Fliegende Teppiche in jedem Klassenzimmer

Die CDU versucht zur Zeit, etwas gegen ihr Image als ausländerfeindliche Partei zu tun. – Nun ja, warum soll man es nicht mal versuchen. Jürgen Rüttgers, der so lange Zeit vergeblich versucht hat, sich einen Ruf als Zukunftsminister zuzulegen, und der bayrische Innenminister Günther Beckstein, der als solcher höchstens noch den Ruf als Falken zu verlieren hat, machten nun den Vorschlag, in deutschen Schulen einen islamischen Religionsunterricht einzuführen, um die Ausländer, die man ja nun nicht mehr wegbekommt, durch eine Art aufgeklärten Islamismus nach und nach den Fängen der fundamentalistischen Mullahs zu entreißen.

Was sich anhört wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, ist natürlich nur schwer zu verwirklichen, denn so wie es seine Zeit braucht, bis ein Gebetsteppich endlich anfängt zu fliegen, so lange wird es wohl auch dauern, bis die ersten Studentinnen an deutschen Hochschulen Islamismus auf Lehramt mit Nebenfach Sozialpädagogik studieren werden.

Philosophisch interessant ist der Vorschlag, weil er wieder einmal beweist, das alles relativ ist. Erscheint vielen der christliche Religionsunterricht an deutschen Schulen als hoffnungslos konservatives Relikt, so fühlt man gleich den frischen Wind der Aufklärung, wenn es um islamischen Religionsunterricht geht. Man stelle sich nur einmal vor, wie die Lehrerin, die im Sexualkundeunterricht eben noch versucht hat, ein Präservativ über das maßstabsgetreue Modell eines männlichen Gliedes zu stülpen, im islamischen Religionsunterricht den Mädchen anhand eines Styroporkopfes demonstriert, wie man ein Kopftuch bindet.

Schon dieses Beispiel zeigt, dass der Vorschlag von CDU/CSU wirklich zu begrüßen ist. Denn der Islam wird für den durchschnittlich atheistischen Deutschen seinen Schrecken schlagartig verlieren, wenn deutsche Pädagogen mit deutscher Gründlichkeit ihn zwischen englischem ›th‹ und chemischer Knallgasprobe unterrichten.

Und welch hymnisch humanistische Augenblicke sind denkbar, wenn die schlaksige Theatergruppe irgendeines Geschwister-Scholl-Gymnasiums in ihrer Aula Lessings Nathan aufführt und Christen, Moslems und die Schüler brüderlich vereint zu deklamieren anheben:

Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hülf’!

Doch halt! Zu früh gefreut! Ist Lessings Nathan nicht ein Stück, das zücht’gen Volksempfindens ganz entgegen die zwiefach Staatsbürgerschaft, die rassische Durchmischung lobt, dass wenn der Vorhang fällt, so mancher ruft: »Ich deines Bluts!«

Nun denn, die mit Nadelstreifen bewehrten Tempelritter rüsten sich. Sie tragen das Banner der Integration voran. Denn natürlich sind CDU/CSU für die Integration von Ausländern – nur darf von dem Türken nichts übrigbleiben, wenn er eingedeutscht worden ist. Er muss rückstandsfrei entsorgt werden können! – Solingen 13. Januar 1999

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