Als ich Neda sterben sah

Als ich Neda sterben sah, schämte ich mich für meinen voyeuristischen Blick, mit dem ich die Nachrichten und Bilder aus dem Iran im Internet verfolgt hatte. Ich sah etwas aus der sicheren Position des medialen Flaneurs, ohne mich der Gefahren auszusetzen, die ein Augenzeuge eingeht. Jeder, der bei ihr war, der in der Nähe war, als der Schuss fiel, und hinzu lief, als sie zusammenbrach, hätte das nächste Opfer ihres Mörders sein können. Ich aber saß sicher an meinem Schreibtisch.

Der kurze Film ihres schnellen Sterbens zeigt ein Drama ohne Anfang. Der Schuss ist bereits gefallen, als das Objektiv Neda einfängt. Woher geschossen wurde und wer geschossen hat, bleibt unklar. Der Film beginnt damit, wie Neda auf der Straße zusammenbricht und mit offenen Augen stirbt. Ein Anblick, den man nicht mehr vergessen kann und vor dem uns die fürsorgliche Zensur der Medien bisher beschützt hat. Doch die Fernsehsender und Nachrichtenagenturen dürfen im Iran nicht mehr drehen. Und sie halten sich an das Verbot. Sie haben keine Bilder. Dafür erreichen uns Dutzende von Filmaufnahmen über das Internet. Sie als Amateuraufnahmen zu bezeichnen, beweist, wie sehr unsere Sprache manchmal der Wirklichkeit hinterherhinkt.

Der Film zeigt Nedas Sterben, das Entsetzen ihres Musiklehrers, der neben ihr stand, als das Geschoss ihre Brust durchschlug, und die Verzweiflung der Augenzeugen. Als ich auf den Link in Twitter klickte, wusste ich, dass der Film ein totes Mädchen zeigen würde, ermordet von den Schergen eines theokratischen Terrorregimes. Auf ihr Sterben war ich nicht vorbereitet, so wie sie auf das Sterben nicht vorbereitet war. Ich erwartete ein Zeugnis der Grausamkeit des verhassten Mullah-Regimes, eine Bestätigung für das, was längst jeder weiß. Ihr Sterben aber entzog sich dieser Vereinnahmung. Es weckte das kreatürliche Grauen vor dem Tod, der in seiner erratischen Sinnlosigkeit sich jeder Sinngebung entzieht. Gläubigen wird in diesem Augenblick zur Gewissheit, dass es Gott nie gab. Nedas Sterben zerreißt den Schleier, mit dem wir das Nichts bedecken wollen und der uns doch bloß den Blick auf das Sein, die Fülle des Lebens verbirgt.

So geschah es auch mit ihrem Tod. Es brauchte nicht lange, da hatten die Menschen einen Schleier über ihr Sterben geworfen und aus Neda eine Märtyrerin, eine Ikone gemacht. Ihr Tod machte sie wehrlos. Sie ist der Nachwelt ausgeliefert, die auf ihren Tod Parolen reimt und Schlachtrufe anstimmt. In einer Twitter-Meldung wird Mousavi mit den Worten zitiert: »Neda is not an angel – the angels aspire to Neda.« Ob Mousavi, der die Märtyrer als die wahren Führer der Revolution bezeichnet haben soll, das wirklich so gesagt hat, ist unerheblich. Der Gedanke ist das Wesentliche.

Und er stößt mich ab. Das Denken, das aus Neda eine Märtyrerin macht, ist das gleiche, das sie mordete. Ein Märtyrer ist eine Waffe, die von Mördern im Namen Gottes benutzt wird. Khomeini besiegte mit dieser Waffe den Schah. Und nun wird sie gegen sein theokratisches Terrorregime gerichtet. Märtyrer sind Waffen, die neue Märtyrer, neue Waffen schaffen. Märtyrer schüren die Wollust des Hasses. Sie verleihen ihm die Aura der Gerechtigkeit.

Märtyrer übernehmen die Rolle des archaischen Menschenopfers, das allen Religion, auch den abrahamitischen, zugrunde liegt. Das Opfer eines Menschen überkompensiert unsere Gewissheit, dass wir sterblich sind. Der Riss, der die ganze Schöpfung von oben bis unten zerreißt, wenn ein Mensch stirbt, wird mit Menschenopfern gekittet. Die Opferung des Lebens soll uns weismachen, dass es etwas Höheres gibt als unser individuelles Leben. Das grauenvolle, blutige Ritual zwingt das Denken geradezu in diese Richtung: Es muss etwas Höheres geben als das Leben des geopferten Menschen, die Bluttat der Priester muss einen Sinn haben, denn sonst wären sie ganz gewöhnliche Mörder! – In Wirklichkeit sind sie weit schlimmer als Mörder, denn sie nehmen nicht nur dem Geopferten das Leben, sie entfremden die Zeugen der Opferung dem Leben, indem sie unsere angeborene Gewissheit, dass mit unserem Tod alles vorbei ist, mit einer monströsen Tat erschüttern. Dabei ist es diese Gewissheit, die den Menschen ausmacht. Die Opferpriester erniedrigen das Leben, sie feiern den Tod. Wenn der Begriff des Bösen jemals Sinn gemacht hat, dann hier.

