juh's Sudelbuch

Werft die Angel nicht ins Korn!

Konfuzius sagte: »Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.« Da Fische heute fertig filetiert in der Tiefkühltruhe liegen, besitzt kaum noch jemand eine Angel oder ein Fischernetz. Vom Wissen darum, wie man einen Fisch damit fängt, will ich gar nicht erst sprechen. Dieser Verlust an persönlicher Überlebensfähigkeit wird, so die gängige Erklärung der Sozialwissenschaftler, durch Arbeitsteilung ausgeglichen.

Was bleibt von der Documenta?

Es wäre vermessen, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Die Documenta ist ein labyrinthisches Geschehen aus künstlerischen, banausischen und politischen Akten, aus ästhetischen Erfahrungen und kritischen Reflexionen, das einen Zeitraum von 100 Tagen und mehr durchdauert. Und in diesem Jahr fand die Documenta auch gleich zweimal statt, einmal in Kassel und einmal in Athen. Und wer, wie der Autor, nur einen einzigen Tag in Kassel war, sieht bloß die ephemere Momentaufnahme eines kleinen, subjektiven Teils des Ganzen.

Nachruf auf die Bundesrepublik

1949 – 2017 Gestern verstarb im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit die Bundesrepublik Deutschland. Wir nehmen Abschied von einem Land, in dem der Ruf »Nie wieder!« über alle Parteigrenzen hinweg zum Fundament einer Demokratie gehörte, die uns von den Alliierten geschenkt wurde. Menschenhass, völkischer Rassismus und Antisemitismus sollten in diesem Land nie wieder in den Parlamenten ihre hässliche Fratze erheben. Dieser Grundkonsens wurde gestern zerbrochen. Die Bundesrepublik hat es uns nicht immer einfach gemacht.

Neue Phänomenologie

Vor einigen Tagen stieß ich im Philosophie Magazin auf die »Neue Phänomenologie« von Hermann Schmitz, dessen Philosophie im Land der Systemtheoretiker und Frankophilen noch recht unbekannt ist. Sofort kaufte ich mir seine Einführung in die Neue Phänomenologie und bin schon nach wenigen Seiten davon überzeugt, das für mich wichtigste Buch nach »Person und Eros« von Christos Yannaras, den ich im letzten Jahr las, gefunden zu haben. Ich mache erst gar nicht den Versuch, hier stümperhaft zu paraphrasieren, was Schmitz in seiner Sprache, an die man sich – wie bei allen Phänomenologen – erst einmal gewöhnen muss, viel besser ausdrückt.

Der polnische Handkuss

Als ich 1987 zum ersten Mal nach Polen reiste, war der Handkuss zur Begrüßung noch sehr gebräuchlich. In meiner Erinnerung sehe ich vor allem vollendete Handküsse, die ebenso rasch und unverbindlich ausgeführt wurden, wie der Handschlag. Sie glichen nicht den gezierten Handküssen aus österreichischen Operettenfilmen. Ob der Handkuss unter freiem Himmel oder bei unverheirateten Frauen nur angedeutet wurde, weiß ich nicht mehr zu sagen. In den Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, waren auch die meisten jüngeren Personen bereits verheiratet.

Erfolg und Misserfolg

Erfolg ist ein goldener Käfig. Der Zwang, das Erfolgreiche zu wiederholen, ist groß. Der Misserfolg dagegen lässt uns die Freiheit, das Erfolglose weiter zu probieren oder etwas anderes zu beginnen. Der Weg des Erfolgs gräbt sich immer tiefer in die Landschaft unserer Seele, bis er zum Canyon wird, dessen steile Wände uns den Blick auf den Horizont versperren. Der Misserfolg dagegen ist eine flache Ebene ohne einen Pfad zu den Bergen des Erfolgs in der Ferne.

So kommt jeder auf seine Klicks

80 % aller Insekten verschwunden Vor einigen Tagen hieß es plötzlich in allen Medien, dass 80 % aller Insekten verschwunden seien. Der Medienhype rief natürlich sofort einen Medienkritiker auf den Plan, denn auch diese Spezies lebt von Klickzahlen, der allein selig machenden Währung in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie. Für den Medienkritiker war der Hype eine geschickte Co-Inszenierung der Grünen und der Umweltministerin Hendricks, die den Grünen und der dämlichen Presse die Stichworte (Fliegenfreie Frontscheibe) quasi auf dem Silbertablett serviert habe.

Das Rohe und das Gekochte

Am 30. Juni 2017 beschloss der Bundestag, dass auch homosexuelle Paare eine bürgerliche Ehe schließen können und damit in allen weltlichen Belangen heterosexuellen Eheleuten gleichgestellt sind. Ob der Jubel über diese verspätete Gleichstellung von Dauer ist oder das Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz, wie so viele in der letzten Zeit, wieder kassiert, bleibt dahingestellt. In den Jubel mischte sich Entrüstung über einen Artikel in der FAZ, dessen Autor das christlich aufgeladene Pseudonym Johannes Gabriel benutzt.

Was lernen wir aus den Fehlern der Piratenpartei?

Warum hat die Piratenpartei bei den Wählern verkackt? Und zwar so gewaltig, dass sie nun eine Splitterpartei wie die bibeltreuen Christen ist. Das fragen sich viele. Eine Antwort auf diese Fragen müssten wir eigentlich längst parat haben. Denn seit Jahren klären uns vor allem Ex-Piraten darüber auf, was alles bei den Piraten falsch lief. Ich habe es längst aufgegeben, all die Artikel im Internet zu lesen, in denen die Fehler der Piraten ausführlich aufgelistet werden.

Software hilft uns nicht weiter

Wenn der Plattform-Kapitalismus und die Macht großer IT-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook und Google beklagt werden, fallen Stichworte wie Peer-to-Peer oder Dezentralisierung. Innovative Technologien wie zum Beispiel die Blockchain oder offene Protokolle wie OStatus sollen dezentrale Strukturen schaffen, bei denen private Clients oder verteilte Server ohne zentrale Plattform miteinander kommunizieren. Der Glaube daran, durch eine geeignete Auslegung von Software die Macht monopolistischer Akteure zu brechen, ist groß. In auffallend regelmäßigen Abständen taucht am Horizont der nächste Facebook- oder Twitter-Killer auf und macht seine Runde durch die Hype-Achterbahn des Internets.