Deutsche Leitkultur

Jeder, der das spielerische Auf und Ab des Euro verfolgt, weiß, was eine »Leitwährung« ist. Besagter Euro ist dies nicht, wenigstens solange nicht wie das Rohöl in Barrel gemessen und gegen US-Dollar getauscht wird.

Jemand, der die Langmut besitzt, sich Bundestagsdebatten auf einer geheimnisvoll rauschenden Langwelle im Radio oder, wenn es denn mal ums Eingemachte geht, im Fernsehen anzuhören, der kennt den Begriff des »Leitantrags«. Der Duden schreibt hierzu:

Leitantrag: von einem leitenden Gremium eingebrachter Antrag, dessen Inhalt für alle weiteren gestellten Anträge als Leitlinie gilt.

Dass jeder Journalist es einmal so weit bringen möchte, einen »Leitartikel« zu verfassen, ahnen zumindest diejenigen Deutschen, die wissen, dass die dicken Schlagzeilen in BILD nicht zur Gattung des Leitartikels gehören.

Und alle übrigen Deutschen werden wenigstens wissen, was eine »Leitplanke« ist. Dies ist bekanntlich die seitliche Begrenzung des automobilen Lebensraums, vor der man sich besser in Acht nimmt, will man Schaden von seinem Liebling fernhalten.

Gegen eine solche Leitplanke ist Friedrich Merz gefahren, als er vor kurzem die deutsche Sprache um den Begriff der »Leitkultur« erweiterte. Er bewies damit, dass er als echter Christdemokrat sich keineswegs vor Leitplanken fürchtet. Was im Straßenverkehr ein illegales Autorennen ist, nennt man in der Politik die Vorbereitung des CDU-Wahlkampfs.

Wie schnell sich der neue Leitgedanke in der Bevölkerung durchsetzen wird, wissen wir nicht. Diejenigen, die ein eher beschränktes politisches Leitbild ihr Eigen nenne, werden sich für den aufmunternden Leitspruch sicher mit leitmotivisch passenden Taten bedanken. Dass Friedrich Merz der deutschen Sprache damit keinen Dienst erwiesen hat, ist offensichtlich, denn »Leitkultur« reimt sich nicht mehr so schön auf »genesen« wie das gute alte »Wesen«.

Friedrich Merz versucht sich mit solch messerscharf formulierten Bonmots als Leithammel einer Herde von orientierungslosen Schafen zu bewähren und die Geschorenen dahin zurückzubringen, wo die Schmiergelder üppig fließen – an die Macht.

Sofort fragten sich alle, was man sich denn unter deutscher Leitkultur vorzustellen habe, angesichts der Tatsache, dass Harry Potter das meist verkaufte deutschsprachige Buch ist, die Damen für ihre Haut »Skin Care« benutzen, und wir, wenn es wie beim Handy gar nicht anders geht, sogar Anglizismen erfinden.

Müssen wir uns die deutsche Leitkultur wie einen Leitartikel vorstellen, der die Tendenz einer Zeitung bestimmt, den aber kaum noch jemand liest? Oder gilt es hier die Analogie zum Leitantrag zu erkennen, dessen Inhalte sich auf alle weiteren Anträge vererben? Oder ist die deutsche Leitkultur eine Art Leitwährung, für die man sich hier zwar nichts kaufen kann, die man aber frei gegen andere Devisen eintauschen darf? Wäre ein Türke also integriert, wenn er bereit ist, zwei Döner gegen eine Currywurst zu tauschen?

Natürlich gab es auch sofort Stimmen, die unkten, mit deutscher Leitkultur könne in heutiger Zeit ja nur die Schändung jüdischer Gräber und das Ermorden von Ausländern gemeint sein. Und von Ausländern zu fordern, sich an diesem Leitfaden in die Herzen der Deutschen hinein zu hangeln, sei ja wohl etwas viel verlangt.

Und so steht der Leithammel Friedrich Merz mit seiner Leitidee, die Verhinderung von Einwanderung zum Leitmotiv des Wahlkampfs zu machen, ziemlich allein auf weiter Flur. Selbst in der CDU sind einige das Thema leid.

Besonders eindringlich warnte der Leitstern der deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, die CDU davor, die Zuwanderung zum Wahlkampfthema zu machen. Offensichtlich rechnet er mit Toten, wenn die CDU das Thema aufgreift. – Solingen 19. Oktober 2000

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