Die Generation Sohn probt den Aufstand

Die Generation Sohn probt den Aufstand gegen die ungeliebte Stiefmutter aus dem Osten. Fast hätte man auf dem Deutschland-über-alles-Tag der Jungen Union glauben können, sich auf einem Parteitag der Grünen zu befinden, wo Joschka Fischer auch schon einmal wegen seiner Balkanpolitik mit einem Farbbeutel beworfen wurde. Da stand doch ein gewisser Henrik Bröckelmann, der sich mit einem formvollendeten Lebenslauf für die höchsten Ämter in Partei und Staat empfiehlt und obendrein aussieht, als habe ein böswilliger Karikaturist den typischen Nachwuchspolitiker der Bimbespartei zeichnen wollen, da steht also der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung wie ein Mann auf und ruft den schwerwiegenden Satz in den Saal: »Frau Merkel, wir müssen jetzt diskutieren. Wir haben jahrelang nur gejubelt, ich will jetzt auch mal mit unserer Führungsspitze reden.« Jahrelang jubeln, so bereitet sich also die Generation Sohn darauf vor, unser Land zu führen.

Nun überrascht uns die Servilität der Messdiener und Stipendiaten aus der Jungen Union keineswegs. Was mich verwundert, ist, dass Sohn Bröckelmann sich wohl keine Sekunde lang gefragt hat, welchen Grund die Führungsspitze wohl haben könnte, mit Leuten zu reden, deren ganzes Verdienst um unser Land darin besteht, jahrelang gejubelt zu haben.

Doch nun proben die Hamlets aus der Jungen Union den gesitteten Aufstand gegen die ungeliebte Stiefmutter aus dem Osten, die einst den wahren Übervater aller Unionssöhne gemeuchelt hat. Und die Verfehlungen der Angela Merkel müssen in den Augen der ehrgeizigen Nachwuchspolitiker wahrlich unverzeihlich sein, hat sie es doch geschafft, innerhalb weniger Monate eine absolute Mehrheit in eine große Koalition auf gleicher Augenhöhe zu reduzieren. Damit hat sie den brav jubelnden Polit-Karrieristen einen dicken Strich durch die erhoffte Diätenrechnung gemacht. So mancher, der sich schon gut versorgt im Bundestag wähnte, muss nun weiterhin ohne üppige Bezahlung jubeln und hoffen, dass es beim nächsten Mal klappt.

Da ist es kein Wunder, dass die Schleimspur, die der Deutschlandtag der Jungen Union üblicherweise in den Veranstaltungssälen hinterlässt, in diesem Jahr kürzer ausgefallen und mit Geifer durchsetzt ist. Doch nicht nur die Pimpfe sind wütend über das katastrophale Ergebnis der CDU, auch die Führungsspitze kocht, und Frau Merkel wird es schwer haben, denn die Pfründe, die sie zu verteilen hat, sind auf magere acht Plätze im Kabinett zusammengeschrumpft. Lediglich eine Tochter hat es als Familienministerin in dieses Kabinett geschafft: die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der aus dem verschlafenen, landwirtschaftlich geprägten Land an der Zonengrenze ein blühendes Endlager für Atommüll machen wollte.

Irritiert hat mich auch, dass die Hähnchen auf dem Deutschlandtag wie grüne Fundamentalisten auf ihr Parteiprogramm pochten. So sagte der Vorsitzende der Jungen Union, Phillip Mißfelder, der sich vor allem durch sein Buch ›Money. Tipps, wie du dein Geld vermehren kannst‹ hervorgetan hat: »Wir wollen, dass die Inhalte, für die wir in Leipzig gekämpft haben, auch Bestandteil der Koalitionsvereinbarung werden.« Ein junges Schriftstellertalent, das in einem Buch über alles schreibt, ›was Teens von heute über die Welt des Geldes wissen wollen von Euro, Börse, Online-Banking bis zu E-Commerce‹, der sollte doch wohl wissen, dass es in der Politik nicht um Inhalte, sondern um Geld und Posten geht.

Diese Erkenntnis haben sogar unsere Medien verinnerlicht, die sich überhaupt nicht darüber aufregen, dass sich die Große Koalition zuerst die Posten zuschachert und sich dann über die Inhalte verständigt. Jahrzehntelang haben die Politiker uns vorgegaukelt, dass es umgekehrt liefe. Aber in Zeiten großer Koalitionen sind diese kleinen Feinheiten nicht mehr so wichtig.

Die Große Koalition ist eben kein Zuckerschlecken vor allem nicht für uns. Doch während wir auf die Kröten warten müssen, die uns die Postenschieber von SPD, CDU und CSU auftischen werden, können die Stipendiaten und Berufssöhne der Jungen Union immerhin noch das Buch ihres großen Vorsitzenden studieren und ihr geerbtes Geld an der Börse vermehren.

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