen das Internet in der heutigen Form herausbildete, vorbereitet haben.

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2018: das Coop-Jahr

03.12.2018 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Jahresrückblick: 20 Jahre Sudelbuch Dieses Jahr, im Juni, feierte das Sudelbuch seinen 20sten Geburtstag. Die erste Sudelei erschien am 20.6.1998 und widmete sich dem Ende der Kohl-Ära. Jetzt könnte ich etwas über das Ende der Ära Merkel schreiben, wenn mir das denn wichtig wäre. Etwas anderes ist mir wichtiger. In der Anfangszeit des Sudelbuchs habe ich im Dezember oft einen Jahresrückblick gemacht. Diese Tradition, die zwischenzeitlich eingeschlafen ist, soll mit dieser Sudelei neu belebt werden.

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Tatsächlichere Tatsachen

30.10.2018 - Lesezeit ca. 10 Minuten

Warum Fakten gegen Populismus nicht helfen Der öffentliche Diskurs steckt in einer beispiellosen Krise. Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit – zwei Tugenden, ohne die ein rationaler Diskurs unmöglich wird, werden nicht bloß durch Lügner und Betrüger angegriffen und durch Lüge und Verlogenheit herausgefordert, sie sind als Kategorien praktisch hinweggewischt worden. Zwischen der Lüge und der Wahrheit wird kein Unterschied mehr gemacht und wenn doch noch auf einer Differenz bestanden wird, so haben beide ihre Plätze vertauscht.

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Die Kostenlos-Kultur verwandelt Menschen in Nutztiere

17.09.2018 - Lesezeit ca. 8 Minuten

Deutschland – ein Gemeinwesen macht Platte In der kürzlich veröffentlichten Allensbach-Umfrage Generation Mitte 2018 bezeichnen fast zwei Drittel der Befragten den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land als schwach oder sehr schwach. Die Generation Mitte rekrutiert sich nach den Statistikern aus den 30- bis 59-jährigen. Dieses Stimmungsbild ist nach den Zerstörungen, die der Neoliberalismus in unserem Land spätestens seit der Machtübernahme Kohls angerichtet hat, keine Überraschung. Was mich wundert, ist, dass man den Neoliberalismus noch nicht als Ursache unserer Probleme ausgemacht hat.

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So holen wir uns das Internet zurück

25.07.2018 - Lesezeit ca. 10 Minuten

Die Lüge des Plattform-Kapitalismus Der Plattform-Kapitalismus hat uns in den letzten beiden Jahrzehnten eingeredet, dass neue Technologien disruptiv seien, weil sie nicht nur technische, sondern auch soziale Auswirkungen haben. Das ist jedoch eine Lüge. Dafür dass wir den Plattform-Kapitalisten so leicht auf den Leim gegangen sind, gibt es nur eine Entschuldigung: die technische Entwicklung verlief so schnell, dass wir nur zu gerne glaubten, dass ihre Dynamik auch die Ursache für die gesellschaftlichen Verwerfungen gewesen sei, die wir heute beklagen.

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Gemeinsam rocken wir die DSGVO!

25.05.2018 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Wenn die Panik um die DSGVO für mich eine positive Seite hatte, dann war es die Bestätigung, dass es richtig war, mich in einer Genossenschaft mit anderen zusammenzuschließen, um meine Websites zu betreiben. Gemeinsam macht der Kampf mit dem bürokratischen Monstrum doch deutlich mehr Spaß. Die historische Dimension Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ist in meiner Erinnerung das erste Gesetz, das so ziemlich jeden in meinem Bekanntenkreis umgetrieben hat. Ich müsste schon bis zur Euro-Einführung zurückgehen, um einen gesetzlichen Einschnitt zu finden, der ähnlich viele Menschen bewegt hat.

