juh's Sudelbuch

Jeder Mensch ist ein Künstler

Wenn Andres Veiel Film ›Beuys | Kunscht‹ demnächst in die Kinos kommt, sollte man nicht lange zögern, denn solche Filme laufen selbst in den Programmkinos allerhöchstens eine Woche. Von Beuys ist der gerne missverstandene Ausspruch überliefert: »Jeder Mensch ist ein Künstler.« Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch ein genialer Maler oder Bildhauer sei. Das hat Beuys nie behauptet. Der Ausspruch ist nur verständlich, wenn man sich klarmacht, was Beuys unter dem Erweiterten Kunstbegriff verstanden hat.

Therapie verweigert

Es gibt Maßnahmen, mit denen man die ganz große Klimakatastrophe abwenden könnte. Dazu zählen: der sofortige Stopp des Fleischverzehrs, die Einstellung des Nassanbaus von Reis, ein weltweites Verbot von Schiffs- und Flugreisen sowie von Verbrennungsmotoren in Privatfahrzeugen und natürlich die schnelle und vollständige Einstellung der Öl-, Gas- und Kohleförderung insgesamt. Kalter Entzug! Unangenehm, nicht wahr? So qualvoll wie eine Chemotherapie. Einer solchen Tortur setzt man sich nur aus, wenn es das eigene Leben gilt.

Wir sind Rassisten!

La Vuelta del Malón von Ángel Della Valle (1892). Es hängt im Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires. Wir brauchen neue Begriffe. ›Rassist‹ ist ein Schimpfwort und Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Damit aber tabuisieren wir etwas, das uns unangenehm ist, und erschweren uns die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in unserer Gesellschaft ­und unserer eigenen Welterfahrung. Wie kann man mit seinen Mitmenschen über Rassismus diskutieren, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?

Asynchronität

Seit drei Wochen bin ich mit meiner Frau in Buenos Aires und genieße den Sommer, womit ich bereits bei der ersten Asynchronität wäre. Wenn in Europa Winter ist, steigt das Thermometer in Buenos Aires nicht selten auf über 30° C und die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel. Da die Stadt am Rio de la Plata liegt, der so breit wie die Ostsee ist, weht meistens ein angenehmer Wind in der Stadt.

Der Wendepunkt

Der russische Botschafter wird in der türkischen Hauptstadt Ankara vor laufenden Kameras ermordet. Alle Welt erwartet nun eine diplomatische Krise. Doch das Gegenteil tritt ein. Nur zwei Tage später einigen sich Russland, die Türkei und der Iran auf eine gemeinsame Vermittlungsmission in Syrien. Im Westen bemerkt kaum jemand die Tragweite dieser Nachricht. Man ist mit anderen Dingen beschäftigt, die vermeintlich wichtiger sind. Dabei markiert diese diplomatische Offensive einen Wendepunkt in der Weltpolitik.

Ohne Menschheit kein Mensch

Ein unscheinbarer Nominalsatz aus meinem Buch über die Soziale Plastik begrüßt die Besucher meiner Autoren-Homepage: Ohne Menschheit kein Mensch. Wer das Buch, aus dem diese Maxime stammt, gelesen hat, versteht seine Bedeutung. Auch den Lesern des kleinen, spekulativen Aufsatzes »Demeter und die Allmende des Sein« dürfte der Satz etwas sagen. Allen anderen möchte ich hier kurz erklären, was damit gemeint ist. In vielen Religionen und Kulturen wird der Mensch als das Geschöpf einer höheren Macht verstanden.

Wie eine Ratte im Labyrinth

Wer seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdient, kommt sich mittlerweile vor wie die sprichwörtliche Ratte im Labyrinth der Verhaltensforscher. Man kann arbeiten bis zum Umfallen, sparen, so gut es geht, sein Geld anlegen, wo immer man will, wählen, wen man will, am Ende kassiert immer der, der schon mehr als genug hat, und man selbst ist der Dumme. Je mehr man sich anstrengt, um so reicher werden die Reichen. Nun, da der Experimentator für totale Frustration gesorgt hat, führt er das Charakter-Experiment durch und bietet der Ratte einen Sündenbock.

Brechende Dämme

Wir Piefkes interessieren uns nur sporadisch für die Politik in unserem Nachbarland Österreich. Da müssen die Österreicher schon eine Bundespräsidentenwahl wegen minderwertigem Klebstoff wiederholen, damit die Nachrichten aus dem transbajuwarischen Land unsere Wahrnehmungsschwelle überschreiten. Und mehr als anekdotisches Interesse kam auch nur deshalb auf, weil dieser abstoßende Populist Hofer eine sehr realistische Chance hatte, Bundespräsident zu werden. Nun ist der österreichische Bundespräsident zwar nicht annähernd so mächtig wie der US-Präsident, aber ein reiner Grüßaugust wie sein deutsches Pendant ist er auch nicht.

Das notwendige Übel

Parteien sind ein Übel. Aber Parteien haben das politische Monopol in unserem Lande. Das ist Mist. Aber das ist nun mal so. Daher können ausschließlich Parteien etwas bewegen. Demonstrationen und Petitionen sind Ventile, die Druck aus dem Kessel lassen. Mehr bewirken sie nicht. Lobbyismus, also das unermüdliche, legale und illegale, persönliche Einwirken auf die politischen Akteure, ist ein gangbarer Weg, um politisch Einfluss zu nehmen und etwas zu bewegen. Mövenpick und die Lobby gegen Softwarepatente in der EU haben es bewiesen.

Angst vor allem, was sich bewegt

Paradoxe Stimmung in Deutschland. Das Institut Allensbach hat im Auftrag der SPD-Bundestagsfraktion eine Meinungsumfrage gemacht, die bei den Deutschen eine sehr paradoxe Stimmungslage ausmacht hat. Die übergroße Mehrheit glaubt, dass es dem Betrieb, in dem man arbeitet, gut oder sehr gut gehe. Mit seiner eigenen wirtschaftlichen Lage ist man zufrieden und Angst um den Job haben nicht einmal die Ostdeutschen. Dennoch schauen nur 36 % der Befragten dem kommenden Jahr mit Hoffnungen entgegen.