Betreutes Saufen

Ich bin im Moment so richtig stolz auf meine deutschen Mitbürger. Die ganze Gesellschaft scheint durch und durch human geworden zu sein. Da ermorden die Neonazis am laufenden Band wehrlose Menschen auf die so ziemlich abstoßendste Art, nämlich in Horden zu fünf bis zehn feigen Mördern, und nirgends schallt mir der markige Ruf nach der Todesstrafe entgegen. Das war damals, als die RAF einen Arbeitgeberpräsidenten ermordete, mit dem der durchschnittliche Stammtisch-Deutsche nicht mehr gemein hatte als die braune Vergangenheit, noch ganz anders. Damals gebärdete man sich ebenso hemdsärmlig wie ein texanischer Gouverneur: Lieber gleich ein paar Todesurteile mehr vollstrecken, als dass einer ungeschoren davon kommt. Heute, 30 Jahre später, ist Deutschland eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft geworden. Nun will die schweigende Mehrheit die Mörder nicht mehr auf der Flucht erschießen. Nein, die Neonazis will man mit Zivilcourage, rechten Jugendtreffs und betreutem Trinken in die Gemeinschaft der Stammtische integrieren. Dabei haben wir die Rechtsradikalen in den letzten Jahren dermaßen effektiv in die Gesellschaft integriert, dass sie nun mitten unter uns sind.

Am Wochenende war ich auf einer ganz normalen Party. Anwesend waren nur lauter nette, gut gekleidete, beruflich erfolgreiche Leute um die Dreißig. Da fehlte es natürlich auch nicht an der werdenden Mutter, die die aktuelle Ultraschallaufnahme ihres Babys herumreichte, das auch schon einen Namen hatte: Friedrich Wilhelm Maximilian. Überraschenderweise löste diese Namenswahl keine Überraschung aus. Immerhin aber war man sich einig, dass man das dem deutschen Volk geschenkte Kind in den ersten Jahren wohl »Friwi« rufen wolle, weil Friedrich Wilhelm dann doch zu bombastisch sei. Ich wollte die Frau schon voller Begeisterung fragen, ob man sich mit diesem Namen vom Nationalsozialismus distanzieren wolle, um gleich nahtlos an die Dolchstoßlegende anzuknüpfen. Aber ich ließ es dann sein, weil es zu weit geführt hätte, den Anwesenden die politischen Feinheiten am Ende des Ersten Weltkriegs zu erläutern.

Aber da sind ja nicht nur die fast schon kafkaesk zu nennenden Momente des täglichen Lebens. Da wäre ja noch ein Roland Koch, den man nun wirklich nicht als rechtsradikale Randfigur bezeichnen kann. Im Gegenteil, Roland Koch sitzt dank seiner ausländerfeindlichen Wahlkampagne mitten im Zentrum der Macht. Und wir wollen auch nicht einen gewissen Clemens Reif vergessen, seines Zeichens CDU-Abgeordneter, den man nun endlich auch kennen gelernt hat, als er in einer Debatte über die kriminellen Machenschaften seiner Partei dem Abgeordneten der Grünen Tarek Al Wazir zugerufen hat, er solle doch zurück nach Sanaa gehen. Zwar bestritt Reif dies nachher, aber besonders zerknirscht wirkte er nicht, als er im Fernsehen sagte, er habe nur gerufen: »Ein Student aus Sanaa!« Und das sei schließlich die Wahrheit und nicht ausländerfeindlich.

Das Perfide am rechten Terror in Deutschland ist, dass seine Organisationsstrukturen rhizomatischer sind, als Deleuze und Guattari es sich je vorstellen konnten. Während die Rassisten in den Landtagen und an den Stammtischen unbehelligt ihre harmlosen Witze und parlamentarischen Zwischenrufe machen können, frisst sich das braune Gedankengut rhizomatisch durch die deutsche Scholle, um überall im Land hervorzubrechen und eine blutige Spur aus Mord und Terror hinter sich herzuziehen. Und anstatt Stammheim um einen rechten Flügel zu erweitern, bringt man das ganze abschreckende Arsenal der Sozialpädagogik gegen den rechten Terror in Stellung.

Aber ich möchte noch einmal auf Friedrich Wilhelm zurückkommen. Ich fürchte, dass er in der Schule wegen seines Namens ebenso wenig auffallen wird, wie die Henrys und Jeanines in der DDR. So muffig die DDR auch immer gewesen sein mag, die Sehnsucht der Menschen nach einem kleinen kosmopolitischen Lichtblick im grauen Alltag ist mir wesentlich sympathischer als der Ungeist, der in Friedrich Wilhelm zum Ausdruck kommt. Aber diesen Ungeist werden wir ja bald mit Jugendprojekten und betreutem Saufen in die Flasche zurückgedrängt haben. – Solingen 4. September 2000

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