Kein Weg nirgends

Unser Gemeinwesen ist am Ende. Es wurde von einer selbstgefälligen Politikerkaste und finanzstarken Lobbyisten zu Grunde gerichtet. Die große Mehrheit der Bevölkerung wird durch billige Unterhaltung und geschickt dosierte Zukunftsängste ruhig gestellt und gefügig gemacht. – Das ist nicht nur bei uns so, das ist überall auf der Welt so und es war schon immer so.

Noch nie wurde ein Weg gefunden, ein funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen, in dem alle Bürger über ihre Interessen aufgeklärt sind und sich selbst regieren. Wie auch immer man diesen Zustand nennen mag, Demokratie, Basisdemokratie, gesellschaftlicher Urstand – er war Utopie und er wird immer Utopie bleiben. Der Mensch ist zwar ein geselliges Wesen, aber er ist kein politisches. Er ist anderen gerne gefällig, wenn er dafür Gefälligkeiten erwarten darf. Aber das Gemeinwesen interessiert ihn nicht die Bohne. Ehre ist ihm Kleid und Schminke, kein innerer Wesenszug. Und wenn Religion ins Spiel kommt, ist die schwache Vernunft am Ende.

Jetzt, nachdem Merkel ihren unsäglichen Kandidaten, den selbst in den eigenen Reihen niemand wollte, durchbekommen hat, jammert wieder ganz Deutschland über die da oben. Dass aber die da oben so lange weitermachen, wie wir hier unten es zulassen, bedenkt niemand. Noch heute wäre Frankreich eine Monarchie, wenn die Franzosen dem Treiben der Adeligen mit dem Schafott kein Ende gemacht hätten. Der Herrscher Russlands hieße heute noch Zar, wenn die Kommunisten ihn nicht mitsamt seiner Großfamilie erschossen hätten. Indien wäre immer noch eine Kolonie, wenn die Inder die Engländer nicht mit sanftem Druck hinauskomplimentiert hätten. Und die DDR hätte kürzlich ihren 60. Geburtstag feiern können, wenn die eine Hälfte der Bevölkerung nicht auf die Straße und die andere nicht nach drüben gegangen wäre. Wenn wir die Politiker machen lassen, wenn wir alle vier Jahre unsere Stimme abgeben und sie dazwischen nicht erheben, wird sich nichts ändern.

Eine blutige oder friedliche Revolution haben Merkel, Westerwelle und die anderen Bonzen aus der Politikerkaste nicht zu fürchten, dazu sind die Deutschen zu satt. Ziviler Ungehorsam ist schwer und passt nicht in eine Welt der Schnellgerichte. Natürlich können wir unsere Verachtung in die Welt hinaus twittern. Doch sollten wir uns auch einmal fragen, ob das Internet als Ventil unserer Wut nicht mehr zur Zementierung der Verhältnisse beiträgt, als wir es wahr haben wollen. Das Netz als zweites Leben, in dem man es sich gemütlich macht, ist Teil des großen Eskapismus, der es den Herrschenden so einfach macht, weiter zu machen wie bisher.

Man müsste an so vielen Fronten gleichzeitig kämpfen. Anders wählen. Vor und in die Parlamente ziehen. Eigene Gesetzentwürfe machen. Ungehorsam sein. Erwachsen werden. Doch dazu hat niemand Kraft und Zeit. Die Kaste der Politiker kann sich freuen. Sie werden zwar von allen verachtet, aber mit den Zuwendungen aus Steuergeldern und Lobbykassen lebt es sich prächtig. Mehr Transparenz, mehr direkte Demokratie, mehr Vernunft, weniger Parteipolitik – die Ziele sind klar – doch ein Weg ist nirgends.

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