juh's Sudelbuch

Das Irrationale in der Repräsentation

Einer der üblichen Gemeinplätze besagt, dass unser komplexes politisches System ohne Repräsentation nicht funktionieren könne. Die repräsentative Demokratie, so will uns diese Aussage weismachen, wird damit zu einem Sachzwang, den man nicht hinterfragen, sondern bloß akzeptieren kann. Da Millionen Bürger aus offensichtlichen, organisatorischen Gründen nicht in der Lage sind, Gesetze zu verabschieden, müssen dies gewählte Vertreter tun. Der Think Tank »Das progressive Zentrum« hat im Dezember 2017 ein ›Diskussionspapier‹ veröffentlicht, in dem die Autoren feststellen, dass die repräsentative Demokratie vor großen Herausforderungen steht.

Der Taubenschlag in der Hosentasche

Früher, als man Nachrichten noch mit Hilfe von Brieftauben austauschte, musste man immer Tauben aus dem Taubenschlag seiner Brieffreunde im Käfig haben. In Brieftauben ist nämlich ein unidirektionales Protokoll implementiert. Sie fliegen immer nur zurück zu ihrem eigenen Taubenschlag. Da die artgerechte Haltung von Brieftauben anspruchsvoll und teuer ist, man denke allein an die Kosten für das Vogelfutter, schrieb man sich früher nur dann einen Brief, wenn es wirklich notwendig war.

An ihren Festen sollt ihr sie erkennen

Nächtliche Murga in Montevideo Die Trommler aus dem Barrio mit ihren Bombos, Platillos und Redoblantes Der äthanolgetriebene Straßenkarneval hat begonnen. Nun herrscht die Zeit, die für humorvolle und musikalische Menschen nicht bloß ein vorgezogener Aschermittwoch, keine leicht verlängerte sechsundvierzigtägige Fastenzeit ist, sondern ein ausgewachsenes Purgatorium in den inneren Kreisen der Hölle. Was jetzt auf die Bühnen steigt und von den trunkenen Massen beklatscht wird, muss das übrige Jahr zum Lachen in den Keller gehen und zum Musizieren noch eine Etage tiefer hinabsteigen.

Die Erstürmung der neuen Bastille

La Bastille, dans les premiers jours de sa démolition, 20 juillet 1789 Hubert Robert [Public domain], via Wikimedia Commons Metzger, Ärzte, Klavierbauer Am 14. Juli 1789 befreite das Lumpenproletariat sieben Häftlinge aus der Bastille, vier Urkundenfälscher, zwei Geisteskranke und einigen Quellen zufolge den Schriftsteller Marquis de Sade, den seine Familie dort hatte einweisen lassen. Der Kommandant der Bastille, Bernard-René Jordan de Launay, der auf die Menge hatte schießen lassen, wobei 90 Personen den Tod fanden, wurde trotz Zusicherung freien Geleits nach seiner Kapitulation von einem Metzger geköpft.

Werft die Angel nicht ins Korn!

Konfuzius sagte: »Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.« Da Fische heute fertig filetiert in der Tiefkühltruhe liegen, besitzt kaum noch jemand eine Angel oder ein Fischernetz. Vom Wissen darum, wie man einen Fisch damit fängt, will ich gar nicht erst sprechen. Dieser Verlust an persönlicher Überlebensfähigkeit wird, so die gängige Erklärung der Sozialwissenschaftler, durch Arbeitsteilung ausgeglichen.

Was bleibt von der Documenta?

Es wäre vermessen, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Die Documenta ist ein labyrinthisches Geschehen aus künstlerischen, banausischen und politischen Akten, aus ästhetischen Erfahrungen und kritischen Reflexionen, das einen Zeitraum von 100 Tagen und mehr durchdauert. Und in diesem Jahr fand die Documenta auch gleich zweimal statt, einmal in Kassel und einmal in Athen. Und wer, wie der Autor, nur einen einzigen Tag in Kassel war, sieht bloß die ephemere Momentaufnahme eines kleinen, subjektiven Teils des Ganzen.

Nachruf auf die Bundesrepublik

1949 – 2017 Gestern verstarb im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit die Bundesrepublik Deutschland. Wir nehmen Abschied von einem Land, in dem der Ruf »Nie wieder!« über alle Parteigrenzen hinweg zum Fundament einer Demokratie gehörte, die uns von den Alliierten geschenkt wurde. Menschenhass, völkischer Rassismus und Antisemitismus sollten in diesem Land nie wieder in den Parlamenten ihre hässliche Fratze erheben. Dieser Grundkonsens wurde gestern zerbrochen. Die Bundesrepublik hat es uns nicht immer einfach gemacht.

Neue Phänomenologie

Vor einigen Tagen stieß ich im Philosophie Magazin auf die »Neue Phänomenologie« von Hermann Schmitz, dessen Philosophie im Land der Systemtheoretiker und Frankophilen noch recht unbekannt ist. Sofort kaufte ich mir seine Einführung in die Neue Phänomenologie und bin schon nach wenigen Seiten davon überzeugt, das für mich wichtigste Buch nach »Person und Eros« von Christos Yannaras, den ich im letzten Jahr las, gefunden zu haben. Ich mache erst gar nicht den Versuch, hier stümperhaft zu paraphrasieren, was Schmitz in seiner Sprache, an die man sich – wie bei allen Phänomenologen – erst einmal gewöhnen muss, viel besser ausdrückt.

Der polnische Handkuss

Als ich 1987 zum ersten Mal nach Polen reiste, war der Handkuss zur Begrüßung noch sehr gebräuchlich. In meiner Erinnerung sehe ich vor allem vollendete Handküsse, die ebenso rasch und unverbindlich ausgeführt wurden, wie der Handschlag. Sie glichen nicht den gezierten Handküssen aus österreichischen Operettenfilmen. Ob der Handkuss unter freiem Himmel oder bei unverheirateten Frauen nur angedeutet wurde, weiß ich nicht mehr zu sagen. In den Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, waren auch die meisten jüngeren Personen bereits verheiratet.

Erfolg und Misserfolg

Erfolg ist ein goldener Käfig. Der Zwang, das Erfolgreiche zu wiederholen, ist groß. Der Misserfolg dagegen lässt uns die Freiheit, das Erfolglose weiter zu probieren oder etwas anderes zu beginnen. Der Weg des Erfolgs gräbt sich immer tiefer in die Landschaft unserer Seele, bis er zum Canyon wird, dessen steile Wände uns den Blick auf den Horizont versperren. Der Misserfolg dagegen ist eine flache Ebene ohne einen Pfad zu den Bergen des Erfolgs in der Ferne.