Wie eine Ratte im Labyrinth

Wer seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdient, kommt sich mittlerweile vor wie die sprichwörtliche Ratte im Labyrinth der Verhaltensforscher. Man kann arbeiten bis zum Umfallen, sparen, so gut es geht, sein Geld anlegen, wo immer man will, wählen, wen man will, am Ende kassiert immer der, der schon mehr als genug hat, und man selbst ist der Dumme. Je mehr man sich anstrengt, um so reicher werden die Reichen.

Nun, da der Experimentator für totale Frustration gesorgt hat, führt er das Charakter-Experiment durch und bietet der Ratte einen Sündenbock. Der heißt wahlweise Flüchtling, Asylant, Islamist oder internationales Judentum. Und die Ratte beißt sofort zu.

Ich weiß, wovon ich rede. Von 2010 bis 2013 habe ich an vielen Infoständen der Piraten mit zahllosen Bürgern gesprochen, die von den etablierten Parteien enttäuscht waren. »Bankenkrise, die faulen Griechen machen den Euro kaputt! Ich hab 30 Jahre $PARTEI gewählt, jetzt wähle ich euch!« Man kam schnell mit vielen Leuten ins Gespräch. Aber sobald man den griechischen Sündenbock in Schutz nahm, fanden die Besorgten schnell den nächsten. Nach spätestens fünf Minuten waren die Juden mit ihren Banken an allem Schuld.

Beim Charaktertest im Rattenexperiment fallen leider viel zu viele durch. Das Sündenbock-Syndrom ist wohl in vielen Köpfen fest verdrahtet. Das Schlimmste ist, dass die Ratte ihr Labyrinth liebt und sich nicht vorstellen kann, auszubrechen.

Die Piraten wählt heute keiner mehr. Sie hatten einfach keinen leckeren Sündenbock im Programm.

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