juh's Sudelbuch

Nachruf auf die Bundesrepublik

1949 – 2017 Gestern verstarb im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit die Bundesrepublik Deutschland. Wir nehmen Abschied von einem Land, in dem der Ruf »Nie wieder!« über alle Parteigrenzen hinweg zum Fundament einer Demokratie gehörte, die uns von den Alliierten geschenkt wurde. Menschenhass, völkischer Rassismus und Antisemitismus sollten in diesem Land nie wieder in den Parlamenten ihre hässliche Fratze erheben. Dieser Grundkonsens wurde gestern zerbrochen. Die Bundesrepublik hat es uns nicht immer einfach gemacht.

Neue Phänomenologie

Vor einigen Tagen stieß ich im Philosophie Magazin auf die »Neue Phänomenologie« von Hermann Schmitz, dessen Philosophie im Land der Systemtheoretiker und Frankophilen noch recht unbekannt ist. Sofort kaufte ich mir seine Einführung in die Neue Phänomenologie und bin schon nach wenigen Seiten davon überzeugt, das für mich wichtigste Buch nach »Person und Eros« von Christos Yannaras, den ich im letzten Jahr las, gefunden zu haben. Ich mache erst gar nicht den Versuch, hier stümperhaft zu paraphrasieren, was Schmitz in seiner Sprache, an die man sich – wie bei allen Phänomenologen – erst einmal gewöhnen muss, viel besser ausdrückt.

Der polnische Handkuss

Als ich 1987 zum ersten Mal nach Polen reiste, war der Handkuss zur Begrüßung noch sehr gebräuchlich. In meiner Erinnerung sehe ich vor allem vollendete Handküsse, die ebenso rasch und unverbindlich ausgeführt wurden, wie der Handschlag. Sie glichen nicht den gezierten Handküssen aus österreichischen Operettenfilmen. Ob der Handkuss unter freiem Himmel oder bei unverheirateten Frauen nur angedeutet wurde, weiß ich nicht mehr zu sagen. In den Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, waren auch die meisten jüngeren Personen bereits verheiratet.

Erfolg und Misserfolg

Erfolg ist ein goldener Käfig. Der Zwang, das Erfolgreiche zu wiederholen, ist groß. Der Misserfolg dagegen lässt uns die Freiheit, das Erfolglose weiter zu probieren oder etwas anderes zu beginnen. Der Weg des Erfolgs gräbt sich immer tiefer in die Landschaft unserer Seele, bis er zum Canyon wird, dessen steile Wände uns den Blick auf den Horizont versperren. Der Misserfolg dagegen ist eine flache Ebene ohne einen Pfad zu den Bergen des Erfolgs in der Ferne.

So kommt jeder auf seine Klicks

80 % aller Insekten verschwunden Vor einigen Tagen hieß es plötzlich in allen Medien, dass 80 % aller Insekten verschwunden seien. Der Medienhype rief natürlich sofort einen Medienkritiker auf den Plan, denn auch diese Spezies lebt von Klickzahlen, der allein selig machenden Währung in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Für den Medienkritiker war der Hype eine geschickte Co-Inszenierung der Grünen und der Umweltministerin Hendricks, die den Grünen und der dämlichen Presse die Stichworte (Fliegenfreie Frontscheibe) quasi auf dem Silbertablett serviert habe.

Das Rohe und das Gekochte

Am 30. Juni 2017 beschloss der Bundestag, dass auch homosexuelle Paare eine bürgerliche Ehe schließen können und damit in allen weltlichen Belangen heterosexuellen Eheleuten gleichgestellt sind. Ob der Jubel über diese verspätete Gleichstellung von Dauer ist oder das Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz, wie so viele in der letzten Zeit, wieder kassiert, bleibt dahingestellt. In den Jubel mischte sich Entrüstung über einen Artikel in der FAZ, dessen Autor das christlich aufgeladene Pseudonym Johannes Gabriel benutzt.

Was lernen wir aus den Fehlern der Piratenpartei?

Warum hat die Piratenpartei bei den Wählern verkackt? Und zwar so gewaltig, dass sie nun eine Splitterpartei wie die bibeltreuen Christen ist. Das fragen sich viele. Eine Antwort auf diese Fragen müssten wir eigentlich längst parat haben. Denn seit Jahren klären uns vor allem Ex-Piraten darüber auf, was alles bei den Piraten falsch lief. Ich habe es längst aufgegeben, all die Artikel im Internet zu lesen, in denen die Fehler der Piraten ausführlich aufgelistet werden.

Software hilft uns nicht weiter

Wenn der Plattform-Kapitalismus und die Macht großer IT-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google beklagt werden, fallen Stichworte wie Peer-to-Peer oder Dezentralisierung. Innovative Technologien wie zum Beispiel die Blockchain oder offene Protokolle wie OStatus sollen dezentrale Strukturen schaffen, bei denen private Clients oder verteilte Server ohne zentrale Plattform miteinander kommunizieren. Der Glaube daran, durch eine geeignete Auslegung von Software die Macht monopolistischer Akteure zu brechen, ist groß. In auffallend regelmäßigen Abständen taucht am Horizont der nächste Facebook- oder Twitter-Killer auf und macht seine Runde durch die Hype-Achterbahn des Internets.

Jeder Mensch ist ein Künstler

Wenn Andres Veiel Film ›Beuys | Kunscht‹ demnächst in die Kinos kommt, sollte man nicht lange zögern, denn solche Filme laufen selbst in den Programmkinos allerhöchstens eine Woche. Von Beuys ist der gerne missverstandene Ausspruch überliefert: »Jeder Mensch ist ein Künstler.« Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch ein genialer Maler oder Bildhauer sei. Das hat Beuys nie behauptet. Der Ausspruch ist nur verständlich, wenn man sich klarmacht, was Beuys unter dem Erweiterten Kunstbegriff verstanden hat.

Therapie verweigert

Es gibt Maßnahmen, mit denen man die ganz große Klimakatastrophe abwenden könnte. Dazu zählen: der sofortige Stopp des Fleischverzehrs, die Einstellung des Nassanbaus von Reis, ein weltweites Verbot von Schiffs- und Flugreisen sowie von Verbrennungsmotoren in Privatfahrzeugen und natürlich die schnelle und vollständige Einstellung der Öl-, Gas- und Kohleförderung insgesamt. Kalter Entzug! Unangenehm, nicht wahr? So qualvoll wie eine Chemotherapie. Einer solchen Tortur setzt man sich nur aus, wenn es das eigene Leben gilt.