Klammheimliche Freude

Die Rechten setzen an zur Endlösung der 68er Frage

Während in Prag Journalisten und Bürger gegen die politische Bevormundung des Fernsehens protestieren, schalten sich die hiesigen Medien selber gleich. Selbst im Dritten Reich hätte es ein paar Tage gedauert, bis die Forderung von Michael Buback, Jürgen Trittin solle sich doch vom so genannten Mescalero Nachruf distanzieren, in allen Zeitungen des Landes wiederholt worden wäre. In dem ›Nachruf auf Buback‹ bekannte ein ›Göttinger Mescalero‹ zunächst seine klammheimliche Freude über den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, forderte dann aber ein Ende des Terrors. Trittin hat diesen Nachruf zwar weder geschrieben noch jemals verbreitet, aber das ist heutzutage völlig unwichtig. Zu Kreuze kriechen sollen alle, die in der Vergangenheit ungehorsam waren gegen den Nachfolgestaat des Deutschen Reichs.

Obwohl sie also niemand mit Gewalt gleichgeschaltet hat, sind heute alle Zeitungen voll von Überschriften, die kein Zensor hätte besser formulieren können. Ihre klammheimliche Freude über soviel zuvorkommende Servilität der Medien können die Rechten wahrscheinlich kaum noch verbergen.

Es scheint, als wäre die Inquisition oder ein in Permanenz tagender virtueller Volksgerichtshof nach Deutschland zurückgekehrt. Als habe man Jahrzehnte auf eine günstige Gelegenheit gewartet, greift im konservativen Lager nun jeder nach dem erstbesten Stein, um ihn gegen die bürgerlichen Protestbewegungen der letzten 30 Jahre zu schleudern. Aus allen Archiven kramen die Großinquisitoren Artikel hervor und halten sie linken Politikern unter die Nase mit dem herrenrassisch hervor gezischten Befehl, Abbitte zu leisten für Sätze, die man nie geschrieben hat.

Die deutsche Presse ist tatsächlich wesentlich effizienter als ein neuer Radikalenerlass. Jeder, der seine rechte Gesinnung nicht durch die Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung nachweisen kann, wird sich bald vor neuen TV-Gerichtshöfen unangenehme Fragen gefallen lassen müssen: Hast du linke Zecke schon mal gegen Polizisten, Grenzschützer und Flüchtlingsabschieber die Faust in der Hosentasche geballt? Hast du in linken Schülerzeitungen Artikel gelesen, ohne die Verfasser postwendend beim Direktor anzuschwärzen? Hast du es gewagt, gegen Atomkraftwerke, Startbahnen oder Nachrüstungsbeschlüsse zu demonstrieren? Hast du etwa gar Terroristen rekrutiert, indem du in deine Schulbank die Terror-Runen RAF geritzt hast?

Ja, es wird abgerechnet: nicht nur mit den 68ern, auch mit Menschenrechtsgruppen, mit der Anti-AKW-Bewegung, der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit aller Macht versuchen die Rechten die Deutungsmacht über die Geschichte zurückzuerlangen. Und da kommt es manchmal schon zu recht drolligen Koalitionen. Da plustert sich am letzten Sonntag im Fernsehen bei Christansen Wolfsohn, seines Zeichens Professor an der Bundeswehrhochschule, als oberster Pazifist der Nation und fundamentalistischer Richter über Fischer auf und merkt nicht, dass Geißler eine klammheimliche Freude darüber empfindet, ihn mit dem christlichen Paulus-Gleichnis ins Messer laufen zu lassen.

Der rechte Rollback kommt langsam richtig in Fahrt. Gestärkt durch den reaktionären Rückenwind aus Washington, wo ein Hillbilly Präsident werden konnte, und begünstigt durch die historische Ahnungslosigkeit der jungen Generation, werden die späten 60er sowie die 70er und 80er Jahre nun beliebig umgedeutet. Die Gelegenheit dazu ist günstig wie nie. Die Berliner Mauer, die den pädagogischen Vorteil hatte, die Rechten immer wieder auch an ihre Kriegsverbrechen zu erinnern, ist zehn Jahre nach ihrem Fall in vollkommene Vergessenheit geraten. Als wäre sie nie da gewesen. Als hätte es nie den von der deutschen Rechten entfesselten Weltkrieg gegeben. Und folgerichtig werden die 50er und 60er Jahre wieder richtig verklärt, in denen es sich die alten Nazis in hohen Ämtern bequem gemacht hatten. Dass Rudi Dutschke in einer Welt lebte, wo ein Kiesinger Bundeskanzler und ein Nazirichter Ministerpräsident werden konnte, wird feixend verschwiegen. Dass Joschka Fischer in einer Stadt lebte, in der der Staat Spekulanten schützte, die Wohnraum vernichteten, um lukrative Bürohäuser hochzuziehen – mit Chuzpe wird es übergangen. Und vergeben und vergessen ist auch die Gewalt des Staates gegen Bürger, die sich gegen die tödliche Bedrohung durch Atomkraftwerke zur Wehr setzten.

