Oettingers Persilschein

Was braucht man, um ein anständiger Mensch zu werden? Nicht viel, bloß einen Oettinger, der einen mit Persil wieder strahlend weiß wäscht, egal mit welchen Verbrechen man seine saubere Biedermannweste besudelt hat.

Der Mann hat ungemeines Talent. Er macht aus einem furchtbaren Juristen, der noch in britischer Kriegsgefangenschaft, lange nach dem Tode des geliebten Führers, einen Soldaten wegen Fahnenflucht hinrichten ließ, zu einem Widerstandskämpfer, der in den Geschichtsbüchern der CDU wohl mit den Verschwörern des 20. Juli im gleichen Absatz erwähnt werden soll. Das Licht, das diese Episode auf die Briten wirft, ist zwar höchst seltsam, aber wir wollen diesmal vor der Türe der CDU kehren, die nach dem Kriege wahnsinnig viele Widerstandskämpfer vom Schlage Filbingers in ihre Reihen aufnahm. Einer wurde sogar Kanzler und geohrfeigt, obwohl er doch ein ganz besonders aktiver Widerstandskämpfer war. Die CDU muss man sich als Leibstandarte Widerstand vorstellen. Sie war nach dem Krieg das Sammelbecken für die Widerstandskämpfer aus der SS, der SA, der Gestapo und der NSDAP.

Aber es gibt eben viele Leute, die einfach nicht wahr haben wollen, dass sich die zukünftigen CDU-Mitglieder während der Nazizeit nur deshalb um einen Posten als Staatsanwalt, SS-Offizier oder Gestapo-Scherge bemüht haben, um in diesen Positionen das Dritte Reich zu Fall zu bringen, was ihnen, im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli auch gelungen ist. Sie haben Adolf Hitler die Pistole quasi an die Schläfe gedrückt. Und am 8. Mai haben die Widerstandskämpfer der CDU dann auch den Zweiten Weltkrieg beendet. Als Widerstandskämpfer war man quasi in der CDU zu Hause, noch bevor sie gegründet worden ist. Und wenn Grass nie in der CDU war, so liegt das einzig und allein daran, dass er bei der Waffen-SS nicht als Under-Cover-Agent des Widerstands tätig war.

Weshalb Angela Merkel die Persilscheine Oettingers nicht gegenzeichnen will, ist mir schleierhaft, war doch die CDU in der DDR ebenfalls ein Hort des Widerstands. Sie sollte den Oettinger nicht so abkanzeln, denn wer weiß, wie schnell im Osten ein Oettinger gebraucht wird, um die Schalmeienklänge einer Blockflöte in die wütenden Gitarrengriffe eines Bürgerrechtlers zu transponieren. Ebenfalls verstehe ich nicht, wieso Oettinger nun von einem Missverständnis spricht. Möchte er sich etwa wie weiland sein Parteifreund Phillip Jenninger auf Anführungszeichen herausreden, die man nicht mitsprechen kann? »Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte. Hans Filbinger war kein Nationalsozialist« Also ich kann da keine Ironie erkennen. Aber vielleicht nimmt sich Oettinger ja an Jenninger ein Beispiel und tritt nicht nur von seiner Aussage, sondern auch von seinem Amt zurück.

Das möchte aber wiederum sein Parteifreund Schönbohm nicht, der Merkel vorwirft, die lange Tradition der CDU als Anti-Nazi-Partei nicht ausreichend zu würdigen. Vermutlich hat er Angst, dass all die aufrechten Demokraten und Bürgerrechtler der CDU den Rücken kehren könnten, wenn man für Widerstandskämpfer wie Filbinger keine zünftigen Grabreden mehr hält. Auch Steffen Bilger, der zu Recht völlig unbekannte Vorsitzende der Jungen Union im Widerstands-Ländle, übrigens ein Bild von einem Junge-Union-Vorsitzenden, meinte: »Ich glaube, viele Anwesende haben es als befreiend empfunden, dass Oettinger einige Dinge mal klargestellt hat.« Befreiung von der Geschichte – das erinnert mich an Möllemann und Martin Walser. Um den Nachschub an Widerstandskämpfern vom Schlage Filbingers muss sich die CDU keine Sorgen machen. Mit Stefan Bilger steht bereits ein neuer Jurist bereit, um in die Fußstapfen Filbingers zu treten.

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