25 Jahre Bonner Friedensdemo

Da hätte ich doch heute beinahe ein Jubiläum vergessen, wenn mich die alte Tante ZEIT nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ich zu der mittlerweile angegrauten Generation gehöre, die vor 25 Jahren zur Großen Bonner Friedensdemonstration gefahren ist. Ich bin also Zeitzeuge! Einer von den Altvorderen, die alterssanft ausgeleuchtet in einer Guido-Knopp-ZDF-Dokumentation ihre Lebenserinnerungen zum Besten geben! Obwohl Guido Knopp dieses Datum, wie man sieht, ja verschlafen hat. Vermutlich dreht er gerade nach den TV-Serien über die Nazi-Größen und die Frauen der Nazi-Größen nun einen Film über die Haustiere der Nazi-Größen.

Nein, bisher haben sich nur ZEIT-Redakteure zu ihrem Berufsdemonstrantentum in den frühen 80ern bekannt. Der Kelch sonstiger Erinnerungen ist an uns vorübergegangen. Grund genug für mich, dennoch einzuschenken, wenn auch verspätet, da ich gerade umgezogen die vergilbten Fotos von der Demo erst mühsam in Pappkartons suchen musste.

Die Frage, wie viele Menschen am 10.10.1981 in Bonn demonstrierten, war uns damals sehr wichtig, obwohl es 400.000 hin 300.000 her ohne Zweifel die größte Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik war. Vielleicht kam ich mir deshalb im Hofgarten und in den Altstadtgassen Bonns ein wenig verloren vor. Ich war nämlich nicht mit einer evangelischen Jugendgruppe, einer sozialistischen Jugendorganisationen oder einem sonstigen friedensbewegten Grüppchen angereist.

Ich fuhr allein nach Bonn. Unser Zug war überfüllt. Vermutlich saß oder stand ich inmitten singender und gröhlender Demonstranten und dachte mir meinen Teil. Als wir ankamen und sich die Türen öffneten, ergoss sich der Strom der Kundgebungsteilnehmer über den Bahnsteig, und ich folgte inmitten und mit dem Menschenstrom den Hinweisschildern, die uns zur Demo führen sollten. Schon bald wusste man nicht mehr, ob man bereits auf der Demo war oder sich noch auf dem Weg dorthin befand, denn in der Bonner Innenstadt wimmelte es vor Demonstranten und Verkaufsständen, an denen Händler allerlei Kram feilboten, sowie vor Informationsständen, an denen Engagierte Flugblätter, Poster und sonstigen Kram verteilten.

Die eigentliche Kundgebung, auf der die damalige Prominenz sprechen sollte, hatte noch nicht begonnen. Auf der Wiese im Hofgarten standen einzelnen Grüppchen herum, sangen, tanzten oder alberten herum, bloß die Techniker auf der Bühne taten ihr Bestes, um die Nachrüstung zu Fall zu bringen. Ich schlenderte also noch ein wenig herum und suchte die Große Bonner Friedensdemo.

Irgendwann fing die Kundgebung dann doch an. Es gab schlechte Musik und viele Ansprachen zu hören, an die ich mich sämtlich nicht mehr erinnern kann. Vermutlich habe ich versucht, Böll, Albertz, Eppler und Coretta King aufmerksam zuzuhören. Wahrscheinlich hat mich Petra Kellys spitze Stimme ebenso abgestoßen wie fasziniert. Doch nichts davon blieb im Gedächtnis. Die gesamte Kundgebung hat sich für mich in ein seltsames Erlebnis der Entfremdung verdichtet. Denn als wir alle im Wechselchor »Sag nein!« riefen, musste ich an Goebbels Rede im Sportpalast denken. Ich war immer schon ein unverbesserlicher Individualist.

