Warum haben Männer Brustwarzen?

Oder was kalte Krieger und Friedensbewegte einte

›Warum haben Männer eigentlich Brustwarzen, obwohl sie keine Babies säugen‹, fragte neulich jemand in der Newsgruppe de.sci.biologie. Schnell entspann sich eine lebhafte Diskussion. Eine Teilnehmerin sagte, die Natur mache es sich halt einfach und gehe bei Männchen und Weibchen zunächst von ein und demselben Bauplan aus. Sie schaffe sich in der Embryonalentwicklung zunächst ein geschlechtsloses Basismodell des Menschen, um es dann je nach Chromosomensatz später fortzuentwickeln. So bildeten dann die weiblichen Exemplare irgendwann einmal Milchdrüsen aus, sodass die Brustwarzen zur ersten Theke des Menschen würden. Eine andere Teilnehmerin fügte hinzu, dass auch männliche Brustwarzen bei Zugabe bestimmter Hormone irgendwann anfangen zu laktieren, also Milch abzusondern. Und wieder eine andere Teilnehmerin, Frauen beteiligten sich besonders rege an dieser Diskussion, meinte lakonisch: ›Männer haben Brustwarzen, damit auch Frauen was zum Dranrumspielen haben.‹

Dass Männer und Frauen in ihrer frühen Embryonalentwicklung sozusagen ein- und dasselbe sind, kann einen aufgeklärten Mitteleuropäer nicht mehr aus der Fassung bringen, immerhin haben wir uns schon an den Gedanken gewöhnt, mit den Affen verwandt zu sein. Im täglichen Leben werden wir dagegen stets daran erinnert, dass Frauen anders ticken als Männer. Daraus darf man jedoch nicht ableiten, Frauen seien schlichtweg anders. Schließlich ist auch mein letzter Versuch, mit einem schwermütig dreinblickenden Orang-Utan im Wuppertaler Zoo ins Gespräch zu kommen, gescheitert, ohne dass ich nun Darwin einen Ketzer nennen würde. Und vor allem die zuletzt zitierte Antwort zeigt ein hohes Maß an Verständnis für eine der männlichen Lieblingsbeschäftigungen. Aber ich komme vom Thema ab.

Die Diskussion über männliche und weibliche Brustwarzen löste bei mir keine Reflexion über die Identität von Frauen und Männern aus, sondern erinnerte mich an die Grünen. Auch die Grünen haben Brustwarzen, und zwar pazifistische, an denen die Basis zwar immer wieder gerne rumspielt, die aber nur dann laktieren, wenn sie durch bevorstehende Bundeswehreinsätze einen Hormonstoß versetzt bekommen. Dann sondern die grünen Brustwarzen ein paar dünne Tropfen Friedensmilch ab, und der deutsche Blätterwald spielt ob des Wunders verrückt. Aber schon nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei, die männlichen Brustwarzen an der behaarten grünen Brust trocknen aus, und die Partei kann mit umso geschwellter Brust ihre vielfältigen Fähigkeiten unter Beweis stellen, als da sind: Politikfähigkeit, Koalitionsfähigkeit, Bündnisfähigkeit. Die Grünen sind ins wehrfähige Alter gekommen und aus dem geschlechtslosen Embryo ist ein Mann geworden.

Nun ist mir ein echter Mann lieber als eine Tunte mit Silikonbrüsten. Viele sehen das aber ganz anders. Sie sind den Grünen nicht mehr grün, weil sie sich die Brustprothesen vom Leib gerissen haben und rufen: seht her, wir sind Männer! Besonders die, die ganz vernarrt in den schönen Schein waren, stehen nun betroffen da und grollen denen, von denen sie sich getäuscht fühlen. Die Grünen haben sich in den letzten Jahren benommen wie der besagte Kaiser in seinen neuen Kleidern, der lange bevor das berühmte Kind ausrufen kann, er sei nackt, dies selbst erkennen und den Fehler begehen, ihren Untertanen, die Augen öffnen zu wollen. Alle Schranzen wenden sich entsetzt ab, nicht weil der Kaiser plötzlich nackt da steht, sondern weil sie sich als Schranzen ertappt fühlen.

Viele, die ihr Gewissen bei den Grünen abgestellt hatten, bekommen es nun postwendend zurück, mit der Aufforderung gefälligst selbst darauf aufzupassen. Das ist nicht nur lästig, sondern vor allem peinlich. Wer möchte schon von einer echten Frau mit einer Gummipuppe im Bett ertappt werden. Höchstens der, dem es andersherum noch peinlicher wäre.

›Krieg darf nie wieder Mittel der Politik werden!‹ So lautete das Glaubensbekenntnis des deutschen Pazifismus: ein Pazifismus, der jedoch den Zielen misstraute, statt das Mittel zu verabscheuen. Dies soll kein Vorwurf sein, denn erstens ist es immer einfacher, um die Mittel als um die Ziele zu streiten und zweitens ehrt dieser Glaubenssatz den Bekennenden angesichts des Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs.

