Roland Koch, Marc Dutroux und die BSE-Dividende

Roland Koch, das muss einfach mal gesagt werden, ist eine grundehrliche Haut. Da stellt sich der Mann heute vor den Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags und gibt schlankweg zu, nicht immer die Wahrheit gesagt zu haben. Selbstverständlich sieht er keinen Grund, deswegen zurückzutreten, schließlich, so Koch mit lammfrommer Miene, habe er ja keine Straftat begangen. Ob wir ihm das nun glauben oder nicht, ist absolut zweitrangig, denn nach Kochs Überzeugung müssen wir Bürger uns wohl schon glücklich schätzen, dass uns keine rechtskräftig verurteilten Verbrecher regieren. Und damit wir uns auch erst gar keine falschen Hoffnungen machen, verkündet er sofort, dass die CDU durch den Spendenskandal viel gelernt hat. Welche neuen, noch besseren Methoden der Geldwäsche die CDU nun aber gelernt hat, verrät uns Koch leider nicht.

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass im Kochschen Universum auch ein Marc Dutroux hessischer Ministerpräsident werden könnte, solange er nicht von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden ist. Der belgische Geschäftsmann hat zwar im Moment einen etwas ungewöhnlichen Wohnsitz, dafür besitzt er offensichtlich die besten Verbindungen bis ganz nach oben. Und da die belgische Justiz keinerlei Anstalten unternimmt, Dutroux den Prozess zu machen, und die CDU erklärtermaßen die Europapartei schlechthin ist, dürfen wir gespannt sein, wer in einigen Jahren als Spitzenkandidat der CDU in den hessischen Wahlkampf zieht.

Gesetzt den völlig hypothetischen Fall, Koch würde sich doch noch in einem ansonsten nur Experten bekannten Paragrafen verheddern und stürzen, so kann er vermutlich noch mit der Gewissheit in den Spiegel schauen, keine Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Diese Gewissheit ist unseren Landwirtschaftsminister verlorengegangen. Denn die Zeiten, als sie noch durch einen martialischen Biss in ein Rindfleischbrötchen aller Welt demonstrierten, dass der Rinderwahnsinn ihrem Gehirn nicht mehr viel schaden kann, sind längst vorbei. Schon lange essen unsere Minister kein Fleisch mehr. Doch im Gegensatz zu früher geben sie dieses Herrschaftswissen heute vor laufenden Fernsehkameras an die Bürger weiter. Andrea Fischer beißt in keine Wurst mehr, und sie erweitert unseren Wortschatz um ein wichtiges Wort: Separatorenfleisch. Das ist vom Knochen abgelöstes Fleisch, das in die Wurst kommt. Bedenklich ist das Separatorenfleisch, welches von der Wirbelsäule abgelöst wurde, weil sich im Rückenmark der Rinder die BSE-Prionen besonders gerne tummeln und so in die Currywurst gelangen können.

Aber Schuld an der Misere, da sind sich Mästermafia und Politiker einig, ist sowieso der Verbraucher. Jahrzehntelang fraß dieses unbekannte Wesen alles in sich hinein, was ihm die CMA mit flotten Werbesprüchen auftischte: Fleisch ist ein Stück Lebenskraft. Genießen auf gut deutsch. Fit mit Fleisch. Heute nennt man das aktive Sterbehilfe. Es stimmt schon. Die Verbraucher haben wirklich grob fahrlässig gehandelt. Niemand hat doch in der Pommesbude sein Kosmos Taschenlabor gezückt, um die Currywurst vor dem Hinunterschlingen auf Salmonellen, BSE, Antibiotika, Wachstumshormone, Psychopharmaka oder sonstige Gifte, Viren und Bakterien zu untersuchen! Dabei passt so ein Labor in jeden handelsüblichen Reisekoffer. Und dann diese Gutgläubigkeit! Bevor man auch nur eine Scheibe Wurst kauft, unterzieht man seinen Metzger doch erst einmal einem ordentlichen Verhör, um wenigstens einen Teil der Inhaltsstoffe aus ihm herauszuprügeln. Die entsprechenden Verhörmethoden dürften doch gerade hier in Deutschland nicht unbekannt sein. Aber nein. Dem Verbraucher war es einfach zu lästig, seinem Metzger mit dem Schlachtermesser kleine Quadrate in die Brust zu schnitzen. Aber bei jedem popeligen Kassettenrecorder studiert er monatelang alle verfügbaren Fachzeitschriften, weil er genau weiß, dass der HiFi-Verkäufer erstens keine Ahnung hat und zweitens nur bescheißen will. Nur beim Thema Essen versagt das gesunde Misstrauen. Brecht hatte recht: erst kommt das Fressen, dann der Verstand.

Den Politikern darf man daher keinen Vorwurf machen. Schließlich haben sie nicht ohne Grund lange Zeit nichts gegen den gierigen Verbraucher getan. Weitblickend wie Politiker nunmal sind, haben sie BSE längst als Chance erkannt. Denn wenn die Pessimisten unter den Wissenschaftlern Recht behalten und BSE zu einer Volksseuche wird, dürfte zumindest das Rentenproblem ein für allemal gelöst sein. Die Inkubationszeit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit passt verblüffend genau ins Riestersche Rentenkonzept. Wer sich stets gewundert hat, warum die SPD scheinbar völlig blind für die demographische Entwicklung ist – jetzt hat er die Antwort. Die BSE-Prionen brauchen rund zwanzig Jahre, um vom Magen ins Gehirn zu wandern. Falls also die geburtenstarken Jahrgänge mit 65 noch in der Lage sein sollten, einen Füller zu halten, können sie damit garantiert keinen Rentenantrag mehr ausfüllen. Und sind die Prionen erst einmal im Hirn, geht alles sehr schnell. Innerhalb eines Jahres ist der Pflegeplatz im Heim wieder frei, so dass auch die Pflegeversicherung nicht übermäßig belastet wird.

Gut lachen haben in 20 Jahren nur die militanten Vegetarier, die mit 65 die BSE-Dividende einstreichen können; falls man unter Dutroux oder dem ewigen Koch dann überhaupt noch lachen kann. – Solingen 20. Dezember 2000

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