Proamerikanisches Zeilengeld

Kurz vor Weihnachten tut sich für Journalisten eine neue Geldquelle auf

Jetzt wo wir wissen, dass Saddam Hussein seine Massenvernichtungswaffen irgendwo zwischen den 12.000 Seiten seines Waffenberichts versteckt hat, verstehen wir auch, warum die USA dafür sorgen, dass niemand außer den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats den Bericht zu Gesicht bekommt. Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen soll unterbunden werden. Und egal, was Saddam Hussein vorhat, er muss daran gehindert werden, am besten durch einen präventiven Atomschlag, der alle Terroristen abschrecken wird, jemals wieder ein Flugzeug in den USA zu betreten. Kampf dem Terror bis zum Endsieg! Führer der freien Welt befiehl, wir Deutsche folgen dir!

Das waren jetzt genau 93 proamerikanische Worte. Herr Bummsfeld, das macht 93.000 Euro, 1000 Euro für jedes proamerikanische Wort, zahlbar sofort ohne Abzug und selbstverständlich zzgl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer von zurzeit 16 Prozent.

Unterbezahlten oder gar arbeitslosen Journalisten eröffnet sich in diesen Tagen eine völlig neue Einnahmequelle, falls sie denn wirklich so neu ist. Das Pentagon will laut eines Berichts der New York Times Journalisten dafür bezahlen, dass sie US-freundliche Artikel schreiben. Donald Bummsfeld ist nämlich schwer verärgert darüber, dass er die ausländische Presse mit seinem tumben Patriotismus nicht ebenso leicht auf Linie bekommt wie die amerikanische.

Demnächst werden Journalisten also wieder zu den Besserverdienenden gehören, denn jedes gute Wort über die USA ist Gold wert. Ein wahrer Segen mitten in der Krise, wie alles, was aus den USA kommt: Microsoft, MacDonalds und Gen-Mais. Und wieder 18.000 Euro verdient. Henryk M. Broder, der die USA immer so wortgewaltig gegen die deutschen Anti-Amerikaner in Schutz nimmt1, wird mit dem Weihnachtsgeld aus Washington sicher bald die Möllemann-Villa auf Gran Canaria kaufen können, falls er denn zwischen dem Waffenhändler Kashoggi und dem Notenständer Justus Frantz residieren will.

Und mit den 111.000 Euro, die ich mir bis hierhin ehrlich verdient habe — immerhin musste ich mir jedes proamerikanische Wort mit professioneller Selbstdisziplin aus den Hoden quetschen –, könnte ich vielleicht eine Eigentumswohnung in mittlerer Lage kaufen. Oder soll ich gleich die Villa am Stadtrand voll machen?

Wennschon dennschon! Lieber George W. Bush, du den Erdball überstrahlende Sonne im Herzen eines jeden freiheitsliebenden Menschen! Du die Finsternis erleuchtendes Licht im Kopf eines jeden aufrechten Demokraten! Du weisester, friedliebendster und genialster Führer der freien Welt! Dir folgen wir mit überschäumender Freude und wahrer Begeisterung in alle dunklen Löcher, um die Ratten des Bösen auszurotten mit dem göttlichen Feuer, das God im Himmel persönlich an dich, du herrlicher, strahlender und von uns allen geliebter größter Feldherr aller Zeiten übergeben hat, mit den Worten: auf deinem Erstschlag will ich meine Kirche errichten! Dich moralischen und heldenmutigen Jedi-Krieger, der sein Herzblut gibt im Kampf mit der dunklen Seite der Macht, um uns alle vor dem Bösen in Bagdad zu schützen, dich, den gottgleichen und auserwählten Völkervater bitten wir auf unseren unwürdigen Knien rutschend um die Gnade in deinem gerechten Feldzug gegen die Pest des Bösen eine kleine, unbedeutende Rolle als stotternder Lobpreiser spielen zu dürfen, denn ob deiner gloriosen Güte sprudeln unsere Worte munter hervor.

Herr Bummsfeld, das macht 162.000 Euro. Ich nehme auch Dollars von Ihnen, aber nur wenn Sie sich vorher die Finger waschen. – Solingen den 17. Dezember 2002

Literatur

Broder, Henryk M.: Debatte: „Your wonderful capacity to endlös conflicts“. In: Spiegel Online (2002). Internet: http://www.spiegel.de/politik/debatte/debatte-your-wonderful-capacity-to-endloes-conflicts-a-220361.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

Fußnoten


  1. Broder, Henryk M.: Debatte: „Your wonderful capacity to endlös conflicts“. In: Spiegel Online (2002). Internet: http://www.spiegel.de/politik/debatte/debatte-your-wonderful-capacity-to-endloes-conflicts-a-220361.html. Zuletzt geprüft am: 10.9.2014.

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