Die Verwahrlosten

Pegida offenbart die kulturelle, psychische, soziale und geistige Verwahrlosung unserer Gesellschaft.

Verwahrlosen war ursprünglich ein transitives Verb und sagte so viel wie jemanden unachtsam behandeln oder etwas unachtsam betreiben. Das spätmittelhochdeutsche warlōs bedeutete nicht beachtet, nicht wahrgenommen, unbewusst. Wer verwahrlost, verliert die Achtung. Die Achtung vor den Menschen, vor den Dingen, die Achtung vor der Wahrheit und dem aufrichtigen Denken. Wer verwahrlost, denkt unachtsam, handelt unachtsam und fühlt unachtsam. Wer verwahrlost, beachtet nicht und nimmt nicht wahr.

Die selbsternannten Retter des Abendlandes, die in Dresden, wo es nahezu keine Moslems gibt, gegen die Islamisierung des Abendlandes, wie sie mit pathetischer Attitüde prahlen, auf die Straße gehen, werden von einigen Verdrucksten, die womöglich selbst gerne mitbrüllen möchten, als besorgte Bürger beschrieben, deren Ängste man ernst nehmen müsse. Welche Ängste und Sorgen können satte Wohlstandsbürger haben, die gegen Menschen demonstrieren, die außer ihr nacktes Leben nicht viel retten konnten und nun bei uns Schutz vor Mord und Verfolgung in ihrer Heimat suchen? Satte Wohlstandsbürger, nichts anderes sind diese Abendlandretter im Vergleich zu den Flüchtlingen und Migranten. Sie selbst sehen sich jedoch ganz anders. Sie fühlen sich zurückgesetzt, missachtet und marginalisiert – von der Regierung, den Medien, den Mächtigen und dem Lauf der Welt. Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Pegida macht offenbar, was lange unbemerkt blieb: die kulturelle, geistige, soziale und psychische Verwahrlosung vieler Menschen.

Ihre kulturelle Verwahrlosung offenbaren die Demonstranten in Dresden bereits durch den Namen ihrer Bewegung: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Eine Nummer kleiner ging es nicht. Das Abendland, dieser Begriff mit neun Buchstaben aus dem Kreuzworträtsel einer Illustrierten, der nicht einmal mehr als kleinbürgerliches Surrogat für kulturelle Identität funktioniert – dieses Abendland wollen patriotische Europäer, also eine contradictio in adiecto vor der Islamisierung erretten. Der Popanz ihres Namens zeigt, dass sie nicht die geringste Vorstellung davon haben, welche Art von Kultur sie denn nun vor dem Untergang retten wollen.

Ihre geistige oder intellektuelle Verwahrlosung erkennt man an der völlig willkürlichen Verdrehung von Fakten und Tatsachen und ihrer teils unredlichen, teils absurden, teils verqueren Argumentationsweise. Man hat das Gefühl, dass hier Menschen auf die Straße gehen, die nicht in der Lage sind, sich ihres Verstandes ohne Anleitung durch Rattenfänger zu bedienen. Wer mit seinen tristen Lebensumständen unzufrieden ist und die Schuld dafür weder bei sich selbst noch bei denen sucht, die diese Lebensumstände verursacht und zementiert haben, sondern bei Menschen, die damit nicht das Geringste zu tun haben, der erweist sich als intellektuelle Nullnummer – oder als Arschloch, falls er es doch besser weiß.

Das Statistische Bundesamt, dem niemand Alarmismus vorwerfen wird, hat kürzlich berichtet, dass jeder Fünfte in Deutschland von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht ist.1 Natürlich stimmt etwas nicht in unserer Gesellschaft, aber daran sind ganz gewiss nicht die Migranten Schuld. Die Pegidaner blenden alle Fakten einfach aus. Sie wollen die Ursachen ihres Elends nicht sehen.