Die Lüge, dass es etwas Höheres gäbe als unser Leben, ist die Erbsünde der Religionen, die sie mit den säkularen Religionen, den Ideologien, teilen. Nedas Sterben zerreißt den Schleier der Lüge. Plötzlich erfüllt uns wieder die Gewissheit der Kreatur, dass nichts, aber auch gar nichts ihren Tod rechtfertigt und dass es nichts gibt, was ihm einen Sinn geben könnte, kein Glaube, keine Ideologie, kein Freiheitskampf, keine Revolution – diese kristallklare Erkenntnis erschüttert uns wie ein Erdbeben, wenn wir Nedas Augen brechen sehen. Alles in uns rebelliert gegen ihren Tod – bis das sinngebende Denken, dieser Fluch des menschlichen Geistes, schließlich anhebt, die erratische Sinnlosigkeit ihres Todes, und damit des Todes überhaupt, mit einem Sinn zu überkleistern. Doch die Unmittelbarkeit der Bilder hat eine innere Kraft. Sie sperrt sich auch nach Tagen der Sinnstiftung. Selbst wenn die Kugel, die Neda traf, in der verklärenden Rückschau eines Tages als die Kugel identifiziert werden sollte, die das Regime ins Herz getroffen hat, vernehmen wir in dem Video die Stimme des Protestes gegen jede Sinnstiftung ihres Sterbens.

Es ist schwer diese Erkenntnis festzuhalten. Etwas in uns will eine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Hat der Scharfschütze die junge Studentin ausgewählt, weil sie unverschleiert war? Neda trug keinen Schleier als sie starb. Hat der religiöse Wahn eines Fanatikers sie verurteilt und das Urteil an Ort und Stelle vollstreckt? Wir ertappen uns dabei, dass wir nach Motiven suchen. Wir möchten ihrem Tod durch die Motive des Mörders einen Sinn zu geben. Das ist die Lüge des Kriminalromans, die Lüge des revolutionären Theaters. Etwas in uns will die Stimme der Wahrheit mit Lügen übertönen. In seiner religiösen Übersteigerung wird dieses Denken zu einem Triebtäter, der nach Märtyrern sucht und sie findet. Wer aber Neda zur Märtyrerin macht, markiert bereits die Kugel, die morgen eine andere Neda tötet.

Dennoch. Ich sitze am Schreibtisch. Ich brauche keinen Talisman. Ganz anders die Menschen, die im Iran geschlagen, gefoltert und gemordet werden. Sie brauchen die verherrlichte Neda, um die Angst zu überwinden, wenn die Mullahs mit Mord und Totschlag drohen, um sich aufzurichten, wenn sie geschlagen werden, um sich den schwarzen Mördern auf den Motorrädern in den Weg zu stellen, und um schließlich das Regime an seinem jüngsten Tag in einem Meer aus Grün zu ertränken. Die Mullahs haben jede Art von öffentlicher Trauer für Neda Salehi Agha Soltan verboten. Sie zeigen keine Achtung vor einer jungen Frau, aber sie haben Angst vor der Märtyrerin. Neda soll islamische Theologie studiert haben. Nun wird sie zu einer Waffe gegen die islamische Diktatur. Ironie der Geschichte? Nein, ihre bittere Logik. Es braucht eine Armee aus Märtyrern, um ein Regime zu stürzen, das von Menschenopfern lebt. – Der kurze Film ihres Sterbens könnte dagegen eine viel größere Sprengkraft entwickeln. Er könnte die Armee aus untoten Märtyrern in Luft auflösen und die Spirale des Todes durchbrechen. Wir müssen bloß dem Ruf des Filmes folgen. Es gibt keinen Gott! Ihr seht hier nicht die Geburt einer Märtyrerin, sondern den Tod einer jungen Frau. Ihr werdet Zeuge, wie die kurze und vergängliche, die herrliche und wundervolle Fülle eines Lebens ausgelöscht wird. Hört auf, den Tod anzubeten! Wendet euch von den Priestern ab! Feiert das Leben!

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