Akt der Humanität oder der Greencard-GI

Der amerikanische Kriegsminister, Donald Bumsfeld, hat den Angriff auf den Irak als einen Akt der Humanität bezeichnet. Und er kann auch schon einige Erfolge vorweisen, denn die von ihrem schweren Leben erlösten Iraker sind kaum noch zu zählen. Vater Donald bezieht wie Mutter Theresa seine Kraft aus einem göttlichen Auftrag, den George W. Bush persönlich von seinem Ölgötzen erhalten hat. Johannes Rau, unser Bundespräsident, bezweifelt dagegen, dass Gott solche Aufträge erteilt und weiß sich darin mit dem Papst einig. Die Iraker wiederum und viele andere Muslime skandieren derweil ebenfalls göttliche Weisungen. Und so blicken wir erstaunt in die Runde und lauschen. Doch Gott schweigt.

Nun wundert sich ein eingefleischter Atheist nicht wirklich über die Sprachlosigkeit Gottes, vielmehr fürchtet der Satiriker selbst keine Worte mehr zu finden, da die Kommentare Bumsfelds im 21. Jahrhundert ihresgleichen suchen. Man muss schon zwei Menschenalter zurückblicken, um mit »Arbeit macht frei« oder »Jedem das Seine« ähnliche Exempel hymnischen Denkens zu finden. Nun möchte ich die patriotische Kakophonie in den USA nicht mit der Lingua Tertii Imperii vergleichen. Schließlich kann man das klumpige Idiom, das jenseits des Atlantiks gesprochen wird, nicht mit der Sprache der Dichter und Denker vergleichen. Aber zweifelsohne ist es George W. Bush in kürzester Zeit gelungen, die Vorbildfunktion der Amerikaner für Demokratie und Freiheit ebenso gründlich zu vernichten, wie die Nazis das schöne Vorurteil vom Volk der Dichter und Denker in Auschwitz durch die Schornsteine jagten.

Aus mir nicht ganz ersichtlichen Gründen wundern sich die Amerikaner und Briten, dass ihnen die Iraker nicht mit Blumen sondern mit Bomben entgegen kommen. Dass verärgert die Heilsbringer aus Gottes eigenem Ländle dermaßen, dass sie nun immer häufiger auf irakische Frauen und Kinder schießen, die ihnen zwar auch nicht mit Blumen, dafür aber völlig unbewaffnet in einem Kleinbus entgegen fahren. Nun könnte man als naiver Mitteleuropäer auf den Gedanken kommen, dass diese Heldentat die Amerikaner, die mehrheitlich hinter Bush stehen, zum Nachdenken anregte. Doch weit gefehlt! Die Soldaten an den Checkpoints können sich auf das Fernsehen in der Heimat voll und ganz verlassen. Mit den plastischen Möglichkeiten der Virtual Reality gelang es CNN, die Todesschüsse auf Frauen und Kinder so darzustellen, dass der durchschnittliche US-amerikanische Analphabet den wohligen Eindruck erhielt, dass seine Jungs da unten am Golf richtig gehandelt hätten. Es blieb der Washington Post vorbehalten, für die lesekundigeren Amerikaner der Ostküste einen in die Kriegmaschinerie eingebetteten Reporter zu zitieren, der beobachtet hat, dass die Soldaten dem Befehl, Warnschüsse abzugeben, nicht nachgekommen sind und erst feuerten, als der Befehlshaber die Nerven verlor und in die Kommandoleitung schrie: Stopp ihn, Rot eins, stopp ihn!

Während also Gott schweigt, sind die Einflüsterungen des Ölgötzen umso vernehmlicher. Unser Bundespräsident, dessen Existenz wir immer wieder irritiert zur Kenntnis nehmen, wenn er sich, was selten genug vorkommt, zu Wort meldet, hat etwas umständlich, aber so ist der bergische Menschenschlag nun einmal, seinen Zweifeln Ausdruck verliehen, dass ein Volk jemals den göttlichen Auftrag erhalten könne, ein anderes zu befreien. Ein starkes Stück! Die Befreiungstheologie des regierenden Alkoholikers in Washington von höchster deutscher Stelle in Zweifel zu ziehen!

Diese Zweifel lösen sich auf ihrem Weg über den Atlantik natürlich in Luft auf. Die Amerikaner haben nach einem kurzen Intermezzo, in dem sich die Medien über die fehlende Blumen im Irak wunderten, schnell zu ihrer alten Selbstzufriedenheit zurückgefunden. Das liegt wohl daran, dass sich ihr Blutzoll in Grenzen hält. Bisher sind nur wenige Amerikaner gefallen. Schließlich werden Bush und Bumsfeld nicht müde, zu betonen, dass es sich bei ihrer Streitmacht um Koalitionskräfte aus über 40 Ländern handelt. In unseren Medien ist zwar immer nur von Briten und Amerikanern die Rede, aber die Bushkrieger haben schon Recht mit ihrer Behauptung. Denn 37.000 GIs sind gar keine Amerikaner. Es handelt sich bei ihnen um Einwanderer aus über 40 Ländern, die lediglich eine begrenzte Aufenthalterlaubnis sowie eine Greencard besitzen, die ihnen den harten Broterwerb in der amerikanischen Armee ermöglicht. Führungsaufgaben in der Etappe darf ein solcher Greencard-GI natürlich nicht übernehmen. Er steht ganz vorne im Feld, wo er von Freund und Feind beschossen wird. Schon vergangenes Jahr hat Bush in weiser Voraussicht allen Einwanderern eine beschleunigte Einbürgerung versprochen, wenn sie sich für Amerika massakrieren lassen und Frauen und Kinder in einem Akt der Humanität aus Kleinbussen befreien. Und Bush hält Wort! Zwei gefallene Greencard-GIs haben kürzlich posthum die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, obwohl dies die Gefallenenstatistik zuungunsten der USA verschiebt. Vielleicht müssen wir nur besser hinhören, um in dieser großzügigen Geste der Dankbarkeit die Stimme des Allmächtigen zu vernehmen, der als Heiliger Geist neben Bush Vater und Bush Sohn im Oval Office thront? Lasst uns denn lauschen! – Solingen den 5. April 2003

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