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Das Irrationale in der Repräsentation

26.03.2018 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Einer der üblichen Gemeinplätze besagt, dass unser komplexes politisches System ohne Repräsentation nicht funktionieren könne. Die repräsentative Demokratie, so will uns diese Aussage weismachen, wird damit zu einem Sachzwang, den man nicht hinterfragen, sondern bloß akzeptieren kann. Da Millionen Bürger aus offensichtlichen, organisatorischen Gründen nicht in der Lage sind, Gesetze zu verabschieden, müssen dies gewählte Vertreter tun. Der Think Tank »Das progressive Zentrum« hat im Dezember 2017 ein ›Diskussionspapier‹ veröffentlicht, in dem die Autoren feststellen, dass die repräsentative Demokratie vor großen Herausforderungen steht.

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Der Taubenschlag in der Hosentasche

08.03.2018 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Früher, als man Nachrichten noch mit Hilfe von Brieftauben austauschte, musste man immer Tauben aus dem Taubenschlag seiner Brieffreunde im Käfig haben. In Brieftauben ist nämlich ein unidirektionales Protokoll implementiert. Sie fliegen immer nur zurück zu ihrem eigenen Taubenschlag. Da die artgerechte Haltung von Brieftauben anspruchsvoll und teuer ist, man denke allein an die Kosten für das Vogelfutter, schrieb man sich früher nur dann einen Brief, wenn es wirklich notwendig war.

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An ihren Festen sollt ihr sie erkennen

08.02.2018 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Der äthanolgetriebene Straßenkarneval hat begonnen. Nun herrscht die Zeit, die für humorvolle und musikalische Menschen nicht bloß ein vorgezogener Aschermittwoch, keine leicht verlängerte sechsundvierzigtägige Fastenzeit ist, sondern ein ausgewachsenes Purgatorium in den inneren Kreisen der Hölle. Was jetzt auf die Bühnen steigt und von den trunkenen Massen beklatscht wird, muss das übrige Jahr zum Lachen in den Keller gehen und zum Musizieren noch eine Etage tiefer hinabsteigen. Und was in den nächsten Tagen auf den Straßen – die Flasche unter dem Arm – umherläuft, schämt sich sicherlich auch in den übrigen vier Jahreszeiten nicht für seine erbärmlichen Schminkkünste.

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Die Erstürmung der neuen Bastille

13.01.2018 - Lesezeit ca. 5 Minuten

Metzger, Ärzte, Klavierbauer Am 14. Juli 1789 befreite das Lumpenproletariat sieben Häftlinge aus der Bastille, vier Urkundenfälscher, zwei Geisteskranke und einigen Quellen zufolge den Schriftsteller Marquis de Sade, den seine Familie dort hatte einweisen lassen. Der Kommandant der Bastille, Bernard-René Jordan de Launay, der auf die Menge hatte schießen lassen, wobei 90 Personen den Tod fanden, wurde trotz Zusicherung freien Geleits nach seiner Kapitulation von einem Metzger geköpft. Das Oberhaupt des Pariser Magistrats, der Adelige Jacques de Flesselles, der den Kommandanten retten wollte, wurde ebenfalls geköpft.

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Werft die Angel nicht ins Korn!

24.11.2017 - Lesezeit ca. 4 Minuten

Konfuzius sagte: »Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.« Da Fische heute fertig filetiert in der Tiefkühltruhe liegen, besitzt kaum noch jemand eine Angel oder ein Fischernetz. Vom Wissen darum, wie man einen Fisch damit fängt, will ich gar nicht erst sprechen. Dieser Verlust an persönlicher Überlebensfähigkeit wird, so die gängige Erklärung der Sozialwissenschaftler, durch Arbeitsteilung ausgeglichen.

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Was bleibt von der Documenta?

01.11.2017 - Lesezeit ca. 9 Minuten

Es wäre vermessen, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Die Documenta ist ein labyrinthisches Geschehen aus künstlerischen, banausischen und politischen Akten, aus ästhetischen Erfahrungen und kritischen Reflexionen, das einen Zeitraum von 100 Tagen und mehr durchdauert. Und in diesem Jahr fand die Documenta auch gleich zweimal statt, einmal in Kassel und einmal in Athen. Und wer, wie der Autor, nur einen einzigen Tag in Kassel war, sieht bloß die ephemere Momentaufnahme eines kleinen, subjektiven Teils des Ganzen.

