Die Islamkonferenz von 1648

Als 2006 Wolfgang Schäuble die Islamkonferenz ins Leben rief, lag die letzte Religionskonferenz in Deutschland schon immerhin 358 Jahre zurück. Die Friedenskonferenz in Münster und Osnabrück beendete 1648 den Dreißigjährigen Religionskrieg, in dem sich Katholiken und Protestanten gegenseitig massakriert hatten. Es ist also kein Wunder, wenn man ein wenig aus der Übung gekommen ist, und die Islamkonferenz mehr oder weniger schief läuft.

Mit dem Westfälischen Frieden begann endgültig eine Ära der Säkularisierung in Deutschland. Die Religion wurde nach und nach aus dem politischen Raum ins Private verdrängt, wo sie schließlich und endlich aussterben wird, wenn man einigen skurillen Wissenschaftlern glauben will. Religion ist heute bloß noch für diejenigen Menschen ein Thema, die sich freiwillig – oder auf Druck ihrer religösen Eltern – in die letzten Herrschaftsräume der Kirchen begeben und dort missbraucht oder aufgrund religiöser Verfehlungen entlassen bzw. nicht eingestellt werden. Nur noch eine Minderheit nimmt die kirchlichen Gebote zur Richtschnur ihres Lebens, und um die christlichen Fundamentalisten, die die Evolution leugnen und Abtreibungsärzte ermorden, ist es still geworden. Dass heißt nun nicht, dass es sie nicht mehr gäbe, und erst recht nicht, dass man nicht weiterhin wachsam bleiben müsste, immerhin gab es einmal eine hessische CDU-Kultusministerin, die die Kreationisten unterstützte, aber die meisten Christen sind – nicht nur in Deutschland – lau geworden. Die Inquisition schichtet schon lange keine Scheiterhaufen mehr auf.

»Die Religionen Müßen
alle Tolleriret werden
und Mus der Fiscal nuhr
das auge darauf haben
das keine der anderen
abruch Tuhe, den hier
mus ein jeder nach
Seiner Faßon Selich
werden«
(Friedrich II von Preußen)1

Im Islam ist das anders. Er will das Politische beherrschen. In ihm werden religiöse und bürgerliche Rechte vermischt. Er ist alles andere als säkular. In islamischen Ländern werden Menschen aus nichtigen Anlässen gesteinigt. Die Religion verbreitet dort im 21. Jahrhundert ebenso viel Angst und Schrecken wie die Inquisition im Mittelalter. Es ist nicht so, dass das Christentum gut und der Islam böse wäre. Eine Religion, die das Leben beherrscht, ist immer böse. Darum geht es. Um die Herrschaft. In unserem Land, so der unausgesprochene Konsens, darf nie wieder eine Religion die Herrschaft über unser Leben erhalten. Die christlichen Kirchen und die verbliebenen Christen haben sich damit abgefunden, dass ihr Einfluss auf die Menschen immer marginaler wurde. Sie begnügen sich damit, dass die Religion bloß noch Einfluss auf ihr persönliches Leben nimmt. Sie haben die Religion nach innen gekehrt. Natürlich gibt es noch Relikte des mittelalterlichen Totalitarismus. So bemühen sich die Kirchen immer noch darum, die Kinder ihrer Gläubigen möglichst frühzeitig zu indoktrinieren. Taufe, Kirchgang, schulischer Religionsunterricht, Kommunion, Konfirmation – die Anstrengungen, die Religion in den Kindern fortzupflanzen, sind immer noch sehr groß. Auch wenn dies alles verwerflich ist, so sind die Fesseln doch in der Regel sehr locker und der Glaube in der Folge eher klein. Die Frage nach der Herrschaft ist nach 1648 eindeutig entschieden worden – sie liegt nicht mehr in der Hand der Kirchen. Und sogar die Gläubigen selbst streben diese Herrschaft nicht mehr an.

