Mit Roland Koch auf Sylt

Wenn man auf Sylt Urlaub macht, kommt man sich gelegentlich vor wie in einer Illustrierten. Selbst bei diesigem Osterwetter fahren einem überall auf der Insel teure Cabrios mit Stars und Sternchen drin die Füße ab. Es kann auch passieren, dass man Alice Schwarzer in der Sylter Welle, einem Spaß- und Erholungsbad für windige Regentage, trifft. Wer aber häufiger auf der Insel Urlaub macht, gewöhnt sich dran: Prominente sind auch nur Menschen. Nun aber traf ich zu Ostern in einem Wenningstedter Fischgeschäft Roland Koch im Friesennerz. Was er dort bestellte, habe ich nicht so recht mitbekommen, war ich doch zu benommen, mich plötzlich nicht in einer Frauenzeitschrift, sondern auf den politischen Skandalseiten der Nachrichtenmagazine wiederzufinden.

Da wollte ich mich einmal für ein paar Tage vom bodenlosen Sumpf der CDU erholen, da läuft mir der brutalstmögliche Nebelwerfer im dunstigen Sylter Osterwetter über den Weg. Zuerst dachte ich daran, ihm mit den Worten »Freiheit für Kunzelmann« ein rohes Osterei auf dem Kopf zu zerschlagen, aber weit und breit war kein Pressefotograf zur Stelle, um diese Realsudelei auf Zelluloid zu bannen. Auch war gerade kein Aktenkoffer zur Hand, um ihm auf einer entlegenen Wanderdüne eine Spende fauler Fischköppe zu überreichen.

Dann dachte ich, dass dies doch eine gute Gelegenheit wäre, um bei der CDU als Werbetexter Karriere zu machen, und mir fiel auf Kommando auch ein Spruch ein, mit dem man das »Kinder statt Inder« des schneidigen Haiders vom Rhein noch toppen kann: »Bimbes statt Bimbos« auf diese drei Worte ließe sich das Programm der CDU/CSU werbewirksam reduzieren. Und welcher Wähler hätte nicht lieber Bimbes statt Bimbos? Doch eigentlich bin ich ja zu Höherem berufen: politischer Berater mit der Lizenz zum Koffertragen, das wäre eine lukrative Position. Und einen visionären Ratschlag hatte ich im Wenningstedter Fischgeschäft auch parat. Herr Koch, so legte ich mir die rechten Worte parat, wie kann es die CDU anstellen, als Tierschutzpartei dazustehen, weiterhin von der Pharmaindustrie massig Bimbes zu kassieren und am rechten Rand das Heer der Asozialen an die Partei zu binden? Ganz einfach: Freiheit für die Tiere, Bimbos in die Forschung!

Doch da war ich an der Reihe und musste vier Lachsbrötchen bestellen. Als ich gezahlt hatte, war Koch schon in der nächsten Nebelwand verschwunden. Schwer zu fassen der Mann, dachte ich und sah versonnen auf die Aale in der Auslage, vielleicht sollte der Untersuchungsausschuss mal einen toten Pferdekopp als Köder auslegen. Die Ostertage auf Sylt waren mir jedenfalls gründlich vermiest worden. Drei Tage ohne Nachrichten, Zeitungen und Internet hatte ich mir vorgenommen. Und dann das! Auf Schietwetter war ich ja eingestellt und auf Schleußer auch, aber wer rechnet schon mit Koch? Die Kurverwaltung könnte sich auch mal eine neue Strategie zurechtlegen: zum Beispiel: »Robben statt Roland!«– Solingen 25. April 2000

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