Zeitenwende

Der erste Weltkrieg war nach der langen Friedenszeit der Belle Époque eine universale Zeitenwende, wie es sie seit der Französischen Revolution nicht mehr gegeben hatte. Vier Jahre Krieg genügten, um den USA als neuer Großmacht die Weltbühne zu bereiten, von deren Brettern die alten europäischen Imperialmächte eine nach der anderen abtreten mussten. Der Krieg fegte gottgewollte Monarchien hinweg und spaltete mit der Oktoberrevolution die Welt für Jahrzehnte in Ost und West. Historiker haben die Stahlgewitter des Weltkriegs als Ur-Katastrophe bezeichnet, die ein traumatisches 20. Jahrhundert einläutete. In Verdun begannen die Materialschlachten, die in Hiroshima und Nagasaki ihren Höhepunkt erreichten, um dann ein Viertel Jahrhundert später in Vietnam bereits ins Leere zu laufen.

Heute erleben wir die große Zeitenwende des 21. Jahrhunderts, denn als solche werden die Historiker der Zukunft die Corona-Pandemie vielleicht einmal bezeichnen. Die Nabelschauer im provinziellen Deutschland glauben zwar, mit dem Fall der Mauer, des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West, bereits eine Zeitenwende miterlebt zu haben. Doch der Untergang der Sowjetunion ist nichts im Vergleich zu den historischen Umwälzungen, denen wir gerade beiwohnen.

Die Corona-Pandemie markiert das Ende Europas als global verbindlichen Zivilisationsentwurf. Die repräsentativen Demokratien im Allgemeinen und die Europäische Union im Besonderen haben sich als unfähig gezeigt, ihre Bevölkerung vor einer tödlichen Virus-Pandemie zu schützen. Die mächtigen Volkswirtschaften der USA und Europa haben sich als Papiertiger erwiesen, die von einem winzigen Virus völlig unvorbereitet überrollt wurden. Unfähig zu einer koordinierten, kollektiven Antwort auf die globale Herausforderung reagierten sie gar nicht, zu spät, zu inkonsequent oder völlig falsch.

Selbst die größten Triumphe der westlichen Zivilisation, die in rasender Geschwindigkeit entwickelten Impfstoffe, verblassen vor der Unfähigkeit des Westens sie in ausreichender Menge zu produzieren. Und die Rücksichtslosigkeit, mit der ihr imperialistisches Patentwesen den ärmeren Ländern den Zugang zu der lebensrettenden Hilfe verwehrt, enthüllt die menschenverachtende Wirtschaftspolitik unter der netten humanistischen Maske ihrer angeblichen Menschenrechtspolitik.

Auch wenn einige wenige Länder aus der Phalanx der westlichen Zivilisation, wie Island, Neuseeland oder Australien, vermutlich begünstigt durch ihre Randlage, bisher glimpflich durch die Pandemie gekommen sind und es den Anschein hat, als könne man die amerikanische Führungsrolle beim Totalversagen vor allem dem blondierten Toupet zuschreiben, das vier Jahre lang die real existierende Demokratie der Lächerlichkeit preisgab, bleibt die Diagnose eindeutig und schmerzhaft: der Westen hat versagt.

Wir waren intellektuell, organisatorisch und sozial nicht in der Lage, angemessen auf den globalen Notfall zu reagieren. Kleine Unterschiede in der Staatsform machten dabei keinen großen Unterschied. Föderale Staaten wie die USA oder Deutschland haben die gleichen Fehler gemacht wie das zentralistisch organisierte Frankreich.

Die Folgen der Pandemie werden das 21. Jahrhundert ebenso grundlegend prägen wie der erste Weltkrieg das vorherige. China ist durch die Pandemie endgültig zur Weltmacht Nummer eins geworden. Das Land, in dem die Seuche ihren Ausgang nahm, hatte sie bereits wenige Monate später unter Kontrolle und besiegt. Die chinesische Regierung reagierte konsequent, mit unmissverständlicher Härte und der ganzen staatlichen Macht, die ihr zur Verfügung stand. Der Westen, der anfänglich mit völligem Unverständnis auf die Abriegelung ganzer Provinzen in China reagierte, musste kurze Zeit später aus lauter Verzweiflung ähnliche Mittel ergreifen, die jedoch aus Unfähigkeit und wegen fehlender Organisation sowie mangelnder Ressourcen zu spät oder nicht konsequent genug angewendet wurden. China dagegen verfügte anders als der Westen über eine mächtige, logistisch-administrative Infrastruktur, um der Ur-Katastrophe des 21. Jahrhunderts innerhalb weniger Monate den Garaus zu machen.

Im Westen wird der Erfolg der Chinesen gerne damit abgetan, dass China ein autoritärer Einparteienstaat ist. Diese Sichtweise greift nicht nur zu kurz, sie zeugt auch von Dummheit und Arroganz. Der Erfolg der Chinesen kann nicht allein dadurch erklärt werden, dass es sich um keine Demokratie im westlichen Sinne handelt. Denn andere asiatische Länder, wie Süd-Korea oder Taiwan, die parlamentarische Demokratien nach westlichem Muster sind, haben ähnliche Erfolge vorzuweisen. Das eklatante Versagen auf westlicher Seite und die unübersehbaren Erfolge Asiens auf der anderen haben viele Ursachen. Sie müssen multikausal erklärt und tiefgehend analysiert werden. Alle wirtschaftlichen, politischen, sozialen und mentalitätspsychologischen Aspekte müssen in die Analyse einbezogen werden.

Das europäische Zivilisationsmodell, das mit der Aufklärung begann, im Imperialismus seinen Höhepunkt erreichte und in der Globalisierung seinen eigenen Untergang vorbereitete, verliert seine Geltung. China und ein Zivilisationsmodell, das ich in Ermangelung anderer Begriffe als asiatisch bezeichnen möchte, besetzen die Leerstelle, die Europa und die USA hinterlassen haben.

Eine so umwälzende Zeitenwende ist natürlich nicht durch Corona allein verursacht worden. Die Pandemie ist, wie der erste Weltkrieg, gleichermaßen Ursache und Symptom einer Zeitenwende. Wir sollten die Pandemie nicht als schicksalshaften Unfall abtun, sondern sie als Symptom von Entwicklungen betrachten, die bereits viel früher eingesetzt haben. Das ist nicht nur intellektuell sehr viel redlicher als die Realitätsverweigerung, die man im Zusammenhang mit China immer wieder beobachten muss; es ist auch die vielleicht letzte Überlebenschance, die wir noch haben. Denn die Corona-Pandemie war bloß die erste Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Wir verursachen mit der Zerstörung des Klimas gerade ein Unheil, das mit seinen apokalyptischen Ausmaßen die Menschheitsgeschichte für alle Zeiten beenden wird, eine Zeitenwende ins Nichts.

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