Nazis verdünnen

In der alten Bundesrepublik gehörte es zur ideologischen Grundausbildung, das militärische Glaubensbekenntnis herunterbeten zu können. Dieser weltliche Katechismus bläute uns ein, dass die allgemeine Wehrpflicht und der Bürger in Uniform den berüchtigten Staat im Staate verhindere, der zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hatte und für Millionen Tote verantwortlich war.

Ein Slogan kann noch so dämlich sein, oft genug wiederholt, bleibt immer etwas hängen; und so regte sich 2010 tatsächlich hier und da leiser Protest gegen die Aussetzung der Wehrpflicht durch Deutschlands obersten Plagiator, Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch das republikanische Glaubensbekenntnis wurde schließlich doch ohne großen Zapfenstreich kassiert; so schnell und leise wie zehn Jahre zuvor die Reste des bundesdeutschen Sozialstaats. Die Bundeswehr, gegen die Generationen von Antimilitaristen zu Felde zogen, bekam vom Neoliberalismus den Dolchstoß versetzt und sollte zukünftig als schlanke Eingreiftruppe deutsche Interessen in aller Welt verteidigen.

Zehn Jahre später ist das militärische Gerät beim Barras zwar immer noch marode. Aber wir haben endlich wieder einen Staat im Staate, und zwar nicht irgendeinen, sondern gleich einen nationalsozialistischen. Die Elitetruppe KSK der Bundeswehr ist sogar dermaßen mit Nazis durchsetzt, dass die aktuelle Verteidigungsministerin darüber nachdenkt, die Truppe gleich ganz aufzulösen. Vermutlich sucht man im Verteidigungsministerium bloß noch nach einer Einheit, die die KSK entwaffnen könnte.

Die neue Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), Nachfolgerin des bei den Sozialdemokraten in Ungnade gefallenen Hans-Peter Bartels, erinnerte sich, als das Treiben der KSK ans Licht kam, sofort an ihre ideologische Grundausbildung in der alten Bundesrepublik und machte den Vorschlag, die Wehrpflicht wieder einzuführen, damit nicht nur rechtsradikale Waffennarren zu der Truppe stoßen, sondern auch einige Bürgersöhne, die vor dem Beitritt zu einer schlagenden Verbindung zwar gedient haben wollen, aber ihre Karriere als Sohn ganz bestimmt nicht durch eine Verpflichtung gefährden würden. Über kurz oder lang, so Högls Hoffnung, würde dann wieder der Bürger in Uniform das Regiment am Hindukusch übernehmen.

Der Vorschlag ist nicht dumm. Wenn man Toxine aus einer wässrigen Lösung nicht herausfiltern kann, ist Verdünnung ein probates Mittel, um den Schaden zu begrenzen. Die Frage ist nur, wie stark muss man verdünnen, damit keine Gefahr für Leib und Leben mehr besteht? Wie umstritten Grenzwerte sind, haben wir doch bei Umweltgiften gelernt. Wieso sollte es bei Nazis in der Bundeswehr anders sein? Hier wie dort ist jeder Grenzwert zu hoch.

Zu stark verdünnen, sollte man aber auch nicht. Wer weiß, was passiert, wenn wir uns in homöopathische Potenzen versteigen!

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