Die Gründe für diese geistige Verwahrlosung der Menschen sind vielfältig. Da sind zum einen die sensationsgeilen Medien, die statt aufzuklären, lieber groß aufmachen. Da ist das Unterschichtenfernsehen, das Asozialität und Bildungsferne verherrlicht. Da sind die Sarrazins, die ihren braunen Gedankenbrei als heroischen Tabubruch glorifizieren. Sie alle haben ihren Anteil an dem geistigen Elend in Deutschland. Die Verwahrlosung des Geistes hat beängstigende Ausmaße erreicht. Dagegen sollte man auf die Straße gehen, denn wo wird heute noch redlich nachgedacht? In welcher öffentlich geführten Diskussion gilt noch das redliche Argument? Die Lüge wurde zum Fundament unserer Gesellschaft. Und Unredlichkeit ist das hervorstechendste Merkmal von Politikern, Managern und Prominenten.

Der kulturellen und geistigen Verwahrlosung könnte man entrinnen, wenn man sich ihr widersetzt. Diesen Widerstand gegen die kulturelle und geistige Verwahrlosung nennen wir Bildung. Doch dafür ist Neugier und Offenheit notwendig, also Eigenschaften, die man bei den besorgten Bürgern von Dresden wohl vergeblich suchen wird. Ein Teufelskreis, der vor allem deshalb so schwer zu durchbrechen ist, weil zur kulturellen und geistigen Verwahrlosung die psychische hinzukommt.

Jeder Mensch braucht Anerkennung durch andere Menschen. Viele Menschen in Deutschland haben jedoch seit Jahren keine persönliche Anerkennung mehr erfahren. Sie werden im Gegenteil systematisch erniedrigt. Das Hartz-IV-Regime ist hierin ganz groß. Doch damit nicht genug. Selbst diejenigen, die Arbeit haben, können oft nicht davon leben und müssen tagtäglich die Missachtung derjenigen erleben, die sie durch ihre Arbeit erst reich machen. Das ist oft und ausführlich beschrieben worden. Die prekären Lebensumstände der Hungerlöhne, Minijobs und Zeitverträge zeichnen sich nicht nur durch schlechte Bezahlung aus, sondern in erster Linie durch eine Verachtung der Menschen und ihrer Leistung. Die Zahl der Menschen, denen man das Gefühl gibt, eigentlich überflüssig zu sein, dürfte erschreckend hoch sein. Und meistens gibt man ihnen auch noch selbst die Schuld dafür, dass sie schlecht ausgebildet sind oder ihre Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nicht nachgefragt werden. Ohne Anerkennung aber verwahrlosen die Menschen psychisch. Sie werden depressiv, fangen an zu trinken oder sie suchen sich einen Sündenbock, dem sie die Verachtung entgegenbringen können, die sie selbst erfahren.

Die Menschen aus dieser Verwahrlosung herauszuholen, ist nicht leicht, denn die Verhältnisse sind in Beton gegossen. Es gibt in Deutschland keine Kraft, die Reformen angehen könnte. Es ist niemand da, der die Glaubwürdigkeit besäße, die dafür nötig wäre. Die Parteien haben jede Glaubwürdigkeit längst verloren, nicht nur bei den Pegida-Demonstranten in Dresden. Die letzte Instanz in Deutschland, die Reformen anstoßen könnte, mit denen unser Land wieder ein humaneres Gesicht bekäme, wäre das Volk selbst, das trotz Artikel 20 des Grundgesetzes von jeder Beteiligung wirksam ausgeschlossen ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass auch aus den Reihen der Pegida-Demonstranten implizit der Ruf nach mehr direkter Demokratie laut wird. »Wir sind das Volk« skandieren sie, eine Parole, die aber wohl weniger politische Partizipation einfordert, als vielmehr Migranten und Flüchtlinge ausgrenzt.

Dass Pegida als Massenphänomen bisher auf Dresden beschränkt zu sein scheint, ist bemerkenswert. Mit leicht ironischem Unterton wurde bemerkt, dass die zumeist älteren Pegida-Demonstranten im einstigen ›Tal der Ahnungslosen‹ ohne die liberalisierenden Segnungen des Westfernsehens aufgewachsen sind und daher anders sozialisiert wurden als DDR-Bürger mit Westfernsehempfang. Nun kann man zwar nicht leugnen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in der alten BRD ihren Bildungsauftrag noch ernst nahmen und mit den heutigen, völlig niveaulosen Sendern nicht verglichen werden können. Doch dies allein kann es nicht sein. Ob gewisse Charakterzüge der Dresdner für das Phänomen Pegida verantwortlich zu machen sind, mögen Berufenere entscheiden.

