1914: Gehe zurück auf Los!

Seitdem sich die Revolution in der Ukraine zur Krimkrise ausgeweitet hat, warnen viele Leute vor einem Rückfall in den Kalten Krieg. Dabei sagen die Würfel der Geschichte gerade etwas ganz anderes: Gehe zurück auf Los! Gehe zurück ins Jahr 1914.

Auf den ersten Blick hat man tatsächlich den Eindruck, der Kalte Krieg sei zurückgekehrt. Auf der Krim treffen scheinbar die Interessen des Westens und die des Osten aufeinander. Doch in Wirklichkeit ähnelt die Situation eher der von 1914.

Wer im Kalten Krieg aufgewachsen ist, kann sich vermutlich noch sehr gut an die einfachen Wahrheiten erinnern, die damals galten. Die Sowjetunion, der Warschauer Pakt, der Osten  – das waren die Bösen; die USA, die Nato, der Westen – das waren die Guten. Wer im Westen aufwuchs, zweifelte selten an dieser einfachen Wahrheit, selbst dann nicht, wenn er gegen den Vietnamkrieg der USA auf die Straße ging. Denn die USA waren mehr als das kleinere Übel, mit ihnen zusammen genoss man alle Annehmlichkeiten einer florierenden Wirtschaft, wogegen im Osten unübersehbar Mangelwirtschaft herrschte. Dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht verstärkte sich von Jahr zu Jahr, sodass der Ostblock schließlich daran zerbrach. Wir im Westen fühlten uns damals wie die Sieger der Geschichte. Fast alle Länder des Ostblocks wurden zu Demokratien und wollten Mitglied der Europäiscen Gemeinschaft werden. Das Gute hatte gesiegt. Die vielen Schwierigkeiten glaubte man mit der Zeit lösen zu können. Und die Entwicklung in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks bestätigt diese Sichtweise. Wenn man das letzte Vierteljahrhundert Revue passieren lässt, so hat Europa den Zusammenbruch der Ostblocks – immerhin eine noch nie dagewesene weltpolitische Krise – im Großen und Ganzen sehr gut gemeistert.

Nur Russland nahm einen anderen Weg. Zwar schaffte Russland wie China den Sprung vom maroden Staatskapitalismus zur kapitalistisch florierenden Oligarchie – aber Demokratie blieb ein bloßes Etikett. Der russische Herrscher wird nur von seinen Lakaien als lupenreiner Demokrat tituliert. Alle anderen zeichnen das realistische Bild eines Diktators, der ein Riesenreich durch einen Polizeistaat vollständig im Griff hat. Eine Zeit lang lebte man in Europa und Russland nebeneinander her und profitierte von den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Hin und wieder wurde Putin wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert, aber es blieb bei sonntäglicher Entrüstung. Nun aber wird die Krimkrise von den ehemaligen Staaten des Ostblocks als Bedrohung ihrer Unabhängigkeit empfunden. Die Ost-West-Konfrontation ist wieder da – nur ist nicht mehr Berlin die Schnittstelle der Hemisphären, sondern Osteuropa.

Aber so einfach ist es nicht. Der Westen existiert im Grunde nicht mehr. Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland den Rest der Welt und damit auch uns, die wir uns immer als Teil des Westen verstanden, ausspionieren, unsere privaten Telefongespräche mitschneiden, unsere E-Mails lesen, unsere Surfgewohnheiten registrieren – kurz unser Leben annektieren, hat die Gemeinsamkeiten des Westens als Wertegemeinschaft ein für allemal zerstört. Der Westen als eine Gemeinschaft von demokratischen Staaten, die auf Augenhöhe miteinander umgehen, ist Geschichte. Übrig bleiben lose Staatenbündel, in denen mehr oder weniger kriminelle Regime ihre Bürger auf mehr oder weniger brutale Weise unterdrücken. Wir sind nicht mehr die Guten, weil es kein Wir mehr gibt. Die USA sind kein Verbündeter mehr, sondern ein Konkurrent auf dem Weltmarkt, der seinen Geheimdienst Wirtschaftsspionage betreiben lässt. Großbritannien ist kein normales Mitglied der Europäischen Gemeinschaft, sondern eine fremde Macht, die die gesamte europäische Kommunikation abhört, um daraus für sich wirtschaftliche und politische Vorteile zu ziehen.

Die Situation heute in Europa ähnelt mehr der Lage vor dem ersten Weltkrieg, als alle Staaten egoistische Interessen verfolgten und ihre Bevölkerung mehr oder weniger brutal unterdrückten. Es gab damals keine Teilung in Gut und Böse, in Ost und West, sondern eine unübersichtliche Gemengelage, die es Historikern bis heute schwer macht, die Ursachen des Weltkriegs freizulegen.

Gehe zurück auf Los, gehe zurück ins Jahr 1914. Darin liegt auch eine Chance. Vielleicht machen wir es diesmal besser. Der Ost-West-Konflikt hatte etwas Eschatologisches an sich. Wie im Zoroastrismus wurde die Welt und Gut und Böse geteilt. Mit dem Fall der Mauer schien die Geschichte vollendet. Ein fataler Teleologismus, dessen Folge wie bei jedem Teleologismus Überheblichkeit, Borniertheit und vor allem Blindheit waren. Wir sind im Grunde bis heute blind für die vielen Widersprüche und Frontlinien, die unsere Welt und uns selbst durchziehen.

In Europa lösen sich die Nationalstaaten teilweise auf – und mit ihnen wie Kritiker nicht zu Unrecht beklagen die nationalstaatlich fundierte Demokratie. Die USA versuchen mit allen geheimdienstlichen und militärischen Mitteln die große, globale Hegemoniemacht zu bleiben, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Russland möchte zu alter Größe zurückkehren. Die Bevölkerung in all diesen Ländern aber begehrt auf. Sie demonstriert gegen die Zerstörung der Privatsphäre, gegen die Zerstörung des Sozialstaats und – wie man heute sah – gegen die Großmachtpläne des Kreml.1 Viele Menschen verstehen sich heute als Weltbürger. Aber viele sehnen sich auch zurück in die Zeiten einfacher Wahrheiten und laufen den Nationalisten hinterher. Eine Gemengelage wie 1914!

Gehe zurück auf Los! Doch was soll man dort tun? Vielleicht sollten wir dort den ideologischen, nationalen und religiösen Krempel der letzten Jahrhunderte endlich über Bord werfen! Lasst uns die alten Fehler nicht wieder begehen! Lasst uns etwas Neues anfangen!

Literatur

Krim-Krise: Friedensdemonstration in Moskau. In: Spiegel Online (2014). Internet: http://www.spiegel.de/politik/ausland/krim-krise-friedensdemonstration-in-moskau-a-958796.html. Zuletzt geprüft am: 27.9.2014.

Fußnoten


  1. Krim-Krise: Friedensdemonstration in Moskau. In: Spiegel Online (2014). Internet: http://www.spiegel.de/politik/ausland/krim-krise-friedensdemonstration-in-moskau-a-958796.html. Zuletzt geprüft am: 27.9.2014.

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