Lieber gut tafeln als bei der Tafel essen!

Kindergarten ist eins der wenigen Worte, das international Karriere gemacht hat. Aber seitdem Deutschland mit seinen Kindergärten zum Vorbild für viele andere Länder wurde, ist viel Zeit vergangen. Laut einer Studie ist Deutschland auch bei der Kinderbetreuung wieder einmal nur Mittelmaß.

Warum, so fragt man sich, tuen die Politiker so wenig für die Bildung der künftigen Generation? Warum werden nicht genügend Kinderbetreuungsplätze angeboten? Warum ist Kindererziehung kein Hochschulfach? Warum fließt nicht mehr Geld in Schulen und Hochschulen?

Nachdem in einer weiteren Bildungsstudie Deutschland schlecht abgeschnitten hat, treten erneut die Experten vor die Mikrofone und verkünden, dass es vernünftiger wäre, Geld in eine ordentliche Kinderbetreuung zu stecken, als später in die Resozialisierung von früh gescheiterten Jugendlichen. Die Argumentation ist völlig abwegig. Vernunft war noch nie eine Kategorie der Politik. Sonst gäbe es ja die vielen Probleme nicht.

Es geht Politikern, wie den meisten Menschen, einzig und allein um ihr Selbstwertgefühl. Wer etwas für die Armen und Benachteiligten in unserer Gesellschaft tun will, muss sich zu einem gewissen Maße mit ihnen identifizieren. Und wer tut das schon gerne? Viel lieber identifiziert man sich mit den Schönen und Reichen. Ist es nicht angenehmer, mit einem gut gekleideten Investmentbanker zu reden als mit einer gestressten Mutter aus prekären Verhältnissen, die vielleicht noch nicht einmal richtig Deutsch kann? Armut stinkt und färbt ab. Mit Hartz-IV und der Unterschicht will man nichts zu tun haben.

Wenn Sie, lieber Leser, zwischen einer Tiefkühlpizza bei Hartz-IV-Empfängern und einem Sektempfang der Finanzbranche oder einem Hummeressen in Straßburg die Wahl hätten – wo würden Sie lieber speisen? Es ist wesentlich angenehmer, Finanzjongleuren mit Milliarden aus der Patsche zu helfen, als armen Kindern eine Tür zum sozialen Aufstieg zu öffnen. Lieber gut tafeln als bei der Tafel essen!

Unsere Politiker hassen die Armen, egal woher sie selber kommen. Sie meiden das Millieu und die Menschen. Sie ändern lieber das Grundgesetz, um alle, die nicht richtig Deutsch sprechen können, noch entrüsteter ächten zu können, als dass sie Geld dafür ausgäben, diesen Menschen oder ihren Kindern Deutsch beizubringen. Für die Armen ist nie genug Geld da. Für Ungebildete erst recht nicht! Und da die so genannte Unterschicht mittlerweile kaum noch zur Wahl geht, machen sich die Politiker nicht nicht einmal mehr die Mühe, ihren Hass auf die Armen zu verschleiern.

Sie genießen es, von den Reichen hofiert zu werden. Sie lieben ihre S-Klasse. Sie spekulieren auf einen Job in der Industrie. Sie fühlen jeden Tag ihre eigene Gier wachsen und stigmatisieren daher diejenigen, die ein paar Hundert Euro im Monat vom Staat bekommen als Sozialschmarotzer, während sie denjenigen, die Milliarden vernichtet haben, noch mehr Milliarden in die Taschen stecken. Sie versuchen jeden Tag sich einzureden, ihren Erfolg verdient zu haben. Schließlich haben sie viel aufgegeben, um gewählt zu werden. Sie reden von sozialer Verträglichkeit anstatt von Mitgefühl und Verantwortung.

Ihre Sprache verrät sie. Mit dem Begriff der »bildungsfernen Unterschicht« ist es unseren Politikern endlich gelungen, die Armut in sichere Quarantäne zu nehmen. Denn wer die Bildung nicht ehrt, hat seine Armut selbst verschuldet. Arme zu verachten ist schäbig. Sich aber über die Unterschicht zu erheben, ist erste intellektuelle Bürgerpflicht. Sie mit Hartz-IV-Regelungen zu piesaken, zeigt moralische Größe. Ihre Kinder frühzeitig fühlen zu lassen, wo sie hingehören, ist nur recht und billig.

Unsere Politiker werden erst dann etwas für Arme tun, wenn diese genug Geld haben, um ihnen einen parlamentarischen Abend zu spendieren. Und unser Bildungssystem wird erst dann niemanden zurücklassen, wenn jeder seine Kinder auf eine Privatschule schicken kann. Und solange das nicht passiert, gehören die Armen in Quarantäne!

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