Der Dritte Weltkrieg

Gestern fand im Zweiten Deutschen Fernsehen der Dritte Weltkrieg statt. Natürlich ging auch er wieder, wenn auch indirekt, von deutschem Boden aus. Der MacMuffin des ganzen Schauerszenarios war der Sturz Gorbatschows 1989 nach seinem Besuch in der DDR. Ein echter kalter Krieger übernimmt die Macht in Moskau, lässt alle Demokratiebewegungen in Osteuropa von überall willigen Soldaten und Geheimpolizisten blutig niederschlagen und bricht Motivation hin, Plausibilität her eine zweite Berlin-Blockade vom Zaun.

Mit den MacMuffins im Film ist es so wie mit dem Wurm an einer Angelrute. Hat man ihn erst einmal geschluckt, muss man noch Vieles schlucken, bis man wie der Fisch so auch als Zuschauer ins Gras der unvermeidlichen Katastrophe beißt.

Wie wir aber wissen, fand wirklich ein Putsch gegen Gorbatschow statt, der aber kläglich gescheitert ist, einen heldenhaften Bär an die Macht brachte und den Anfang eines langen Siechtums einläutete, dessen symbolische Verkörperung heutzutage eben dieser starke, heldenhafte Boris Jelzin ist, der, so will es der Mythos, ganz allein die Panzer des kalten Krieges zum Stehen brachte.

Der Realitätsgehalt des Dritten Weltkriegs im Zweiten Deutschen Fernsehen entspricht dem eines James-Bond-Films, nur war leider der Unterhaltungswert geringer als in Dr. Seltsam, als dessen Wiedergeburt man den Putschgeneral des gestrigen Gruselspektakels wohl ansehen muss.

Worüber Guido Knopp im Anschluss mit seinen Gästen diskutierte, weiß ich nicht. Deshalb möchte ich auch diesem stets munter zwinkernden Chefhistoriker des Deutschen Fernsehens nicht zu nahe treten. Mag sein, dass er dann selbst dieses ›Dokudrama‹, bei dem merkwürdigerweise lebende Zeitzeugen nach einem totalen Atomkrieg noch in entspannter Studioatmosphäre befragt werden konnten, in ganz öffentlich-rechtlicher Mehrparteilichkeit in Frage stellte.

Ganz zum Schluss, also nachdem 25.000 Atomsprengköpfe explodiert waren, ließ man den Film rückwärts laufen. Die Atompilze verschwanden wieder in den Bomben, diese wieder in ihren unterirdischen Bunkern, B52-Bomber flogen rückwärts und verschluckten ihre tödliche Fracht, und zum Schluss, also zurück am Ausgangspunkt dieser Apokalypse, stand da wieder ein lächelnder Gorbatschow in Ost-Berlin vor den Kameras und sagte seinen holprigen Satz, aus dem der Mythos den schnittigen Aphorismus von dem Zuspätkommen und dem Bestraftwerden machte. Und wir Zuschauer wurden übermannt von rührseliger Dankbarkeit. Wie gut und schön und edel, dass die Geschichte anders verlaufen ist, dass es Mauerspechte gab und dass der ganze Spuk vorüber ist.

Doch die wahre Erlösung kommt erst im Jenseits. In den Nachrichten im Ersten, von deren Wahrheitsgehalt ich wie der Fisch von der Schmackhaftigkeit des Wurms überzeugt bin, erfuhr ich dann, welchen Lauf die Geschichte wirklich genommen hat. Exxon und Mobil fusionieren zur Reinkarnation der Standard Oil Company, die Anfang des Jahrhunderts von der US-Kartellbehörde zerschlagen worden ist. Wir sind wieder da, wo wir 1917 aufgehört haben. Der Kapitalismus feiert fröhliche Urstände und treibt seinem finalen Höhepunkt entgegen. Vorgestern Daimler und Chrysler, gestern die Deutsche Bank und Bankers Trust, heute Exxon und Mobil. Wer bricht morgen den Rekord beim Akkumulieren der Produktionsmittel?

Doch ich will die Hoffnung nicht fahren lassen: die Welt hat die Pest überlebt, hat Hitler überlebt, den Kalten Krieg überlebt – sie wird auch den Shareholder Value überleben – koste es, was es wolle. – Solingen 2. Dezember 1998

Leserbrief schreiben