Ich bin stolz darauf, CDU-Mitglied zu sein!

Nein, dies ist nicht das medienwirksame Bekenntnis des Kohl-Freundes Jürgen Rüttgers, der vorgibt, mit Kohl in den NRW-Wahlkampf ziehen zu wollen. Dies ist der neue Werbeslogan der CDU, den ich in nächtelanger Arbeit ohne Briefing und Auftrag völlig selbstlos, quasi als geldwerte Spende, für die CDU konzipiert habe. Und damit hinterher nicht wieder von schwarzen Kassen die Rede ist, übergebe ich hiermit in aller Öffentlichkeit diese Spende an den Vorsitzenden der CDU Deutschlands, Wolfgang Schäuble, mit den besten Wünschen zur völligen Genesung der Parteifinanzen. Dies ist mein Beitrag zur Rettung einer großen Volkspartei, deren Untergang nach Meinung vieler CDU-Mitglieder kein Demokrat wirklich wollen darf.

Natürlich ist es mit einem flotten Spruch nicht getan. So richtig glaubwürdig wird dieses Bekenntnis erst dann, wenn es von einer positiven Identifikationsfigur ausgesprochen wird. Kein Testimonial ohne Imageträger. Da aber Boris Becker schon woanders drin ist, und die Prominententour sowieso abgelutscht und viel zu teuer für die CDU ist, muss mal wieder der viel gepriesene Mann von der Straße seinen Kopf für die Partei hinhalten. Das Rezept ist so einfach wie effektiv. Man nehme ein halbes Dutzend unbescholtener Bürger, die dennoch CDU-Mitglied sind, lichte sie in seriösem, vertrauenserweckendem Schwarz-Weiß ab und veröffentliche diese Fotos mit der Überschrift »Ich bin stolz darauf, CDU-Mitglied zu sein!« in allen Tageszeitungen, Herrenmagazinen und U-Bahnschächten der Republik.

Natürlich höre ich da schon wieder die ewigen Miesmacher nörgeln. Sie haben Unrecht. Und sie haben keine Visionen! Auch wenn zurzeit noch so sehr auf die CDU geschimpft wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass man in der CDU mit ein wenig Mühe ein halbes Dutzend Ehrenmänner und Ehrenfrauen findet, die noch nie jemandem ihr Ehrenwort gegeben haben, seinen Namen nicht zu nennen. Natürlich darf diese Kampagne nicht zu früh kommen. Noch ist Zerknirschung angesagt, obwohl man schon glaubt, in CDU-Kreisen das Wort Schlussstrich immer lauter zu vernehmen. Erst in einigen Wochen, wenn sich die CDU-Mitglieder eine Weile aufrichtig für ihren Ehrenvorsitzenden geschämt haben, und die Doppelspitze Schäuble/Merkel ein wenig Vergangenheitsbewältigung betrieben hat, kann die Kampagne zur Mitgliederwerbung überall plakatiert werden.

Die Hauptzielgruppe der CDU wird mit dieser Kampagne optimal angesprochen. Die Mitgliederzahlen werden in die Höhe schnellen, und die Parteikasse durch üppig fließende Mitgliedsbeiträge in kurzer Zeit wieder saniert sein.

Und sollte sich der Erfolg wider Erwarten nicht sofort einstellen, habe ich noch einen Trumpf in der Hinterhand: die zweite Stufe der Mitgliederwerbung, eine Adaption der Human Resource Kampagnen der deutschen Wirtschaft. Sie zeigt ein junges, dynamisches Parteimitglied, Typ BWL-Fönfrisur, mit einem kleinen Koffer in der Hand, Überschrift: »Werden Sie CDU-Mitglied. Schon in zwei Jahren übernehmen Sie Ihren ersten Koffer.«– Solingen 10. Januar 2000

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