Liber Vitae

Die Massenüberwachung lässt die mittelalterliche Vorstellung vom ›liber vitae‹ grausame Wirklichkeit werden.

Die Apokalypse, das Ende aller Zeiten, war im christlichen Abendland nicht immer mit der Vorstellung von einem Gericht verbunden, schreibt Philippe Ariès in seiner Geschichte des Todes. Diesen naiven Optimismus teilt das frühe Internet mit dem frühen Christentum. Im frühen Mittelalter glaubten die Menschen, die Toten schliefen bis zur Wiederkehr Christi, wenn alle Gläubigen wieder auferstehen würden. Die Apokalypse des Johannes verdeckte noch das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Erst ab dem 12. Jahrhundert finden sich Darstellungen eines Gerichts, in denen der Erzengel Michael die Seelen auf eine Waage legt und die Gerechten ins Himmelreich auffahren, während die Sünder in die Hölle hinabrauschen. Selbst Kirchenmänner konnte die ewige Verdammnis treffen. »Die alte Gleichstellung von Gäubigen und Heiligen ist damit zunichte geworden. Keiner aus dem Volke Gottes ist seines Heils mehr sicher, nicht einmal die, die der profanen Welt die Einsamkeit der Klöster vorgezogen haben.«1

Ab dem 13. Jahrhundert wird die Waage durch ein Buch abgelöst, dem ›liber vitae‹, in dem alle Gedanken, Worte und Werke jedes einzelnen Menschen aufbewahrt sind. Ursprünglich war dieses Buch noch eine Liste mit den Namen der Erwählten, doch dann wird es mit der Zeit zum Buch der Verdammten und schließlich zu einer persönlichen Lebensbilanz. Auf einigen Darstellungen tragen die Toten ihre Lebensbilanz um den Hals, als wäre es ein Identitätsnachweis.

Am Ende aller Tage wird Bilanz gezogen. Das Buch mit dem Register der guten und schlechten Gedanken, Worte und Werke wird aufgeschlagen, alles wird enthüllt und offenbar.

Liber scriptus proferetur,
In quo totum continetur,
Unde mundus iudicetur.

Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Treu darin ist eingetragen
Jede Schuld aus Erdentagen.

Die Apokalypse der Welt wird zu einer Apokalypse des Individuums. In dem Begriff der Bilanz, der sich von Balance ableitet, hat sich die ursprüngliche Vorstellung von der Waage Michaels erhalten. Das ›liber vitae‹ ist in der christlichen Vorstellung das Lebensprotokoll, das jeder Mensch mit sich herumträgt, ein stets aktuelles ›syslog‹ aller Gedanken, Worte und Taten.

Der Zweck dieser Vorstellung war offensichtlich. Die Massen sollten diszipliniert und in Angst und Schrecken gehalten werden, damit die Reichen und Mächtigen ihre Macht und ihren Wohlstand ungestört genießen konnten. Als die Aufklärung mit christlichen Vorstellungen aufräumte, revoltieren die Massen schließlich, und die Mächtigen und Reichen verloren ihre Köpfe. Als die Schauermärchen auf den Bildern, Fresken und Kirchenportale ihre Schrecken verloren, brach der Zorn der Marginalisierten schließlich den Bann der Apokalypse und fegte ein Regime hinweg, das für die Ewigkeit gedacht schien. Und mit der Guillotine schlug man der eschatologischen Hydra die Köpfe ab. Bekanntlich wuchsen ihr neue Köpfe, aber das ist eine andere Geschichte. Die Apokalypse hatte als Diszilplinierungsmittel ausgesorgt. Die Zeit der Geheimdienste und Terrorregime brach an.

Heute ist das ›liber vitae‹ keine religiöse Vorstellung mehr, sondern eine Tatsache. Das digitale  ›liber vitae‹ ist auf den Serverfarmen der NSA gespeichert und damit im Besitz der Reichen und Mächtigen. Die Botschaft ist klar. Wir, die 1 % wissen alles über euch, die 99 %! Jederzeit können Richter und Henker zuschlagen, denn das Regime ist allwissend und allmächtig. Wer die Macht der 1 % in Gedanken, Worten oder Werken in Frage stellt, kann jederzeit beseitigt werden. Die NSA ist kein aus den Fugen geratener Geheimdienst, dazu sind die Kosten für die Überwachung viel  zu hoch. Die NSA ist das zentrale Herrschaftsinstrument der 1 %, mit die wahren Herrscher hinter den Regierungen ihre Köpfe vor den Guillotinen des 21. Jahrhunderts retten wollen.

Die Bedrohung durch die Apokalypse der NSA ist sehr viel realer als durch das christliche Ammenmärchen. Sie löst sich nicht durch Aufklärung in Luft auf. Beweise ihrer Macht werden jeden Tag erbracht. Jeder Mensch steht heute nackt wie die aus ihren Gräbern Auferstandenen vor den realen Mächtigen dieser Welt und muss sich, ob er will oder nicht, wiegen lassen. Da hilft kein Beten. Da nutzt es nicht, die Jungfrau Maria anzurufen und um Fürbitten anzuflehen. Die 1 % haben es sich auf dem Richterstuhl Christi bequem gemacht. Die Digitalisierung hat ihnen endlich die totale Kontrolle über unsere Gedanken verschafft.

Treten wir in ein neues Mittelalter ein? In ein dunkles Zeitalter der Angst, in dem die Schergen der 1 % jede Opposition im Keim ersticken? Hat das Zeitalter der universalen Selbstzensur und der totalen Unterwerfung begonnen? Tauschen wir unsere Freiheit gegen ein leichtes Leben ein? Ein Leben, das die 1 % uns erlauben zu leben? Mit Fast-Food, Junk-TV und stromlinienförmigen Ausschweifungen? In der christlichen Vorstellung führte lange Zeit der Teufel das ›liber vitae‹, um in der Todesstunde die Seele des Sünders für sich fordern zu können. Haben wir unsere Seelen an die 1 %-Teufel für eine Handvoll Müll verkauft?

Es scheint so zu sein. Wenn aber die Menschen begriffen haben, dass die Netze der totalen Überwachung weder für Terroristen noch für Kinderschänder ausgelegt wurden, sondern für alle Personen, die den 1 % gefährlich werden könnten – dann gnade ihnen Gott.

Literatur

Ariès, Philippe: Geschichte des Todes / Philippe Ariès. Aus dem Franz. von Hans-Horst Henschen und Una Pfau. Darmstadt 1996.

Fußnoten


  1. Ariès, Philippe: Geschichte des Todes / Philippe Ariès. Aus dem Franz. von Hans-Horst Henschen und Una Pfau. Darmstadt 1996. S. 130.

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