Völkische Genozidprophylaxe von CDU/CSU

Es ist kein Geheimnis: Depressionen, Verhaltensstörungen, Neurosen, Psychosen und andere Geisteskrankheiten nehmen seit Jahren kontinuierlich zu. Jeder, der nur etwas auf sich hält, lag schon einmal auf der Couch eines Psychoanalytikers oder schrie gemeinsam mit seinem Psychotherapeuten gegen dessen traumatische Kindheitserlebnisse an. Und wer partout keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen will, der findet in einer der zahllosen Selbsterfahrungsgruppen ein warmes Plätzchen für seine Komplexe, seinen vorzeitigen Samenerguss, seine Frigidität oder Nymphomanie, seine Wahnvorstellungen oder seine miese Laune.

Ohne blindem Fortschrittsglauben zu verfallen, kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass es heutzutage so gut wie für jedes seelische Zipperlein eine lustbetonte, kreativitätsfördernde, medikamentenfreie Therapie gibt. Und das ist gut so. Ist es nicht besser, sich nackt vor den Spiegel zu stellen und Urschreie von sich zu geben, um seine Aggressionen abzuarbeiten, als diese in Magengeschwür erzeugender Weise in sich hinein zu fressen oder kriminalitätsfördernd am Nachbarn abzureagieren? Und sagt uns die immer noch hohe Zahl der Gewalttaten und Selbstmorde nicht, dass man nicht frühzeitig genug mit einer Gestalt-, Gesprächs- oder Transaktionstherapie, einer Hypno- oder Verhaltenstherapie, mit Psychodrama, Bioenergetik und Suizidprophylaxe anfangen kann?

CDU und CSU wenden die Erkenntnisse der psychoanalytischen Forschung nun auch auf dem Gebiet der völkischen Genozidprophylaxe an. Getreu der Freudschen Erkenntnis, dass verdrängte Bedürfnisse sich irgendwo ein häufig gewalttätiges Ventil suchen oder in Selbsthass umschlagen, haben die Volksparteien nun einen an der Transaktionstherapie und dem Psychodrama orientierten Therapieansatz für das deutsche Volk entwickelt: eine öffentliche Unterschriftensammlung gegen Ausländer. Das Ziel der kollektiven Massentherapie ist es, dem durch die Holocaustdebatte und die öffentliche Verurteilung der Brandanschläge von Rostock, Mölln und Solingen verdrängten Ausländerhass ein gesellschaftlich und psychologisch unbedenkliches Ventil zu geben. Die Formulierung der Forderungen in der Unterschriftensammlung sind so gehalten, dass sich jeder Deutsche ohne schlechtes Gewissen zu seinem Ausländerhass bekennen kann. Ein solches öffentliches Bekenntnis wirkt Wunder.

Übergewichtige Frauen, die sich nie ins Schwimmbad getraut haben, bekannten nach ihrer Therapie: ›Ich bin fett! Na und!‹ und gingen ohne Komplexe in die nächste Konditorei. Und Männer, die in ihrer Gruppe für biodynamische Körpertherapie unter reuigen Tränen zugegeben haben, mit den weiblichen Teilnehmern schlafen zu wollen, sollen damit bei diesen sogar Erfolg gehabt haben.

Rassisten und latente Rechtsradikale, also ca. 30% der deutschen Bevölkerung, die seit Jahren unter quälenden Schuldgefühlen leiden und sich noch nicht einmal trauen, am Stammtisch Witze über Juden und Türken zu machen, werden nach ihrer Unterschrift eine große Erleichterung fühlen. Sie werden, aufgenommen in den wiedererweckten Volkskörper, endlich wieder frei atmen können. Sie können wieder in den Spiegel schauen und sagen: Ich bin deutsch, ich fühl mich gut! Jahrelang angestaute Hassgefühle können endlich ohne Furcht vor gesellschaftlichen Sanktionen abreagiert werden. Millionen Deutsche, die ihren einzigen Pass jahrelang schamhaft in einer Schublade zu Hause versteckten, werden ihn nun wieder geheilt und selbstbewusst im Bus, wenn sie einen Sitzplatz haben wollen, vorzeigen. Und auch politisch wird die völkische Genozidprophylaxe der christlichen Parteien eine positive Wirkung haben. Wir werden es schon bei der Hessenwahl erleben. Welcher Wähler wird denn noch die unappetitlichen Republikaner, die stotternden Frey-Autisten oder die tumbe NPD wählen, wenn er hinter dem Original sein Kreuzchen machen kann? – Solingen 17. Januar 1999

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