Ad Sanctos

»Kann mir irgendjemand den Zusammenhang zwischen Armutsreport & steigenden CDU-Werten erklären?« fragte grmpyoldman heute morgen auf Identica. Ich hatte die Antwort gleich parat: »Die Menschen wollten schon immer ad sanctos begraben sein.«

Deutschland ist das einzige entwickelte Land der Erde, in dem die Reallöhne im letzten Jahrzehnt gesunken sind. Die Gewinne der Unternehmen sind währenddessen geradezu explodiert und der Reichtum der Reichen nahm in schamloser Weise zu. Suppenküchen für die Armen, neudeutsch Tafeln genannt – und im Übrigen die Erfindung einer Unternehmensberatung – gehören mittlerweile zum Alltag in einem der reichsten Länder der Erde. Im Armutsbericht der Nationalen Armutskonferenz heißt es: »Armut ist politisch gewollt.«1 Gleichzeitig befindet sich die CDU in einem Umfragehoch, während die Piratenpartei, die als einzige Partei in Deutschland ein Bedingungsloses Grundeinkommen fordert bei 3% vor sich hindümpelt. Auch die anderen Parteien, die dafür sorgten, dass sich Arbeit in Deutschland immer weniger und Ausbeutung immer mehr lohnt, stehen in Umfragen recht gut da. Die FDP ohnehin, vor allem aber SPD und Grüne haben während ihrer Regierungszeit durch die Hartz-Gesetze den Sozialstaat zerschlagen und der neoliberalistischen Gier alles aufgeopfert, was Generationen von Sozialpolitikern aufgebaut hatten. Da kann man sich schon fragen, ob der Bürger spinnt.

Das tut er natürlich nicht. Die Gründe für das Hoch der CDU liegen in der menschlichen Psychologie verborgen. Im Mittelalter, als die Menschen noch an das Ende aller Zeiten glaubten und nicht wie heute in infantiler Weise über die Eigenarten des Maya-Kalenders twitterten, hatte der Tod seinen Stachel verloren.  Die finale Auferstehung am Ende aller Zeiten war gewiss, sofern man ein gottgefälliges Leben geführt hatte und beim Jüngsten Gericht auf gute Fürsprecher beim obersten Richter hoffen durfte.

Als Fürsprecher beim Wiegen der menschlichen Seele kamen damals ausschließlich Heilige in Frage. Sie waren bereits verklärt und besaßen das Ohr von Jesus Christus. Natürlich konnte man sich der Fürsprache eines solchen Heiligen niemals völlig sicher sein. Deshalb ließen die Menschen des Mittelalters nichts unversucht, um sich bei den Heiligen in ein gutes Licht zu setzen. Dafür musste man aber erst einmal ihre Nähe suchen. Glücklicherweise gab es damals so viele Reliquien, dass selbst in kleinen Dörfern keine Kirche ohne den Knochensplitter eines Heiligen bleiben musste. Zu diesem Splitter eines Heiligen, der pars pro toto genommen wurde, beteten die Menschen nicht nur bei Lebzeiten, sie ließen sich auch in der Nähe ›ihres‹ Heiligen begraben. So konnten sie sicherstellen, am Tag des Jüngsten Gerichts, wenn sich die Gräber öffnen, einer einflussreichen Persönlichkeit nonchalant aus dem Grab helfen. Außerdem kann man sich seinem Heiligen empfehlen, indem man ihm bei der Suche nach seinen über die gesamte Christenheit verteilten Körperteilen zur möglicherweise fehlenden Hand geht.

Die Folge dieser verständlichen Psychologie war dramatisch. Alle Welt drängte zu den Heiligen. Die Reichsten und Mächtigsten ließen sich in der Kirche unmittelbar unter oder neben dem Allerheiligsten begraben. Die Mittelschicht beanspruchte das Mittelschiff, das Querschiff sowie die Seitenschiffe. Nur die Armen, die mussten draußen bleiben. Zeitweise bevölkerten dermaßen viele Auferstehungsberechtigte die Kirchen, dass Gräber einbrachen, Leichengase explosionsartig aus dem Kirchenboden hervorschossen und Kirchgänger reihenweise hinwegrafften. Man ging deshalb gezwungenermaßen dazu über, außerhalb der Kirchen Friedhöfe, also eingefriedete Höfe, für die Toten anzulegen.