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Nachruf auf die Bundesrepublik

25.09.2017 - Lesezeit ca. 2 Minuten

1949 – 2017 Gestern verstarb im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit die Bundesrepublik Deutschland. Wir nehmen Abschied von einem Land, in dem der Ruf »Nie wieder!« über alle Parteigrenzen hinweg zum Fundament einer Demokratie gehörte, die uns von den Alliierten geschenkt wurde. Menschenhass, völkischer Rassismus und Antisemitismus sollten in diesem Land nie wieder in den Parlamenten ihre hässliche Fratze erheben. Dieser Grundkonsens wurde gestern zerbrochen. Die Bundesrepublik hat es uns nicht immer einfach gemacht.

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Neue Phänomenologie

16.09.2017 - Lesezeit ca. 1 Minuten

Vor einigen Tagen stieß ich im Philosophie Magazin auf die »Neue Phänomenologie« von Hermann Schmitz, dessen Philosophie im Land der Systemtheoretiker und Frankophilen noch recht unbekannt ist. Sofort kaufte ich mir seine Einführung in die Neue Phänomenologie und bin schon nach wenigen Seiten davon überzeugt, das für mich wichtigste Buch nach »Person und Eros« von Christos Yannaras, den ich im letzten Jahr las, gefunden zu haben. Ich mache erst gar nicht den Versuch, hier stümperhaft zu paraphrasieren, was Schmitz in seiner Sprache, an die man sich – wie bei allen Phänomenologen – erst einmal gewöhnen muss, viel besser ausdrückt.

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Der polnische Handkuss

04.08.2017 - Lesezeit ca. 3 Minuten

Als ich 1987 zum ersten Mal nach Polen reiste, war der Handkuss zur Begrüßung noch sehr gebräuchlich. In meiner Erinnerung sehe ich vor allem vollendete Handküsse, die ebenso rasch und unverbindlich ausgeführt wurden, wie der Handschlag. Sie glichen nicht den gezierten Handküssen aus österreichischen Operettenfilmen. Ob der Handkuss unter freiem Himmel oder bei unverheirateten Frauen nur angedeutet wurde, weiß ich nicht mehr zu sagen. In den Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, waren auch die meisten jüngeren Personen bereits verheiratet.

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Erfolg und Misserfolg

28.07.2017 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Erfolg ist ein goldener Käfig. Der Zwang, das Erfolgreiche zu wiederholen, ist groß. Der Misserfolg dagegen lässt uns die Freiheit, das Erfolglose weiter zu probieren oder etwas anderes zu beginnen. Der Weg des Erfolgs gräbt sich immer tiefer in die Landschaft unserer Seele, bis er zum Canyon wird, dessen steile Wände uns den Blick auf den Horizont versperren. Der Misserfolg dagegen ist eine flache Ebene ohne einen Pfad zu den Bergen des Erfolgs in der Ferne.

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So kommt jeder auf seine Klicks

25.07.2017 - Lesezeit ca. 2 Minuten

80 % aller Insekten verschwunden Vor einigen Tagen hieß es plötzlich in allen Medien, dass 80 % aller Insekten verschwunden seien. Der Medienhype rief natürlich sofort einen Medienkritiker auf den Plan, denn auch diese Spezies lebt von Klickzahlen, der allein selig machenden Währung in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Für den Medienkritiker war der Hype eine geschickte Co-Inszenierung der Grünen und der Umweltministerin Hendricks, die den Grünen und der dämlichen Presse die Stichworte (Fliegenfreie Frontscheibe) quasi auf dem Silbertablett serviert habe.

