Das Fußgängerzonenwerk

Würde sich Walter Benjamin, wenn er sein berühmtes Passagenwerk heute verfassen wollte, den Fußgängerzonen widmen? Sie bieten sich für eine materialistische Geschichtsschreibung förmlich an. In ihren Mauern ist Geschichte gespeichert und ihren Siegeszug treten sie Mitte des 20. Jahrhunderts an.

Zwei Weltkriege hatten damals das mittlere Großbürgertum, das in der Gründerzeit ganze Straßenzüge mit mehrstöckigen Wohnhäusern in die Höhe zog, in denen im gediegenen Vorderhaus die Bourgoisie repräsentierte und nach hinten raus der Kleinbürger zur Miete die Repräsentation mit finanzierte, ordentlich durchgeschüttelt. Wer nach dem Krieg noch Vermögen besaß oder es in den Jahrzehnten danach wieder anhäufte, emigrierte in die Villenviertel vor der Stadt. Der Kleinbürger folgte auf dem Fuß. Für Millionen Ausgebombte und Vertriebene musste schnell und günstig Wohnraum geschaffen werden. Die Vorstädte wuchsen in die Höhe. Und sobald der Kleinbürger es sich leisten konnte, zog er aus den tristen Wohnsilos aus und baute sich ein Reihenendhaus auf der grünen Wiese. Wie Krebsgeschwüre wuchsen unsere Städte in die Felder und Wälder hinein. Die Innenstädte mit ihren gründerzeitlichen Straßenzüge verwandelten sich in reine Einkaufsstraßen, von denen die lukrativsten nach dem Muster der Limbecker Straße in Essen, die bereits 1927 zur fahrverkehrsfreie Einkaufsstraße wurde, zu Fußgängerzonen umgestaltet wurden. Ein Begriff der genauso irreführend ist wie der der Passage.

Der intensivierte Warenumschlag in den Straßen hatte schwerwiegende Folgen für die Architektur. So wie im Paris des 19. Jahrhunderts Durchgänge und Höfe überdacht wurden, um dem Flaneur Auslauf zu gewähren und den Geschäften Einnahmen zu bescheren, so wurden nach dem Krieg in Deutschland die Fassaden der gründerzeitlichen Häuser abrasiert, um dem Konsumenten freien Blick auf die Waren zu gewähren, die er kaufen sollte. Wer heute durch eine beliebige Fußgängerzone geht und den Blick auf die oberen Etagen der Häuser richtet, kann hinter der kommerziellen Akne unserer Städte ihr ursprüngliches Aussehen noch erahnen.

Das Erdgeschoss mit den Ladenketten dient nicht mehr der bürgerlichen Repräsentation, dazu sind die verbauten Materialien viel zu billig und einem geradezu schwindelerregend schnellem Wandel unterworfen. Es wurde zur funktionalen Schnittstelle zwischen der Kreditkarte des Konsumenten und dem Geschäftskonto der Handelsketten. Der Käufer soll so schnell wie möglich ins Geschäfts gesaugt werden, und es niemals ohne zu zahlen mit Waren wieder verlassen. Letzteres ist so wichtig, dass man sogar die Einlassfunktion der Fassade behinderte, indem man elektronische Schleusen verbaute, die Ladendiebstahl verhindern sollen.

Je nachdem, welchen Rang der Warenfetisch besitzt, der in den Geschäften haust, sind die Schnittstellen zur Fußgängerzone billig oder noch billiger gestaltet. Am unteren Ende rangieren die Ein-Euro-Läden, die wie ein aus dem Gebäude quellender Müllcontainer wirken. Am oberen Ende residieren die Luxusgeschäfte, die die gediegene Fassade der Gründerzeit mit Marmor übertäfeln – ein Anblick, der eigentlich nur Neureiche anlocken kann.

Die Passagen aus Paris haben sich zu innerstädtischen Galerien weiterentwickelt oder zu Konsumfabriken wie dem CentrO in Oberhausen oder dem Saale-Park zwischen Leipzig und Halle. Letztere stehen kaum mehr in der Tradition der großen Kaufhäuser im landläufigen Sinn, die am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und in Deutschland mit einer eigenen Steuer belegt wurden. Es sind logistisch optimierte Infrastrukturen für den effizienten Warenumschlag, die mit gigantischen Schnittstellen zur Verkehrsinfrastruktur ausgestattet sind und einzig und allein dem Zweck dienen, die größtmögliche Masse an Konsumenten so schnell und gewinnbringend wie möglich zu den Umschlagplätzen (Geld-gegen-Ware) zu bringen. Doch während dem CentrO und dem Saale-Park das gleiche Schicksal bevorsteht wie der Gutehoffnungshütte – allein die Vergnügungsparks halten beide noch am Leben, die moderne Warenschnittstelle heißt Amazon – ziehen die gründerzeitlichen Straßenzüge, die abseits der Fußgängerzonen liegen, schon wieder zahlungskräftige Mieter an, die in ihnen einfach nur wohnen wollen.

Und vielleicht wird bald auch wieder das Erdgeschoss in unseren Fußgängerzonen restauriert. Dann werden die Gestelle der Verkaufsinfrastruktur entfernt, die großen Fensterflächen zurück- und die Butzenscheiben wieder eingebaut, und wir können es uns im Disneyland der Gründerzeit gemütlich machen.

Um aber auf Walter Benjamin zurückzukommen: Wer im Fußgängerzonenwerk die Rolle Baudelaires übernehmen soll, ist mir schleierhaft.