Mügelei

Dieses sächsische Genuschel ist für ältere Wessis immer noch das akustische Synonym für den spießbürgerlichen Muff im Arbeiter- und Bauernstaat, für die sprichwörtliche Oma in der DDR, die man bei zufälligen Auftritten in Fernsehshows stets zu grüßen pflegte.

Für jüngere Wessis wird es wohl der Tonfall der Verharmlosung und Ahnungslosigkeit werden, der Dialekt der Mügelei. »So was machen Mügelner nicht. Die Medien berichten aus Mügeln nur das Negative. In unserer Stadt gibt es keine rechtsextreme Szene.« Und obwohl eine johlende Menschenmenge aus 40 bis 50 Personen vor der Pizzeria, in die sich die Inder gerettet hatten, ihr Deutschtum herausbrüllte, findet die Polizei nun kaum Zeugen. Es wird halt gemügelt in Sachsen.

Doch nicht nur dort. Jetzt hört man wieder allerorten die ewig gleichen Verharmlosungen. Auf die üblichen Verdächtigen möchte ich dabei gar nicht erst eingehen. Dass Pofalla die Bundesmittel für Initiativen gegen Rechts selbstverständlich nicht aufstocken möchte, überrascht ebenso wenig wie Milbradt, der nicht müde wird, den rechtsradikalen Hintergrund der Tat in Frage zu stellen! Leider ist die Mügelei mittlerweile aber ein parteiübergreifender Verdrängungsmechanismus. Mal dreist wie bei Pofalla, Milbradt und Co., mal harmlos unglücklich wie bei Thierse, der die »Perspektivlosigkeit« als Ursache für den Rechtsradikalismus in Ostdeutschland ausmachte. Als ob der Neonazi in uns allen wie eine anthropologische Konstante in wirtschaftlich schlechten Zeiten quasi naturgegeben wie der Werwolf bei Vollmond aus uns Pappenheimern hervorbricht und sein Unwesen treibt. Da sah sich Frau Merkel wohl genötigt, eins ihrer gefürchteten Machtworte zu sprechen. Sie brandmarkt die Vorkommnisse als »beschämend« und »betrüblich«. Wow! Das trifft den Neonazi ins Mark! Vielleicht wird sie sogar in ihrem nächsten Podcast noch ein wenig herummügeln und anschließend, wie immer wenn sie sich entrüstet, zur Tagesordnung – also zum Nichtstun – übergehen. Der einäugige Buttolo, Innenminister des von Ausländern freien Staates Sachsen, spricht die bittere Wahrheit wohl unabsichtlich aus. Das sei keine geplante Tat von Rechtsextremen gewesen. Das habe sich nach einer Rangelei so hochgeschaukelt. Dass er damit zugibt, dass in Ostdeutschland eine kleine Rangelei auf einem Stadtfest ausreicht, um aus friedlichen Ossis einen gewalttätigen Mob aus Rassisten zu rekrutieren, scheint dieser Mann wohl immer noch nicht zu verstehen. Sollen wir jetzt beruhigt sein, dass in einem Ort, der »praktisch nie durch einschlägige Taten aufgefallen ist«, der Ausländerhass sich bei erster Gelegenheit Bahn bricht?

Einzig der Zentralrat der Juden spricht Klartext und fordert den Kampf gegen die rechte Gewalt nicht der ewig grinsenden Ministerin für Frauen und Gedöns, sondern dem Innenminister zu übertragen. Der Terror kommt eben nicht nur aus den Minaretten, sondern auch aus Eigenheimen und Plattenbauten. Frau von der Leyen hat sich aber auch so eingemügelt, dass man weit und breit nichts von ihr hört. Was sollte sie auch sagen, ist sie doch dafür verantwortlich, dass den Antirassismusprojekten in Ostdeutschland systematisch die Finanzierung entzogen wurde. Und zwar mit einem äußerst geschickten Trick. Nicht mehr die Initiativen selbst dürfen das Geld beantragen, sondern die Kommunen. Und wie engagiert die gegen den Rechtsextremismus ihrer Bürger kämpfen, sieht man zurzeit am Bürgermeister von Mügeln. Dieser Herr Deuse von der FDP – das Antisemitchen Möllemann lässt grüßen – sagte doch tatsächlich: »Solche Parolen können jedem mal über die Lippen kommen.« Deutschland den Deutschen. Ausländer raus! das scheint für Deuse und Konsorten wohl ein sächsischer Mutterfluch zu sein, der nach ein, zwei Bierchen schnell einmal herausrutscht. Mir rutscht auch gleich was raus: »Soli weg! Mauer hoch!« Ach Schabowski, du alter Politbüro-Nuschler, hättest du damals nicht einfach mal dein Maul halten können?

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