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Das Rohe und das Gekochte

30.06.2017 - Lesezeit ca. 7 Minuten

Am 30. Juni 2017 beschloss der Bundestag, dass auch homosexuelle Paare eine bürgerliche Ehe schließen können und damit in allen weltlichen Belangen heterosexuellen Eheleuten gleichgestellt sind. Ob der Jubel über diese verspätete Gleichstellung von Dauer ist oder das Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz, wie so viele in der letzten Zeit, wieder kassiert, bleibt dahingestellt. In den Jubel mischte sich Entrüstung über einen Artikel in der FAZ, dessen Autor das christlich aufgeladene Pseudonym Johannes Gabriel benutzt.

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Was lernen wir aus den Fehlern der Piratenpartei?

02.06.2017 - Lesezeit ca. 7 Minuten

Warum hat die Piratenpartei bei den Wählern verkackt? Und zwar so gewaltig, dass sie nun eine Splitterpartei wie die bibeltreuen Christen ist. Das fragen sich viele. Eine Antwort auf diese Fragen müssten wir eigentlich längst parat haben. Denn seit Jahren klären uns vor allem Ex-Piraten darüber auf, was alles bei den Piraten falsch lief. Ich habe es längst aufgegeben, all die Artikel im Internet zu lesen, in denen die Fehler der Piraten ausführlich aufgelistet werden.

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Software hilft uns nicht weiter

12.04.2017 - Lesezeit ca. 10 Minuten

Wenn der Plattform-Kapitalismus und die Macht großer IT-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google beklagt werden, fallen Stichworte wie Peer-to-Peer oder Dezentralisierung. Innovative Technologien wie zum Beispiel die Blockchain oder offene Protokolle wie OStatus sollen dezentrale Strukturen schaffen, bei denen private Clients oder verteilte Server ohne zentrale Plattform miteinander kommunizieren. Der Glaube daran, durch eine geeignete Auslegung von Software die Macht monopolistischer Akteure zu brechen, ist groß. In auffallend regelmäßigen Abständen taucht am Horizont der nächste Facebook- oder Twitter-Killer auf und macht seine Runde durch die Hype-Achterbahn des Internets.

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Jeder Mensch ist ein Künstler

24.02.2017 - Lesezeit ca. 2 Minuten

Wenn Andres Veiel Film ›Beuys | Kunscht‹ demnächst in die Kinos kommt, sollte man nicht lange zögern, denn solche Filme laufen selbst in den Programmkinos allerhöchstens eine Woche. Zum Filmtrailer Von Beuys ist der gerne missverstandene Ausspruch überliefert: »Jeder Mensch ist ein Künstler.« Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch ein genialer Maler oder Bildhauer sei. Das hat Beuys nie behauptet. Der Ausspruch ist nur verständlich, wenn man sich klarmacht, was Beuys unter dem Erweiterten Kunstbegriff verstanden hat.

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Therapie verweigert

23.02.2017 - Lesezeit ca. 1 Minuten

Es gibt Maßnahmen, mit denen man die ganz große Klimakatastrophe abwenden könnte. Dazu zählen: der sofortige Stopp des Fleischverzehrs, die Einstellung des Nassanbaus von Reis, ein weltweites Verbot von Schiffs- und Flugreisen sowie von Verbrennungsmotoren in Privatfahrzeugen und natürlich die schnelle und vollständige Einstellung der Öl-, Gas- und Kohleförderung insgesamt. Kalter Entzug! Unangenehm, nicht wahr? So qualvoll wie eine Chemotherapie. Einer solchen Tortur setzt man sich nur aus, wenn es das eigene Leben gilt.

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Wir sind Rassisten!

15.02.2017 - Lesezeit ca. 6 Minuten

Wir brauchen neue Begriffe. ›Rassist‹ ist ein Schimpfwort und Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Damit aber tabuisieren wir etwas, das uns unangenehm ist, und erschweren uns die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in unserer Gesellschaft ­und unserer eigenen Welterfahrung. Wie kann man mit seinen Mitmenschen über Rassismus diskutieren, ohne sie vor den Kopf zu stoßen? Niemand stellt sich gerne den eigenen Denk- und Wahrnehmungsmustern, wenn sie apodiktisch verteufelt werden.

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Archiv 1998 – 2021