juh's Sudelbuch

Britischer Humor

Dummheit ist keine rein britische Eigenschaft – die Steilheit dieser These ist mir durchaus bewusst. Ich wage es trotzdem, in dieser ersten Sudelei nach dem Brexit den Beweis dafür anzutreten. Die EU hat den Briten 70 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht. Und das ist offenbar Gift für den gesunden Menschenverstand. Während Syrer, die in ihrer vom Bürgerkrieg verheerten Heimat die Nachteile explodierender Splitterbomben und enthemmter Glaubenskrieger in ihren Lebensentscheidungen berücksichtigen und gegen die Vorteile eines provisorischen Flüchtlingscamps in der EU sorgfältig abwägen, laufen die Briten Gestalten hinterher, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie von einer außerirdischen Macht ins Vereinigte Königreich eingeschleust wurden, um es von innen zu zerstören.

Lasst uns die Piratenpartei auflösen!

Es war richtig, die Piratenpartei im Jahr 2006 zu gründen. Es gab damals keine Partei, die den neuen technischen und sozialen Möglichkeiten des Internets positiv gegenüberstand. Unser Land brauchte damals dringend ein Update, und es braucht dies heute noch. Dringender denn je. Aber die Piratenpartei hat sich überlebt. Wir sollten deshalb einen sauberen Schnitt machen und die Partei auflösen. Denn ein Dasein als Splitterpartei ist dieser großartigen Bewegung unwürdig. Lasst uns die Piratenpartei neu erfinden.

Der Stummfilm »La Passion de Jeanne d´Arc« mit Orgelmusik in der Abtei Brauweiler

Am 13. August 2015 wurde der berühmte Stummfilm von Carl Theodor Dreyer in der Kirche der Abtei Brauweiler aufgeführt. Das Meisterwerk wurde von Wilfried Kaets auf der Orgel und von Klaus Paulsen mit gregorianisch anmutenden Gesängen begleitet. Ein einzigartiges Erlebnis. Über den Stummfilm »La Passion de Jeanne d’Arc« des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer von 1928 wurde schon viel geschrieben. Es ist ein formales Meisterwerk, das eine ungeheure emotionale und intellektuelle Wirkung entfesselt.

Mailbox.org jetzt mit Browser-Verschlüsselung

Mailbox.org bietet ab sofort OpenPGP-Verschlüsselung im Web-Browser an. Da der geheime Schlüssel auf den Servern von Mailbox.org gespeichert wird, nennt es der Anbieter ›hinreichende‹ und keine absolute Sicherheit. Als Kunde der ersten Stunde des Berliner E-Mail-Providers Mailbox.org bin ich hin- und hergerissen. Einerseits ist es eine tolle Sache, dass man verschlüsselte E-Mails nun auch im Webbrowser lesen kann und durch die bequeme Implementierung von OpenPGP mehr Menschen ihre E-Mails verschlüsseln. Andererseits habe ich die Befürchtung, dass webbasierte E-Mail-Verschlüsselung wichtige Prinzipen von OpenPGP verschleiert, sodass viele neue Nutzer Verschlüsselung benutzen werden, ohne das Prinzip dahinter zu verstehen.

Tango unplugged

Beim Soundcheck war noch alles ok. Doch dann verabschiedete sich, zwanzig Minuten bevor das Konzert beginnen sollte, die Verstärker-Endstufe. Ersatz war keiner zu finden und so kamen wir beim Konzert des Sexteto Visceral im Kontakthof in Wuppertal in den Genuss von Tango Unplugged. Sexteto Visceral Foto: Heinke Fiedler Bandoneon, Violine, Cello und Bass konnten problemlos auf die elektronische Verstärkung verzichten, da der Raum im Kontakthof nicht sehr groß ist. Doch für Gitarre und E-Piano musste eine Notlösung gefunden werden.

Soziale Plastik – die Kunst der Allmende

Joseph Beuys begriff die Gesellschaft als Soziale Plastik, an deren Gestaltung jeder Mensch beteiligt sein sollte. In seinem Erweiterten Kunstbegriff wird die Kunst als Arbeit an der Sozialen Plastik verstanden. Das häufig missverstandene Wort ›Jeder Mensch ein Künstler‹ bezieht sich explizit auf den Erweiterten Kunstbegriff und die Soziale Plastik. Es besagt, dass jeder Mensch ein Künstler ist, weil er an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirkt. Damit ist nicht gemeint, dass jeder Menschen ohne Übung und Ausbildung Tätigkeiten ausführen kann, die im überkommenen Kunstbegriff als künstlerische bezeichnet werden.

Bei noch jungfräulicher Vernunft

Es war kein geringerer als der große Georg Christoph Lichtenberg, der in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts in seinem Sudelbuch diesen lakonischen Satz notierte: »Bemühe dich, nicht unter deiner Zeit zu sein.« (D 474) Leicht gesagt, möchte man ihm antworten. Denn es wird immer schwieriger, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. War vor wenigen Jahren das iPhone der letzte Schrei und rief bis neulich noch alle Welt begierig nach der Google-Brille, so ist heute das autonome Auto die Sau, die durchs Dorf getrieben wird.

Die Verdopplung der Welt

Es war einmal zu einer Zeit, die man heute das Aurignacien nennt, da saß ein Mensch in einer Höhle unweit eines großen Flusses, der, da es Winter war, fast völlig zugefroren war. Mit einem Tierfell vor der Kälte geschützt, hielt der Mensch einen Mammutstoßzahn in seinen klammen Fingern und betrachtete ihn von allen Seiten. Das Licht des Lagerfeuers warf unheimliche Schatten über das helle Elfenbein. Aus einem Lederbeutel an seinem Gürtel fingerte der Mensch einen Feuerstein hervor.

Die Wahrheit auf Papier

Ob sich Lichtenberg der unfreiwilligen Selbstbezüglichkeit seiner Aussage bewusst war, als er dies in sein Sudelbuch schrieb? »Die Wahrheit hat tausend Hindernisse zu überwinden, um unbeschädigt zu Papier zu kommen, und von Papier wieder zu Kopf.« (E 196) Hat hier Wahrheit unbeschadet ihren Weg aufs Papier gefunden oder kam ihr etwas dazwischen? Gern würde ich mich für Lichtenberg verbürgen. Aber Lichtenberg selbst begegnete seine eigenen Gedanken bereits nach wenigen Jahren wie denen eines Fremden.

Soziale Plastik – Gesellschaftsutopie als Kunstwerk

Nach dem Tode von Joseph Beuys im Jahr 1986 ist es stiller um die Soziale Plastik geworden, einen Begriff, den Beuys im Zusammenhang mit seinem erweiterten Kunstbegriff prägte. Ohne die starke mediale Präsenz der charismatischen Künstlerpersönlichkeit verschwand seine Kunst- und Gesellschaftstheorie aus dem Blickfeld der breiten Öffentlichkeit und trat gemeinsam mit seinen Werken unter dem Label ›Klassische Moderne‹ den Weg ins Museum an.1 Zwar knüpften jüngere Künstler an seine Ideen an, aber bis auf den Theaterregisseur und Filmemacher Christoph Schlingensief konnte keiner auch nur eine annähernd so große Wirkung wie Beuys erzielen.