Allein Fischers Faust soll zum Menetekel, zur Ikone linker Gewalt gefrieren. Jeder, der links steht, soll wie damals in den 70ern kriminalisiert und in einem Atemzug mit Terroristen genannt werden. Die Rechten riechen Morgenluft, sie bemühen sich kaum noch um einen Rest von Anstand. Im sicheren Vertrauen auf die mangelnde Urteilskraft der Medien und der jungen Generation werden Demonstranten, die sich mit schwer bewaffneten und gut trainierten Polizisten prügelten, mit rechtsradikalen Mördern gleichgesetzt, die wehrlosen Ausländern solange ins Gesicht treten, bis sie den Widerstand der Schädeldecke nicht mehr fühlen. Nicht die jahrelange Hetze der Konservativen gegen die ›Ausländerflut und Asylantenschwemme‹, nein Fischer ist Schuld an der rechten Gewalt. Und Meinungsgehilfen, die solche Sätze publizieren, gibt es nach 16 Jahren Kohl in fast jeder Redaktion zuhauf. Bald wird es heißen: Als die deutschen Hooligans den französischen Gendarm Nivel halbtot traten, hatten sie Joschka Fischers leuchtendes Vorbild vor Augen.

Und Christansen, die Chef-Stewardess des Plauderjournalismus, zog dann auch noch tatsächlich Vergleiche zwischen Fischer und den Stasispitzeln. Leider konnte sie aus Zeitgründen die Diskussion nicht mehr in diese kaum noch zu unterbietende Niederung hinunterziehen. Aber so viel murmelte sie noch suggestiv fragend in die Runde: Wenn man Fischer seine Jugendsünden verzeihe, müsse man dann nicht auch gnädiger mit Stasispitzeln umgehen? Was allerdings ein Stasispitzel, der vom Staat für seine Dienste belohnt wird, mit einem Demonstranten gemeinsam hat, der die Staatsmacht herausfordert, wird Menschen, die nicht nur ihre Einschaltquote im Kopf haben, auf ewig verschlossen bleiben.

Untertanen, nicht Bürger! Das ist es, was die Rechten wollen. Untertanen fragen nicht nach der Herkunft schwarzer Kassen. Untertanen fressen alles, trotz BSE, Hormonen und Antibiotika. Untertanen mischen sich nicht ein, wenn die Herrschenden mal wieder Atomkraftwerke bauen wollen. Untertanen halten den Mund, wenn Rechtsradikale Ausländer ermorden. Und Untertanen demonstrieren nur auf angemeldeten Love Parades.

Doch ihre klammheimliche Freude wird den Rechten schnell vergehen. Denn unsere Medien sind nicht wirklich gleichgeschaltet. Wer würde sich im Ernst die Mühe machen, eine Parodie auf den freien Journalismus gleichzuschalten? Unsere Pressekomödianten sind so frei, dass sie frei von allen Fakten und vor allem frei von jeglichem Standpunkt ihre Artikel zusammensudeln. Morgen schon sichert ein anderes Thema die Quote. Pech für Westerwelle, Merz und Merkel.

Ich empfinde derweil viel klammheimliche Freude darüber, dass die Schwarzgeldpartei so tief gesunken ist, dass sie es nötig hat, Gerhard Schröder in Ermangelung von echten Prügelbildern auf einem Plakat als Verbrecher abzulichten. Gerade wo es für die Geldwäscher und Auftragspolitiker der CDU wieder halbwegs gut läuft, offenbaren sie den Sumpf ihre Ratlosigkeit. Nur wirklich miese Geschmacklosigkeiten fallen ihnen noch ein. Oder ist es etwa gar ein Aufruf an die rechtsradikale Szene, der CDU mal einen Gefallen zu tun? Auch das wäre nicht neu in der Geschichte der deutschen Rechten. – Solingen den 23. Januar 2001

Leserbrief schreiben