Seit dem Ende des kalten Krieges schrumpft die Zahl der Friedensmarschierer. Der Grund ist einfacher als man gemeinhin denkt. Angesichts der nuklearen Potenziale der Supermächte bedeutete Krieg bis 1989 totale Vernichtung beider Seiten. Pazifismus war mithin für viele eine Überlebensstrategie und kein Gewissensbekenntnis. Sobald aber die Chancen steigen, einen Krieg ohne größere eigene Verluste zu gewinnen, verliert dieser strategische Pazifismus an Bedeutung. Und genau aus diesem Grund waren damals beide Seiten, Sowjets und Amerikaner, ängstlich darum bemüht, ihre nukleare Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten. Deshalb schaukelte sich das Szenario der gegenseitigen Vernichtung immer weiter hoch, deshalb wurde der Faktor Mensch in der Planung des Krieges immer weiter zurückgedrängt, bis schließlich fast nur noch Computer in Echtzeit auf einen gegnerischen Angriff reagieren sollten. Und zum Schluss fürchtete sich auch niemand mehr vor dem Gegner, sondern bloß noch vor einem Fehler in den Computersystemen.

Die Pazifisten von damals wollten dieses schizophrene Spiel nicht mitmachen und machten statt der totalen Vernichtungsdrohung den Verzicht auf jegliche Kriegshandlung zu ihrer Waffe im Überlebenskampf. Angesichts der Tatsache, dass nur die Angst vor dem gegnerischen Rückschlag die Militärs von einem Erstschlag zurückhielt, war auch diese Haltung ziemlich schizophren. Denn kaum einer der 400.000 Demonstranten auf der großen Bonner Friedensdemo hätte sich vorstellen können, jenseits der Berliner Mauer zu leben. Und die, die sich das wünschten, demonstrierten nicht mit lauteren Absichten. ›Lieber rot als tot‹: das war die zynisch-absurde Absage an eine zynisch-absurde Politik, die in Mitteleuropa eine Raketenlücke entdeckt hatte, die es mit Pershings und Cruise Missiles zu schließen galt.

Die Friedensbewegung war die Reaktion auf eine absurde Epoche, in der die Dr. Seltsams Legion waren. Rund 40 Jahre lang bestimmten sie den Gang der Geschichte. Am Ende war das Vernichtungpotenzial so riesig, dass dem siegreichen Erstschlag ein atomarer Winter gefolgt wäre, sodass die Sieger die Besiegten beneidet hätten. In diesem Moment brach die groteske Blockkonfrontation in sich zusammen.

Seither haben sich die Zeiten geändert. Krieg führt nicht mehr automatisch in Minutenspanne in die totale Vernichtung allen Lebens und Pazifismus ist nicht mehr gleichbedeutend mit bedingungsloser Kapitulation, da wir von niemandem wirklich bedroht werden. Beide Haltungen, die Bereitschaft zum Einsatz militärischer Gewalt wie die totale Ablehnung kriegerischer Handlungen, bewegen sich nicht mehr als die beiden letzten Optionen in einer gespaltenen Welt. Beides muss sich nun am Erfolg messen lassen. Während wir im kalten Krieg nie glaubten, das eigentliche Problem lösen zu können, die Frontstellung der Systeme, und die gesamte Politik darauf hinarbeitete, den Status Quo möglichst lange zu erhalten, gehen wir heute davon aus, Probleme zielgerichtet lösen zu müssen und lösen zu können. Doch bevor man zur Tat schreiten kann, muss man die Ziele definieren. Und da hapert es noch gewaltig. Denn Europa und die USA sind alles andere als einig, wenn es darum geht, die Ziele ihrer Politik zu bestimmen.

40 Jahre lang haben wir uns in uneingeschränkter Solidarität mit den Rüstungswettläufern in Ost und West geübt, oder wir haben uns in die Berge des pazifistischen Absurdistans zurückgezogen. Da ist es viel verlangt, von uns nun erneut uneingeschränkte Solidarität oder uneingeschränkten Pazifismus zu erwarten. Denn wer die 70er und 80er Jahre bewusst miterlebt hat, weiß, wie schnell man seinen Handlungsspielraum verliert. Vielleicht sollen wir ja demnächst die Klimaziele von Kyoto oder die Stärkung der Vereinten Nationen der uneingeschränkten Solidarität mit den USA aufopfern? Viele mussten sich ja bereits als Kriegstreiber, Mörder und Verräter beschimpfen lassen, weil sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, gegen den Krieg in Afghanistan zu protestieren, weil er die Herrschaft religiöser Fanatiker beenden sollte, die man zutiefst verabscheut. In einer Zeit, in der man wie Machiavelli abwägen kann, weil der Spielraum der Machtpolitik nicht mehr durch ein absurdes Vernichtungsszenario auf Null reduziert wird, in einer Zeit, in der die Mittel an ihrer Effizienz und nicht mehr nur an ihrer vermeintlich politischen Korrektheit gemessen werden, verlieren die Brüste ihre Bedeutung, vor allem, wenn sie aus Gummi oder Silikon sind. Entscheidend ist, ob das Baby satt wird. Und da kann man als Mann auch zum Fläschchen greifen.

Das heißt nun aber ganz und gar nicht, dass wir auf das Streben nach Frieden verzichten sollten. Die Brust ist besser als das Fläschchen. Doch eine Brust muss wachsen, und das braucht Zeit. – Solingen den 30. November 2001

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