Offensichtlich erscheint mir jedoch eine gewisse soziale Verwahrlosung der Pegida-Anhänger. Die mutigen Retter des Abendlandes sind eben keine Katholiken oder Protestanten, die in ihren Gemeinden fest verankert sind. Bei der Weihnachts-Vesper unter freiem Himmel, bei der 21.000 Gläubige anwesend waren, hat sich Bischof Bohl von den Rettern des Abendlandes distanziert. Die Pegida-Demonstranten sind auch keine Bildungsbürger, die in einer multiethnischen Gesellschaft heimisch sind. Es scheinen sozial Entwurzelte ohne jede Orientierung zu sein. Dass diese soziale Verwahrlosung auch etwas mit der Geschichte im Osten Deutschlands zu tun hat, wird augenfällig, wenn man einmal das große Dresden mit dem kleinen, nordfränkischen Vorra vergleicht. Wie ein Mann scharten sich die Bewohner von Vorra um die abgebrannten Asylbewerberheime und demonstrierten gegen Fremdenfeindlichkeit. Dabei sollten in dem 1000-Seelen-Dorf rund 80 Flüchtlinge untergebracht werden. Das wären 8 % der Bevölkerung gewesen! Man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn in Dresden mit seinen 530.000 Einwohnern 42.000 Flüchtlinge untergebracht würden! Offensichtlich gibt es in Vorra noch soziale Strukturen, die man zwar gerne als konservativ-protestantisch, dafür aber wenigstens als intakt bezeichnen kann.

Aber ein paar symbolische Akte reichen nicht aus, der Verwahrlosung zu widerstehen. In einer Welt, in der sich der Reiche vom Gesetz freikaufen kann, in der man die Armen hasst, statt die Armut, in der man Folter als erweiterte Verhörmethode bezeichnet und rassistische Mörder unbehelligt lässt, ist Verwahrlosung und Verrohung die unabwendbare Folge. Es sind also nicht nur die selbst ernannten Retter des Abendlandes, die kulturell, geistig, psychisch und sozial verwahrlost sind. Wir alle drohen zu verwahrlosen. Und der Verwahrlosung zu widerstehen, wird von Tag zu Tag schwerer.

Gegen die Verwahrlosung anzukämpfen, ist eine komplexe und kreative Aufgabe, denn wir können nur noch begrenzt auf Traditionen zurückgreifen oder uns, wie im protestantisch geprägten Vorra, auf intakte Millieus verlassen. Der anachronistische Rückgriff auf abgelebte Ideale gebiert Ungeheuer. Vielleicht wäre es heilsam, wenn die verqueren Retter des Abendlandes sich einmal mit den Flüchtlingen und Migranten zusammensetzen würden, wenn sie einmal einen Sprachkurs besuchen würden, in dem Akademiker und Analphabeten aus aller Welt sich hartnäckig mit der deutschen Sprache abmühen, um hier in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Das wäre auch etwas für die Brandstifter von der CSU! Vielleicht wäre es heilsam, wenn die besorgten Angstbürger aus Dresden einmal den Fleiß, die Hingabe, die Lebensfreude und die Dankbarkeit von Menschen erleben würden, die darauf hoffen, bei uns eine neue Heimat zu finden. Wenn ihr Überlebenswille ansteckend wirken würde, fänden wir vielleicht wieder die Kraft, uns gegen die Verwahrlosung zu wehren und den Neoliberalismus aus unserem Lande zu verbannen.

Literatur

Pressemitteilungen - 20,3 % der Bevölkerung Deutschlands von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen - Statistisches Bundesamt (Destatis). 2014. Internet: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/12/PD14_454_634.html. Zuletzt geprüft am: 16.12.2014.

Fußnoten


  1. Pressemitteilungen - 20,3 % der Bevölkerung Deutschlands von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen - Statistisches Bundesamt (Destatis). 2014. Internet: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2014/12/PD14_454_634.html. Zuletzt geprüft am: 16.12.2014.

    [return]