Wir sind Rassisten!

La Vuelta del Malón von Ángel Della Valle (1892). Es hängt im Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires.

La Vuelta del Malón von Ángel Della Valle (1892). Es hängt im Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires.

Wir brauchen neue Begriffe. ›Rassist‹ ist ein Schimpfwort und Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Damit aber tabuisieren wir etwas, das uns unangenehm ist, und erschweren uns die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in unserer Gesellschaft ­und unserer eigenen Welterfahrung. Wie kann man mit seinen Mitmenschen über Rassismus diskutieren, ohne sie vor den Kopf zu stoßen? Niemand stellt sich gerne den eigenen Denk- und Wahrnehmungsmustern, wenn sie apodiktisch verteufelt werden.

Was ist Rassismus?

Wir glauben zu wissen, was Rassismus ist, denn er äußert sich in unübersehbaren Gewalttaten. Menschen werden diskriminiert, beleidigt, geschlagen, verletzt und ermordet, weil sie anders aussehen, anders sprechen oder sich anders kleiden. Gleichzeitig sind wir unzufrieden mit dem Begriff, denn die Gewalt richtet sich wahllos gegen alles Fremde. Häufig benutzen wir deshalb den Begriff der Fremdenfeindlichkeit, um den Hass zu beschreiben, der Menschen entgegenschlägt. Xenophobie, die Angst vor dem Anderen, der Hass auf das Fremde, ist ein Begriff, der im Gegensatz zum Rassismus Veränderungen zulässt. Fremdes kann sich durch Gewöhnung in Bekanntes verwandeln, ohne dass das grundsätzliche, xenophobe Verhaltensmuster abgelegt werden muss. Rassistische Kategorien sind da weniger flexibel.

Das, was als fremd wahrgenommen wird, ist abhängig von der Sozialisation der Gruppe und damit Veränderungen unterworfen. In einer offenen, multikulturellen Gesellschaft wird ein Mensch mit einer anderen Religion nicht mehr so ohne Weiteres als Fremder wahrgenommen. Um ihn zu einem Objekt des Hasses zu machen, muss man ihn erst durch eine verfremdende Dämonisierung entfremden. Ob ein Mensch türkischer Abstammung in Deutschland als Deutscher, Deutschtürke, Türke, Muslim oder Islamist wahrgenommen wird, hängt auch davon ab, welche Macht das Feindbild Islam in der Gesellschaft entwickelt und ob es interessierten Kreisen gelingt, türkischstämmige Nachbarn und Kollegen mit Hilfe dieses Feindbildes zu entfremden, zu dämonisieren und damit zu einer Bedrohung zu stilisieren, gegen die Gewalt gerechtfertigt ist.

Über Rassismus zu reden, ist schwierig, weil es ein Phänomen zu sein scheint, das ins Auge sticht, das laut und unüberhörbar ist, das niemand übersehen kann. Rassismus erschöpft sich aber nicht im brüllenden Mob. Im Mob wirken gruppenpsychologische Instinkte, die jederzeit ausbrechen können und dazu einer rassistischen Weltsicht gar nicht bedürfen. Im Mob lebt bloß die blinde Gewalt. Rassismus und Xenophobie sind Mittel, die Gewalt zu steuern. Populistische Politik ist die Kunst, die Gewalt des Mobs zu instrumentalisieren. Der Mob ist für den Populismus die schärfste Waffe.

Wir kommen dem Rassismus nicht näher, wenn wir uns mit dem Mob und seiner Gewalt beschäftigen. Das gilt für den unorganisierten Mob der Straße ebenso wie für den organisierten Mob in den Institutionen von Polizei, Militär und Verwaltung. Der Rassismus verschwindet nicht, wenn der Mob zu Hause bleibt oder antirassistische Gesetze und Verordnungen die Arbeit von Institutionen regeln.

Was Rassismus wirklich bedeutet, erschließt sich nur in der Stille, in der Leere, in der Abwesenheit des Anderen, der Nichtung des Fremden. Wir müssen das sehen, was nicht ist. Dann erkennen wir, dass Rassismus das ist, was uns hindert, das zu sehen, was nicht ist. Und vielleicht hilft uns diese Erkenntnis dann, einen besseren Begriff zu finden.

