juh's Sudelbuch

Wie eine Ratte im Labyrinth

Wer seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdient, kommt sich mittlerweile vor wie die sprichwörtliche Ratte im Labyrinth der Verhaltensforscher. Man kann arbeiten bis zum Umfallen, sparen, so gut es geht, sein Geld anlegen, wo immer man will, wählen, wen man will, am Ende kassiert immer der, der schon mehr als genug hat, und man selbst ist der Dumme. Je mehr man sich anstrengt, um so reicher werden die Reichen. Nun, da der Experimentator für totale Frustration gesorgt hat, führt er das Charakter-Experiment durch und bietet der Ratte einen Sündenbock.

Brechende Dämme

Wir Piefkes interessieren uns nur sporadisch für die Politik in unserem Nachbarland Österreich. Da müssen die Österreicher schon eine Bundespräsidentenwahl wegen minderwertigem Klebstoff wiederholen, damit die Nachrichten aus dem transbajuwarischen Land unsere Wahrnehmungsschwelle überschreiten. Und mehr als anekdotisches Interesse kam auch nur deshalb auf, weil dieser abstoßende Populist Hofer eine sehr realistische Chance hatte, Bundespräsident zu werden. Nun ist der österreichische Bundespräsident zwar nicht annähernd so mächtig wie der US-Präsident, aber ein reiner Grüßaugust wie sein deutsches Pendant ist er auch nicht.

Das notwendige Übel

Parteien sind ein Übel. Aber Parteien haben das politische Monopol in unserem Lande. Das ist Mist. Aber das ist nun mal so. Daher können ausschließlich Parteien etwas bewegen. Demonstrationen und Petitionen sind Ventile, die Druck aus dem Kessel lassen. Mehr bewirken sie nicht. Lobbyismus, also das unermüdliche, legale und illegale, persönliche Einwirken auf die politischen Akteure, ist ein gangbarer Weg, um politisch Einfluss zu nehmen und etwas zu bewegen. Mövenpick und die Lobby gegen Softwarepatente in der EU haben es bewiesen.

Angst vor allem, was sich bewegt

Paradoxe Stimmung in Deutschland. Das Institut Allensbach hat im Auftrag der SPD-Bundestagsfraktion eine Meinungsumfrage gemacht, die bei den Deutschen eine sehr paradoxe Stimmungslage ausmacht hat. Die übergroße Mehrheit glaubt, dass es dem Betrieb, in dem man arbeitet, gut oder sehr gut gehe. Mit seiner eigenen wirtschaftlichen Lage ist man zufrieden und Angst um den Job haben nicht einmal die Ostdeutschen. Dennoch schauen nur 36 % der Befragten dem kommenden Jahr mit Hoffnungen entgegen.

Bremst das Wachstum aus!

Manchmal bin ich überrascht, wie viel an einem vorbeigeht, selbst dann, wenn man sich entsprechend vernetzt glaubt. Von der Degrowth-Konferenz in Budapest erfuhr ich erst, als sie bereits lief. Dabei interessiert mich dieses Thema nicht erst seit gestern, als ich endlich das Buch von Hans Joachim Schellnhuber aufschlug, um es zu lesen. (Bei einer Zope-Tagung am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hörte ich einmal einen Vortrag von ihm.) Es sei dahingestellt, ob das Übersehen der Konferenz an mir liegt, an der Mainstream-Presse, die darüber natürlich kaum berichtet, oder an der Tatsache, dass innerhalb sozialer und ökologischer Bewegungen im Moment so viel passiert, dass man kaum den Überblick behält.

Das Böse

Ich stieß heute zufällig auf die Volksinitiative Grüne Wirtschaft in der Schweiz. In dieser Initiative, die am 25. September 2016 im Rahmen einer Volksabstimmung den Schweizern zur Entscheidung vorgelegt wird, fordern die Initiatoren, den ökologischen Fußabdruck der Schweizer von drei Planeten auf einen Planet zu senken, und zwar bis zum Jahr 2050. Dagegen ist vernünftigerweise nichts einzuwenden, dennoch ist die Ablehnung dieser Initiative so gut wie sicher. Aber warum ist das so?

Der blinde Zufall wählte besser

Es schmerzt die Selbstachtung, aber wir sollten uns endlich eingestehen, dass wir schlichtweg unfähig sind, verantwortungsvolle Vertreter unserer Interessen zu wählen. Wir wählen Parvenüs wie Schröder, schleimige Herrenreiter wie Berlusconi, blasierte Schönredner wie Obama, paranoide Tyrannen wie Putin und Erdogan oder rücksichtslose Mörder wie Duterte in Ämter, in denen sie maximalen Schaden anrichten können. Und es würde mich nicht wundern, wenn die Amerikaner einen überheblichen Lackaffen wie Trump zum Präsidenten einer Atommacht wählen würden, der dann den roten Knopf als Aphrodisiakum benutzt.

Die Spiritualität der Sozialen Plastik

Die Zeitläufte sind denkbar ungünstig, um über Spiritualität zu reden. Kaum ein Bedürfnis des Menschen wurde wohl so oft und so dreist ausgenutzt, um die Taschen zwielichtiger Weltverbesserer aufzufüllen, wie die Spiritualität. Bereits bei oberflächlicher Recherche blickt man in die gähnenden Abgründe esoterischen Schwachsinns, der sich in den letzten Jahrzehnten in allen Schichten der Gesellschaft ausbreiten konnte. Seitdem die Menschen in der westlichen Zivilisation nicht mehr an Gott glauben, hängen sie jedem nur erdenklichen Aberglauben an.

Die Lüge von der Diversity

Der Kapitalismus in seiner jüngsten Erscheinungsform, dem Neoliberalismus, zeigt seine Macht, unsere Sprache zu verfälschen und unsere Begriffe zu entkernen, auf allen Ebenen. So ist der Begriff der Freiheit zu einer Worthülse verkommen, die bloß noch die Freiheit des Konsums in einer auf ihren Verbrauch hin zugerichteten Welt bezeichnet. Das Reden über Freiheit ist ausschließlich in diesem vom Neoliberalismus abgesteckten Feld möglich. Eine andere Sprache als die des Neoliberalismus wird nicht mehr verstanden und verhallt ohne jede Resonanz.

Britischer Humor

Dummheit ist keine rein britische Eigenschaft – die Steilheit dieser These ist mir durchaus bewusst. Ich wage es trotzdem, in dieser ersten Sudelei nach dem Brexit den Beweis dafür anzutreten. Die EU hat den Briten 70 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht. Und das ist offenbar Gift für den gesunden Menschenverstand. Während Syrer, die in ihrer vom Bürgerkrieg verheerten Heimat die Nachteile explodierender Splitterbomben und enthemmter Glaubenskrieger in ihren Lebensentscheidungen berücksichtigen und gegen die Vorteile eines provisorischen Flüchtlingscamps in der EU sorgfältig abwägen, laufen die Briten Gestalten hinterher, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie von einer außerirdischen Macht ins Vereinigte Königreich eingeschleust wurden, um es von innen zu zerstören.