Dennoch genoss ich das Gefühl, Teil einer wirkungsvollen Bewegung zu sein, denn davon waren wir fortan alle überzeugt. Ich muss Thomas E. Schmidt wohl zustimmen, wenn er ein wenig mokant schreibt: »Als dann am 10. Oktober 1981 so viele Demonstranten nach Bonn zogen, wie die Stadt Einwohner hatte, etwa 300.000, hatte sich eine Generation wieder mal für einen Tag gefunden, feierte aufs Neue einen ihrer magischen Momente: die ultimative Selbstvermassung der Jugend im Zeichen des Guten, vollkommene Gewissensreinheit, tiefes Gefühl der Stärke aus Angst, eine unvermutet aus der vorpolitischen Wiese emporsteigende Kraft zur Veränderung.« Und für mich war das unausgesprochene Ziel dieser Veränderung, das hinter der Bonner Friedensdemo stand, die Wiedervereinigung Europas. Kaum heimgekehrt aus Bonn, nahm ich an einem Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten teil und schrieb einen enthusiastischen Artikel über die gesamtdeutsche Jugendbewegung, obwohl kein Bruder und keine Schwester aus der DDR in Bonn dabei war. Natürlich sind damals mit mir die intellektuellen Gäule durchgegangen, doch letztlich war es nur zu offensichtlich. Ein Krieg zwischen Ost und West war auf Dauer nur dann zu verhindern, wenn die Teilung der Welt aufgehoben würde, denn das Gleichgewicht des Schreckens, dass bis dahin den Frieden bewahrt hatte, wollten wir nicht länger ertragen. Und da mir die Parole »Lieber rot als tot« ganz und gar nicht behagte, reimte ich mir aus der Tatsache, dass in Polen mit der Solidarność die erste freie Gewerkschaft entstanden war, und den sporadischen Kontakten zwischen den Grünen und ostdeutschen Oppositionellen jugendlich flott eine grenzübergreifende Bewegung gegen den Wahnsinn der atomaren Hochrüstung zusammen. Deshalb war ich auch zutiefst beleidigt, als unsere Brüder und Schwestern 1989 möglichst schnell den Anschluss an die Generation Golf suchten, die bekanntlich nicht in Bonn demonstriert hatte, sondern mit den Freundinnen der Demonstranten ins Grüne gefahren war.

Ich muss damals bereits ein illusionsloser Dialektiker und optimistischer Misanthrop gewesen sein. Ich war zwar einerseits fest davon überzeugt, dass bloß das Gleichgewicht des Schreckens Ost und West bis dahin davon abgehalten hatte, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Eine Überzeugung, die mich dann auch prompt durch die Gewissensprüfung fallen ließ. Andererseits hoffte ich, dass die Leute im Osten, wenn sie uns in Bonn demonstrieren sähen, den Eindruck bekämen, dass wir sie gar nicht angreifen wollten und dass folglich auch die SS20-Raketen überflüssig seien. Deshalb erheiterte mich auch das Flugzeug, das die ganze Zeit mit dem Transparent ›Und wer demonstriert in Moskau?‹ über uns kreiste. Hätten 300.000 in Moskau demonstriert, wäre unsere Demo doch völlig überflüssig gewesen, weil es dann ja keinen Gegensatz zwischen Ost und West gegeben hätte. Die Bonner Friedensdemo richtete sich für mich auch an den Osten. Vielleicht hat Gorbatschow sie ja gesehen und verstanden? Sie war in meinen Augen eine Art vertrauensbildende Maßnahme von unten.

Und als solche war die Demo vom 10. Oktober 1981 ein voller Erfolg. Acht Jahre danach fiel die Mauer und Europa war wieder vereint. Das Ziel, Frieden schaffen ohne Waffen, ist in Europa verwirklicht. Bis auf die Russen, deren Regime sich als das erwiesen hat, was uns die kalten Krieger immer einzureden versuchten, herrscht in allen europäischen Nationen im Großen und Ganzen Demokratie und Rechtstaatlichkeit. Nun gut, das wäre alles vermutlich auch ohne die Demo in Bonn passiert, aber sie war, mit vielen anderen Ereignissen in Ost und West, vielleicht der Schlag mit dem Schmetterlingsflügel, der den Sack Reis schließlich umfallen ließ. – Solingen den 10. Oktober 2006

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