Der Aufstand der Anständigen, die Nationale Identität und der Arbeitsdienst für Rentner

Vor einiger Zeit forderte Gerhard Schröder einen Aufstand der Anständigen, um den Rechtsradikalismus in Deutschland zurückzudrängen. In den Medien traf der Kanzler mit seinem Appell auf offene Ohren. Dort haben anständige Journalisten den rechten Terror soweit zurückgedrängt, dass der Mordversuch an einem Ausländer kaum noch über einen Dreizeiler in der Rubrik Vermischtes hinauskommt, obwohl die Zahl rechtsradikaler Straftaten, lies Morde und Mordversuche an Ausländern und Andersdenkenden, in diesem Jahr nochmals drastisch gestiegen ist. Man kann den Kanzler nur beglückwünschen. Der Kampf um Deutschlands guten Ruf ist erfolgreich gewesen. Naziterror findet in Deutschland endlich wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Doch diesen Erfolg des Kanzlers hat auch Roland Koch wahrgenommen. Und es wurmt ihn mächtig. Denn nichts wäre schädlicher für den guten Ruf der CDU als ein Deutschland, das ohne die tatkräftige Mitwirkung der CDU ethnisch gesäubert würde. Flugs schlug er bei den Republikanern nach und warf den Begriff der ›Nationalen Identität‹ in die Runde. Da Gerhard Schröder welch Kompliment! mit diesem Begriff nichts anfangen könne, sei dies eine Chance der CDU, beim Thema Ausländerhass endlich wieder ganz vorne mitzuspielen.

Ob Gerhard Schröder das unfreiwillige Kompliment aus dem Munde Kochs wirklich verdient, sei einmal dahingestellt. Ich glaube jedoch, dass es nicht sein Verdienst ist, dass die Neonazis ihr Werk ohne lästige Presse vollenden dürfen. Die Ehre gebührt wohl eher der Bildzeitung, denn nach Sebnitz denkt ein anständiger Journalist im Traum nicht mehr daran, über rechtsradikale Morde und Mordversuche zu schreiben, könnte sich doch hinterher herausstellen, dass das Opfer nicht am Rechtsradikalismus, sondern an Schädelfrakturen oder Verbrennungen gestorben ist.

Da die Anständigen sich erst einmal gesetzt haben, kann Koch umso leichter aufstehen und mit seiner ›Nationalen Identität‹ die ›Deutsche Leitkultur‹ eines Merz in den braunen Schatten stellen. Denn während Merz all jenen noch ein Quäntchen Hoffnung übrig ließ, die aus welchen Gründen auch immer bereit waren, durch Handzeichen eine numinose ›Deutsche Leitkultur‹ anzuerkennen, stellt Koch ein für allemal klar, dass der gewöhnliche Ausländer zur ›Deutschen Identität‹ nichts anderes beisteuern kann als seine baldige Ausreise.

Koch war allerdings nicht der einzige Unionspolitiker, der sich in letzter Zeit mit markigen Sprüchen zu Wort meldete. Wahrscheinlich ist man in schwarzen Kreisen von der Diskussion um das große oder kleine ›N‹ in Merkels neuer Marktwirtschaft mehr als gelangweilt. Um die Union wieder in die Schlagzeilen zu bringen, glänzte deshalb gerade Jörg Schönbohm mit dem Vorschlag, einen Arbeitsdienst für Rentner einzuführen.

Ein sozialer Pflichtdienst für Senioren! So mancher Leser fragt sich jetzt bestimmt, welche Drogen Jörg Schönbohm so gewöhnlich nimmt. Ich weiß es nicht und ich möchte es auch gar nicht wissen. Die Welt ist schon ohne harte Drogen kompliziert genug.

Aber man sollte Schönbohms Vorschlag nicht leichtfertig zurückweisen. Wäre es nicht heilsam, wenn sich Senioren finden würden, die als ehrenamtliche Nachhilfelehrer dem hessischen Ministerpräsidenten erklären würden, was es bis 1945 in Deutschland mit nationaler Identität auf sich hatte? Und auch das Ehrenamt des kritischen Journalisten könnte mit einem Alten besetzt werden. Denn die Jungen bringen es nicht mehr. – Solingen den 3. September 2001

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