Der Indio, der ein Buch über die Renaissance schrieb

Mir ist diese Stille im Museo Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires bewusst geworden. Das Museum enthält eine Sammlung europäischer Kunstwerke vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Moderne sowie die Bilder und Skulpturen einiger argentinischer Künstler aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die meisten Kunstwerke sind Schenkungen reicher Argentinier. Der Eintritt ist kostenlos, da es sich um ein Nationalmuseum handelt. Während des Besuchs wurde mir plötzlich bewusst, mit welcher niemals hinterfragten Selbstverständlichkeit das europäische Bewusstsein die Geschichte der Schönen Künste ausschließlich aus seinem europäischen Blickwinkel erzählt und das mitten in einem südamerikanischen Museum auf einem Kontinent, der eine eigene Geschichte hat.

Um den Besucher über die Zeit der Renaissance zu informieren, waren auf einer Wandtafel wichtige historische Ereignisse aufgeführt. 1450: Gutenberg erfindet den Buchdruck. 1517: Beginn der Reformation durch Luther. Und dazwischen – 1492: Columbus entdeckt Amerika.

Was hätte wohl einer dieser entdeckten Amerikaner mit Hilfe der Gutenbergschen Erfindung über die Renaissance geschrieben, wenn seine Kultur nicht durch die Invasion reformierter und nicht reformierter Europäer zerstört worden wäre? Aber es gibt keine Abhandlung über die europäische Kunst aus Sicht eines südamerikanischen Indios. Das Fremde schweigt. Und dieses Schweigen wurde mir im Museo Nacional de Bellas Artes bewusst.

Buenos Aires in Argentinien und Montevideo in Uruguay sind europäische Großstädte, erbaut von Architekten, die Paris, Mailand und Genua bewunderten, die Académie française verehrten und den Jugendstil liebten. Die Geschichte Argentiniens beginnt mit der Unabhängigkeit 1816, die ihrerseits durch ein europäisches Ereignis ausgelöst wurde: die französische Revolution und ihre Folgen. Davor liegt die ereignislose Leere der Vorgeschichte.

Das Land hat keine indianischen Wurzeln. Als 1880 die erste große Einwanderungswelle Millionen Menschen aus Europa nach Argentinien spülte, war die sogenannte Urbevölkerung bereits ausgelöscht. Doch nicht nur das indianische Erbe wurde negiert, auch das afrikanische verschwand spurlos. Die freigelassenen schwarzen Sklaven sind, so will es die Legende, in ein Boot gestiegen und nach Uruguay gesegelt, wo sie aber seltsamerweise nie ankamen. Was aus den Schwarzen Argentiniens wurde, weiß man nicht. Vermutlich wurde die schwarze Bevölkerung durch Kriege und andere Gewalttaten fast vollständig aufgerieben. Alle Argentinier pochen jedenfalls auf ihre europäische Abstammung. Die Menschen mit indianischen Gesichtszügen, denen man in der Stadt begegnet, sind angeblich Armutsflüchtlinge aus Chile oder deren Nachkommen.

Natürlich interessiert sich in Argentinien kaum jemand für die Renaissance. Argentinien wird, wie Deutschland und Italien, von der globalisierten Popkultur geprägt. Aber auch die Popkultur ist ein Erzeugnis der europäischen Kultur. Eine fremde Kultur, die unserer Kultur einen Spiegel vorhalten könnte, gibt es nicht. Wir haben alles Fremde zerstört, durch Ausrottung, Unterwerfung und Assimilation. Anstatt mit fremden Kulturen in einen Dialog zu treten, haben wir sie bestenfalls durch eine imperialistische Ethnologie zu exotischen Studienobjekten herabgewürdigt. Der Europäer allein hat die Kulturen der Welt beschrieben und in allen Kulturen immer nur die eigene zur Sprache gebracht und das Fremde verstummen lassen.

Nur wenn ein Ureinwohner Patagoniens uns ein Werk über die Renaissance hinterlassen hätte, könnten wir die Stimme eines Fremden hören, wenn wir wollten. Doch der Indio hat dieses Buch niemals geschrieben. Das wurde mir im Museo Nacional de Bellas Artes schmerzlich bewusst.

Wir können das Fremde nicht wahrnehmen, weil es schlicht und einfach nicht existiert. In dieser Beschränkung sind wir alle naive Rassisten, weil uns das Korrektiv fehlt, der Blick des Anderen, der Blick des Fremden.

Und wie würden wir auf das Buch eines Indios aus Patagonien über die europäische Renaissance reagieren? Vermutlich würden wir es mit neugierigem Voyeurismus als exotische Rarität betrachten, genau so belustigt wie wir einst das ›Negerdorf‹ auf der Pariser Weltausstellung von 1889 bestaunten.

Ja, wir sind Rassisten.

(Zur Diskussion auf Diaspora)

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