Die RECHTschreibung der WELT

Die WELT, die buchstabenreiche BILD-Zeitung für Aufsteiger, die sich nicht mehr trauen, öffentlich mit Springers Volkslesebuch gesehen zu werden, hat auf Seite 2 eine Rubrik, die sich ›Kopfnoten‹ nennt. Der Name ist treffend gewählt, und Assoziationen wie ›Kopfgeld‹ oder ›Kopfnuss‹ sind sicherlich nicht zufällig. In diesem nationalen Klassenbuch verteilt der Oberlehrer WELT Noten an deutsche Politiker. Ein solcher Leistungsnachweis hat uns in einer Zeit, in der Politiker, wie Westerwelle, obsessiv ihr Schultrauma abarbeiten, indem sie vom politischen Gegner die Erledigung von Hausarbeiten einfordern, gerade noch gefehlt. Dieser Service der WELT am Souverän, dem Wähler, kann nicht hoch genug gelobt werden, nimmt er dem Bürger doch die Bürde ab, sich über die Leistungen seiner gewählten Volksvertreter im Einzelnen zu informieren. Ein Blick in die WELT und schon weiß man, wen man demnächst zum Klassensprecher wählen soll.

Mancher wird jetzt einwenden, dass das ZDF-Politbarometer dem Wähler ebenfalls die Wahl erleichtern will. Doch sollte dabei nicht vergessen werden, dass dort der Souverän selbst, also das in den Mühlen der Demoskopie homogenisierte Volk, Noten an seine Repräsentanten verteilt. Soll aber der Wähler sich am schwankenden Urteil des so leicht zu beeinflussenden Volkes orientieren?

Nein, da haben die Noten der Oberlehrer der WELT doch ein ganz anderes Gewicht, nämlich das des ganzen Springer-Verlags.

Und die weltgewandten Werbetexter der konservativen Mitte Deutschlands sind auch nicht gerade zimperlich mit ihren Noten. So hat Angelika Beer, die verteidigungspolitische Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen heute eine glatte Sechs bekommen, weil sie mit bösem Vorsatz ihre Vokabeln nicht gelernt hat. In einem Fernsehinterview zum Kosovokrieg hat sie es nämlich abgelehnt, den handlichen Begriff ›Kollateralschäden‹ zu benutzen und mit aufrührerischer Renitenz hinzugefügt: »Wenn Zivilisten ermordet würden, müsse man dies auch so sagen.«

Das geht natürlich nicht an. Fachbegriffe sind ja dazu da, die Kommunikation zu vereinfachen. Und insbesondere militärische Fachtermini sollen komplexe Zusammenhänge jedem Zuschauer verständlich machen. Und im Wörterbuch der WELT steht eindeutig und unmissverständlich: Tote Zivilisten sind, wenn sie nicht von den Serben, sondern irrtümlich von der Nato getötet wurden, nicht tote Zivilisten sondern Kollateralschäden. Basta!

Die neue Rechtschreibung beherrscht die WELT noch nicht, wie man aber ›tote Zivilisten‹ in Newspeak richtig schreibt, hat sie von der Pike auf gelernt. – Solingen den 30. April 1999

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