Die Guillotine

Die Guillotine trennt nicht nur den Kopf vom Rumpf, sondern auch die Zukunft von der Vergangenheit. So verlor Ludwig XVI 1793 unter der Guillotine nicht nur Kopf und Leben. Durch den sauberen Schnitt wurde auch die absolute Monarchie für immer in der Vergangenheit zurückgelassen. Wie tief der Schnitt ging, unterstreicht der Staatsstreich, mit dem wenige Jahre später ein durchgeknallter General von fragwürdiger Geburt mitten in Europa die erste moderne Militärdiktatur der neueren Geschichte errichtete. Dutzende sollten folgen. In Europa wehrte sich zwar die legalistische Restauration noch einige Jahre gegen die Republik und die Militärdiktatur als moderne Staatsformen, aber die Idee wurde sehr erfolgreich exportiert, zum Beispiel nach Lateinamerika, wo sie bis heute nicht ganz Vergangenheit ist.

Augenzeugen der französischen Blutgerüste berichteten, dass die abgetrennten Köpfe der Guillotinierten noch eine Zeit lang auf äußere Reize reagierten. Ob dies bewusstlose Nervenreflexe waren oder die Reaktion eines Bewusstseins, das seine letzten Sekunden zählt – darüber streiten sich die Experten. Aber genau wie die vom Rumpf getrennten Köpfe noch Reaktionen zeigten, so glaubten die übrigen Monarchen in Europa einfach so weiter regieren können, bis ihnen 100 Jahre später die Guillotine des Ersten Weltkriegs endgültig den Gar aus machte. Während der deutsche Kaiser seinen Kopf im Exil retten konnte, wurde der russische Zar zusammen mit allen nur denkbaren legitimen Nachfolgern von den Bolschewiki erschossen. 1918 war die Monarchie damit aber nicht nur in Deutschland und Russland tot. Die übrigen Monarchen wussten bloß noch nichts von ihrem Tod. In China kam das Ende etwas später. In England spukt die Monarchie bis heute durch die Klatschpresse, doch mehr als eine skurrile Geistererscheinung im Land der Séancen ist sie nicht. Und in Japan verdampfte sie in den Atompilzen von Hiroshima und Nagasaki; übrig blieb eine leere Hülle. Die französische Guillotine hat wahrlich ganze Arbeit geleistet.

Doch ist ihr Werk eine Fußnote in der Geschichte, wenn man sie mit der Guillotine vergleicht, die uns allen heute, Herrschern und Beherrschten, in den Nacken saust. Sie kommt mit Feuer und Flut daher, fast wie die biblische Apokalypse. In aller Welt brennen die Wälder und versinken ganzen Landstriche in den Fluten nie dagewesener Regenfälle. Das Eis der Polkappen schmilzt schneller als die pessimistischsten Wissenschaftler vorausberechneten. Mit der Wonne einer pervertierten Gattung legen wir unsere Köpfe unter das Eisen, ziehen es eigenständig nach oben und lassen es jubelnd herniedersausen. Dass noch jemand in ihr Getriebe greift, ist unwahrscheinlich. Die Besten von uns klettern auf Bäume, um sie vor den Baggern der Klimakiller zu retten. Doch die Polizei, anstatt die Klimakiller aus ihren Vorstandssesseln zu zerren, holt sie wieder herunter.

Und so wird die Guillotine verbrannte Erde zurücklassen; eine gespenstische Welt, in der bewaffnete Horden von Untoten noch eine Weile glauben werden, überleben zu können.

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