Armes Deutschland

Claudia Nolte, die auch als pubertäres Mädchen bestimmt nie gelogen und ihren Eltern immer gesagt hat, mit welcher Freundin sie in welchen jugendfreien Film gehen will, ist von Helmut Kohl völlig verdorben worden. Was hat der Dicke nur aus dem netten, ehrlichen Mädchen von nebenan gemacht, dass man sie plötzlich auf dem verlogenen Straßenstrich der Politik wiederfindet? Wie konnte nur aus Rüschchen-Claudia eine kaltschnäuzige CDU-Ministerin werden, die mit erschreckender Dreistigkeit die Wirklichkeit so verschleiert, dass es sogar gestandenen CSU-Amigos den Atem verschlägt.

Es ist ein Jammer! Kannten wir sie nicht alle als eine zwar etwas beschränkte, dafür aber naiv-ehrliche graue Maus, die nun wirklich nicht viel ungeeigneter für einen Ministerposten war, als die übrigen Nullnummern aus der Koalition der Mittelmäßigkeit? Und nun das!

Es gibt keine Kinderarmut in Deutschland, sagte sie und stellte, ohne rot zu werden, den Armutsbericht der Bundesregierung vor und sich selbst ein Armutszeugnis aus. Monatelang hatte die Regierung den Bericht unter Verschluss gehalten, denn er war nun wirklich zu peinlich, sagte er doch klipp und klar, dass es nach 16 Jahren Kohl vielen Familien, Alleinerziehenden und Kindern schlechter und kaum einem besser geht.

Jeder andere Minister wäre wahrscheinlich sogar vom Bayrischen Rundfunk als infamer Schönfärber zerrupft worden, doch Nolte gab bei ihrer dummdreisten Pressekonferenz ein solch armseliges und gleichzeitig so erschreckendes Bild ab, dass sich kaum ein Kommentator traute, zu sagen, was er wirklich dachte.

Kann man als Mitglied der CDU und als Ministerin wirklich so tief sinken? Ist es möglich, dass ein Mädchen, das früher schon rot wurde, wenn der Banknachbar in der Schule gelogen hat, so kalt und professionell die Öffentlichkeit vera***? Und das auch dann noch tut, wenn es genau weiß, dass jeder weiß, wie die Dinge in Wirklichkeit liegen?

Irgendwie erinnert mich das an die Interviews mit blutjungen Mädchen, die von zu Hause ausgerissen sind, auf der Straße leben, sich prostituieren und vor der Kamera so tun, als ob sie das Ganze auch noch cool fänden. Man spürt, wie unwohl sie sich in dieser Pose fühlen, doch sie zeigen der kalten Welt die kalte Schulter, obwohl sie am liebsten losheulen würden, wenn sie nur wüssten wo.

Ob und bei wem sich Frau Nolte ausheulen möchte, weiß ich nicht. Aber sie zeigt den kalten Machtpolitikern in ihrer Umgebung die kalte Visage der Realpolitik. Nun gut, Aufnahmeprüfung bestanden: Jetzt gehört sie dazu. Armes Deutschland.

Wahltaktischer Nachtrag

Wenn die jetzige Regierung sich auch nach dem 27. September für mehr Armut in Deutschland einsetzen darf, werden die Straßenkinder wahrscheinlich auch in Zukunft keinen Ort finden, an dem sie keine Maske tragen müssen. Ob das bei einer rotgrünen Bundesregierung anders wäre, wage ich zu bezweifeln, denn die rotgrüne Landesregierung in Düsseldorf spart gerade mal wieder bei den Kindergärten. Vielleicht hält sich die Entrüstung über Claudia Noltes Auftritt deshalb auch in Grenzen. – Solingen 31. August 1998