Im Grunde hat sich seit dem Mittelalter nicht viel verändert. Der Mensch sucht immer noch die Nähe der Einflussreichen. Das fängt im Kindergarten an und endet frühestens im Pflegeheim. Führer finden immer und überall eine Gefolgschaft. Denn die Gefolgschaft glaubt, dass ihr Führer für sie irgendwann einmal ein gutes Wort einlegen wird. Wer selbst erfolglos ist, möchte wenigstens einen Platz am Rande des Lichtkegels eines Erfolgreichen erobern. Die Machtlosen drängen sich um den Nächstmächtigeren. Man möchte zu dem, dem man folgen soll, aufschauen können. Macht korrumpiert nicht allein den Mächtigen, sondern sehr viel mehr noch die Gefolgschaft, das Heer der Machtlosen.

Das ist der tiefere und leider auch sehr ernüchternde Grund dafür, dass nach den Erfolgen der Piraten bei der Landtagswahl in Berlin, dermaßen viele neue Mitglieder in die Piratenpartei strömten, dass der Ansturm kaum noch zu bewältigen war. Politikverdrossene jeder Couleur glaubten in der Piratenpartei ein neues Machtzentrum zu entdecken, eine Kraft, die etwas in Bewegung bringen könnte. Piraten sind zwar alles andere als Heilige und die Piratenpartei kann noch so säkular sein. Auch Atheisten wollen ihr Dasein ad sanctos fristen.

Nach den erfolgreichen Landtagswahlen kam im Sommer aber die Durststrecke. Ein paar Piraten in vier Landtagen konnten das Ruder in Deutschland nicht herumreißen. Bei den Gläubigen kamen Zweifel auf. Werden die Piraten wirklich so einflussreich werden, dass es sich lohnt, ihre Nähe zu suchen? Da half auch nicht das Angebot der Piraten, die Bürger an der Politik zu beteiligen. Viele Bürger wollen sich gar nicht an der Politik beteiligen. Sie wollen bloß wissen, wessen Nähe sie in Zukunft suchen müssen. Sie wollen zu jemandem aufschauen können, der in Talkshows punktet und nicht ohne Socken oder ohne Antworten dasteht. Hinzu kamen innerparteiliche Querelen, sodass die Umfragewerte erst recht in den Keller stürzten. Streit kostet Stimmen. Zerrissenheit bedeutet Machtverlust. Niemand sucht die Nähe der Schwachen. Macht dagegen ist sexy.

Die SPD tat gut daran, einen Mann zum Kanzlerkandidaten zu machen, der selbst von einer Stadt, die völlig pleite ist, 15.000 Euro für ein paar warme Worte kassiert. Wer sonst in der SPD kann sich den Unsinn, den er verzapft, auch noch vergolden lassen? Steinbrücks schwerer Honorarsack ist keine Last im Wahlkampf, sondern ein Zeichen von Macht! Gegen Merkel ist Steinbrück natürlich ein Waisenknabe. Jeder Staatsmann in Europa sucht zurzeit ihre Nähe, weil Deutschland viel Geld und Macht hat. Ist es da ein Wunder, dass auch der Wähler ihre Nähe sucht? Sie wollen ihre Stimme ad sanctos begraben. Habt ihr euch nie gefragt, warum es Wahlurne heißt?

Was sollen die Piraten also tun? Sie müssen zeigen, dass es sich lohnt, ihre Nähe zu suchen, dass sie die Ideen haben, deren Zeit gekommen ist. Dann kommen die Wähler wieder. Ganz sicher.

Die NRW-Piraten haben heute damit angefangen. Sie haben die Finanzdaten der Kommunen vom Land erbeutet und veröffentlicht.2 Eine nette Prise, mit der wir noch viel Spaß haben werden.

Literatur

Nationale Armutskonferenz: „Armut ist politisch gewollt“. In: Die Zeit (2012). Internet: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/nationale-armutskonferenz-bericht. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Transparenzerfolg: Finanzdaten der Kommunen veröffentlicht Piratenfraktion im Landtag NRW - Blog der 20 Piraten – Klarmachen zum Ändern! 2012. Internet: http://www.piratenfraktion-nrw.de/2012/12/transparenzerfolg-finanzdaten-der-kommunen-veroffentlicht/. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Fußnoten


  1. Nationale Armutskonferenz: „Armut ist politisch gewollt“. In: Die Zeit (2012). Internet: http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/nationale-armutskonferenz-bericht. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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  2. Transparenzerfolg: Finanzdaten der Kommunen veröffentlicht Piratenfraktion im Landtag NRW - Blog der 20 Piraten – Klarmachen zum Ändern! 2012. Internet: http://www.piratenfraktion-nrw.de/2012/12/transparenzerfolg-finanzdaten-der-kommunen-veroffentlicht/. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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