Bei Muslimen habe ich da große Zweifel. Im Iran sowie in Teilen Afghanistans und Pakistans herrscht eine Theokratie, in arabischen Ländern ist die Scharia gültiges Gesetz. Nun gibt es aber in Deutschland viele Menschen, die genau vor diesen Theokratien nach Deutschland geflohen sind. Sich mit diesen Menschen in einer Islamkonferenz zusammenzusetzen, erscheint mir überflüssig, selbst wenn sie mit dem Gebetsteppich unterm Arm zur Arbeit gingen.

Reden wir also von den Millionen Türken in Deutschland, die nicht vor religiösen Fundamentalisten nach Deutschland geflohen sind. Bisher sind, wenn man den Nachrichten trauen will, eher selten türkische Fundamentalisten in den Dschihad gezogen. Da sind deutsche Konvertiten, wie so häufig bei Konvertiten, eher das Problem. Was stört uns also bei den Türken? Die Ehrenmorde? Gehen sie denn ursächlich auf religiöse Anschauungen zurück oder doch eher auf die überkommene patriarchalische Lebensweise, die in Teilen der Türkei und der arabischen Welt noch anzutreffen ist? Wo ist die Grenze zwischen Religion und Mentalität? Werfen wir mit der Islamkonferenz, zu der alle Muslime eingeladen sind, nicht zu Vieles in einen Topf? Reduzieren wir hier nicht zahllose Erscheinungen des Lebens auf die Frage der Religion? Zwängen wir Menschen, die manchmal unterschiedlicher nicht sein könnten, mit dem Etikett Islam nicht eine Identität auf, die sie nicht haben – und, was noch wichtiger ist – von der wir hoffen sollten, dass sie sie nicht haben. Was verbindet – um einmal zwei Klischees zu bemühen – eine türkische Hausfrau, die kaum ein Wort Deutsch spricht und weder lesen noch schreiben kann, mit einer Studentin, die vor Jahren mit ihren Eltern aus dem Iran geflohen ist? Gar nichts! Bis auf die Tatsache, dass beide aus einem ›muslimischem Elternhaus‹ stammen. Und müssen andersherum der aus dem Irak geflohene Christ und der alevitische Türke in Deutschland nicht mit den gleichen Schwierigkeiten bei der Integration kämpfen? Wir sollten aufpassen, dass wir dem Islam nicht zu viel Macht über die Menschen einräumen, indem wir sie alle über diesen Kamm scheren.

Die Proteste im Iran nach der gefälschten Wahl und die arabischen Revolutionen zeigen uns, dass die Welt auch in muslimischen Ländern bunter ist, als wir es seit dem 11. September 2001 glaubten. Die Religion wird früher oder später auch in dieser Weltgegend ihre Bedeutung verlieren. Vielleicht wird es eher früher als später geschehen. Lasst uns also in Deutschland daher keinen Popanz aufbauen.

Vor allem keinen Popanz in Form einer Konferenz. Natürlich wäre es schön, wenn man den Dreißigjährigen Krieg der Islamisten gegen den Westen mit einer Konferenz im Westfälischen beenden könnte. Doch dieser Frieden wird ganz sicher nicht auf deutschem Boden geschlossen. Die Friedenskonferenz in Münster und Osnabrück war ein Wendepunkt in der deutschen und europäischen Geschichte. Aber der Mentalitätswechsel vom religiös geprägten Mittelalter mit seinen Scheiterhaufen zur säkularen Gegenwart hat Jahrhunderte gebraucht. Der Aufruhr in den arabischen Ländern und im Iran machen Hoffnung, dass sich in der islamischen Welt zurzeit ein ebensolcher, aber sehr viel beschleunigter Wandel vollzieht.

Wir sollten aufpassen, dass wir da mitkommen.

Literatur

Liste geflügelter Worte/J. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/J&oldid=132890278. Zuletzt geprüft am: 4.9.2014.

Fußnoten


  1. Zitat aus: Liste geflügelter Worte/J. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/J&oldid=132890278. Zuletzt geprüft am: 4.9.2014

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