Die ARD bekommt die Aleviten gelesen

Die Aleviten in Deutschland lesen der ARD die Leviten. Nun könnte man den Protest als typisch muslimische Hysterie und Fortsetzung des Karikaturenstreits abtun, wenn die Aleviten der ARD nicht vorwerfen würden, für den fundamentalen Islam Propaganda zu machen.

In der ZEIT weist Lenz Jacobsen darauf hin, dass die Aleviten die liberalste Strömung des Islams darstellen und dafür vor allem von sunnitischen Moslems seit Jahrhunderten verfolgt und unter anderem durch den Vorwurf, in ihren Familien Inzucht zu treiben, diffamiert werden. Die Drehbuchautorin und Regisseurin der Tatort-Folge »Wem Ehre gebührt« behauptet, davon trotz ›sehr, sehr genauer Recherche‹ nichts gewusst zu haben. Nun sieht sich die ARD mit dem Vorwurf konfrontiert, Propaganda gegen liberale und für fundamentalistische Moslems gemacht zu haben. Demonstrierende Aleviten in Köln vermuten gar die Türkei bzw. sunnitische Gemeinden als Drahtzieher hinter dem Tatort-Krimi. In jedem Fall fordert man eine Entschuldigung.

Nun bin ich zwar grundsätzlich der Meinung, dass man auf die religiösen Gefühle von Menschen gar keine Rücksicht nehmen sollte, schließlich nehmen die Religiösen ja auch keine Rücksicht auf die Gefühle von Atheisten, aber in diesem Falle sollte man eine Ausnahme machen, da es nicht um religiöse Gefühle geht, sondern um Klischees und Vorurteile, die als Argumente für Verfolgung dienten. Ein Sender wie die ARD, der zwar fast nur noch die Unterschicht bedient, aber ursprünglich einmal einen Bildungsauftrag hatte, sollte eigentlich Vorurteilen entgegenwirken und sie nicht fördern. Immerhin begründet man mit solchen Argumenten zum Beispiel, dass man Fassbinders Theaterstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« nur mit ganz spitzen Fingern, wenn überhaupt, anfasst.

Klischees spielen in Filmen eine große Rolle. Ganze Genres funktionieren beispielsweise nur, weil die Deutschen in ihnen immer die bösen militaristischen Nazis sind. In der britischen Öffentlichkeit sind diese Vorurteile bei einer Fußballweltmeisterschaft oder, wenn ein Deutscher Papst wird, jederzeit abrufbar. Das Vorurteil, dass die Deutschen besonders sadistisch sind, findet sich sogar in einem Roman des Afghanen Khaled Hosseini. In seinem Buch »Drachenläufer« ist der brutale Bösewicht und spätere Ober-Taliban ein blonder Mischling: halb Afghane, halb Deutscher. Sollen wir deshalb aus Protest aus Afghanistan abziehen und das Land beleidigt den Taliban überlassen? Nein, natürlich nicht. Vielleicht ist Hosseini erst im amerikanischen Exil diesem Vorurteil begegnet und hat es in sein Buch eingebaut, weil er das absolut Böse nicht in einem Afghanen verkörpern wollte?

Natürlich vergleiche ich hier Äpfel mit Birnen. Bekanntlich sind wir an dem Bild, das andere von uns haben, nicht ganz unschuldig. Bei dem Vorwurf, die Aleviten trieben Inzucht, handelt es sich um etwas völlig anderes. Er speist sich aus der gleichen Quelle wie antisemitische Vorurteile, dem Hass auf alles Fremde und alle Andersgläubigen. Solche Vorurteile zu tradieren, ist falsch. Und dass diejenigen, die unter solchen Vorurteilen leiden, auf die Straße gehen, ist richtig.

Die ARD sollte einmal in sich gehen. Dass die Drehbuchautorin von diesem antialevitischen Ressentiment nichts gewusst hat, ist bedauerlich. Ob sie es hätte wissen können, lässt sich nicht entscheiden. Vielleicht hätte man das Drehbuch einfach einmal einen Aleviten lesen lassen sollen, wenn man schon einen Film über Leute macht, die man nicht wirklich kennt. Wirklich erschreckend ist, dass die verantwortlichen Redakteure aber wohl über keinerlei politischen Instinkt verfügten und mit nassforscher Naivität ein hoch emotionales und quotentaugliches Thema, den Missbrauch von Kindern, ohne viel nachzudenken zur besten Sendezeit brachten.

Vermutlich müssen wir froh sein, dass die ARD mit den Aleviten eine sehr liberale Gruppe beleidigt hat. Hätte die ahnungslose Filmemacherin den Inzest in einer fundamentalistisch-sunnitischen Familie geschehen lassen, wäre es wohl nicht bei einer demokratisch angemeldeten Demonstration auf der Kölner Domplatte geblieben.

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