Volle Deckung! »Du bist Deutschland! II« rollt an!

Zu Weihnachten droht uns allen eine neue Großoffensive der Werbeindustrie: In zwölf Fernsehsendern, 44 Zeitschriften, sechs überregionalen Zeitungen, über 100 Radiosendern sowie auf mehr als 1000 Plakatflächen und fast 700 Kinoleinwänden wird uns eine Armee peinlicher Prominenter erneut mit der Botschaft bombardieren: »Du bist Deutschland!«

Diesmal soll die Kampagne davon ablenken, dass Familien in Deutschland den dummen August spielen und wegen der hohen Steuern und Sozialabgaben, den fehlenden Betreuungsangeboten und den katastrophal schlechten Schulen aus dem letzten Loch pfeifen. Als wären nicht die Politiker und die Lobbyisten der Wirtschaft, sondern wir alle daran Schuld, dass Deutschland das kinderunfreundlichste Land weit und breit ist. Als wären wir alle daran Schuld, dass in Deutschland pro Kopf weniger Geld für Bildung ausgegeben wird als in so gut wie jedem anderen Land mit vergleichbarem Bruttosozialprodukt. Irgendwer muss in einen Saal voller Agenturchefs gebrüllt haben: »Wollt Ihr den totalen Werbefeldzug?« und alle Kreativen brüllten »Ja!« zurück.

Nun fallen sie also über Weihnachten über uns her: die unvermeidlichen Reinhold Beckmanns und Johannes B. Kerners, der promoviert Werber Dr. Florian Langenscheidt, das Promi-Luder Frauke Ludowig, der Teletubbie Peter Maffay, der Edelschläger Henry Maske, die Alles-wird-gut-Grinse Nina Ruge, die Models Eva Padberg & Renate Schmidt sowie der Profi-Gutmensch Michael Stich. Und wer weiß, was sonst noch alles auf uns zukommt. Die Kampagne wird von vielen Firmen unterstützt, die auf Kosten der Kinder und Familien reich geworden sind: Deutsche Post AG, edel AG, E.ON AG, Ludwig Görtz GmbH, Otto GmbH & Co. KG, Tchibo GmbH und Unilever Deutschland Holding GmbH. Der GröKaz (Größter Kampagneninitiator aller Zeiten) ist übrigens Gunter Thielen, der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, der seinen mit einem mehrstelligen Millionenbetrag dotierten Vorstandsposten nun aufgibt und Chef der Bertelsmann Stiftung wird. Ja, genau der Stiftung, die seit Jahren mit neoliberalen Forderungen vor allem die Kinderarmut in Deutschland fördert.

Die Schäden der ersten Offensive sind noch nicht beseitigt, man kam gerade aus dem sensorischen Bunker, in dem man wegen des werblichen Fallouts leben musste, um nachzusehen, ob es noch Plätze auf dieser Erde gibt, die nicht mit Werbeplakaten zugestellt sind, da ist man plötzlich von werblichen Selbstmordattentätern umzingelt, die uns – großzügig auf direkte Honorare verzichtend – zurufen: »Du bist Deutschland!«und ihre gesteigerte Popularität anschließend umgehend in bare Münze umwandeln.

Die letzte Großoffensive war nämlich sehr erfolgreich. 16 Mal schlug der Werbespot bei jedem Bundesbürger ein. Und Thielen versichert, dass sich nach der letzten Kampagne 10 Millionen Menschen besser gefühlt hätten. Vermutlich waren sie froh, dass es endlich vorbei war. Deshalb mein Tipp zu Weihnachten: Fernsehen aus, Radio aus und die Einschläge beim Nachbarn zählen.

Leserbrief schreiben