Made in Germany

Transrapid, Stuttgart21, Großflughafen Berlin, Elbphilharmonie und der U-Bahnbau in Köln – wir sollten den Begriff »Made in Germany« wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung als Warnhinweis benutzen.

Der Ausdruck »Made in Germany« wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien als Warnung vor billiger Importware aus Deutschland eingeführt. Damals war die Warnung unbegründet und eine Zeit lang galt der Begriff als Gütesiegel, doch mittlerweile setzt sich die ursprüngliche Bedeutung mehr und mehr durch.

Denn in Deutschland triumphiert der Pfusch: Transrapid, Stuttgart21, Großflughafen Berlin, Elbphilharmonie, U-Bahnbau Köln – die Liste gescheiterter Projekte ließe sich beliebig verlängern. Nicht nur Bauprojekte scheitern, auch IT-Projekte werden in Deutschland häufig gegen die Wand gefahren.

Warum der Transrapid nicht einmal mehr im Emsland seine Runden dreht, hat uns Stoiber mit seinem Gestottere mustergültig ins musische Gedächtnis eingeprägt. Er hat die Vorteile des Transrapids nicht einmal mehr sprachlich auf die Reihe bekommen, sodass es eine weise Entscheidung war, einen Bau erst gar nicht zu versuchen.

So viel Einsicht hatten die Schwaben nicht, die bekanntlich alles können, außer Hochdeutsch. Sie müssen daher die Formulierung auf dem Abstimmungszettel beim Volksentscheid missverstanden haben. Jedenfalls sprachen sie sich wie ein Mappus dafür aus, einigen wenigen Baukonzernen eine Goldgrube zu schenken und die Öffentlichkeit dafür mit einem Loch in der Staatskasse zu vertrösten.

Dass der Partybär in Berlin außer Party mit Geldern aus Restdeutschland nicht viel zustande bringt, war jedem klar. Aber jeder dachte, dass sich der Regierende sowieso nicht um den Bau kümmern würde und daher auch nichts falsch machen könne. Doch die Berliner können auch ohne ihren obersten Partybär stümpern.

In Hamburg ist man sich zu fein, eine Baustelle überhaupt zu betreten, sodass die Baufirmen dort munter vor sich hin arbeiten durften.

Und in Köln wird so lange geklüngelt, bis der Dom wackelt.

Eine Stadt, in der in den letzten zehn Jahren nicht ähnliches passiert ist, kann keine deutsche Stadt gewesen sein. Wohin man schaut: Pleiten, Pech und Pannen. Wobei das noch ein der Alliteration geschuldeter Euphemismus ist! Die Stümperei hat System.

Wenn in Deutschland konservative Politiker sich reihenweise einen Doktor erschleichen, darf man sich nicht wundern, wenn bald auch auf Produkte aus China der Aufkleber »Made in Germany« gepappt wird. Die deutsche Wirtschaft sollte sich entweder einen neuen Slogan ausdenken oder dafür sorgen, dass auch die öffentliche Hand wieder Wertarbeit leistet.

Letzteres ist übrigens ganz einfach. Die deutsche Wirtschaft könnte beispielsweise damit aufhören, Verluste zu sozialisieren und Gewinne zu privatisieren. Sie könnte Steuern und Sozialabgaben zahlen anstatt die öffentlichen Haushalte und die Sozialkassen zu plündern.

Die öffentliche Hand kann nämlich gar keine Aufgaben mehr stemmen, die mehr Ressourcen erfordern als das notwendigste Kerngeschäft. Seit mehr als 20 Jahren ist die öffentliche Verwaltung unterfinanziert. Planstellen für Mitarbeiter, die Baufirmen auf die Finger klopfen könnten, bevor diese herumpfuschen und sich an öffentlichen Geldern bereichern können, werden seit Jahrtzehnten nicht mehr neu besetzt. Natürlich ist der Partybär in Berlin unfähig, seinen Posten im Aufsichtsrat eines Großprojektes ordentlich zu erfüllen, das waren aber alle Bären vor ihm auch. Früher hatte der Regierende jedoch noch einen ganzen Stab an Mitarbeitern, die in der Lage waren, ein solches Projekt zu kontrollieren.

Wir haben in Deutschland nicht zu viel Staat. Wir haben zu wenig. Und der Rumpfstaat, den wir uns noch leisten, ist durch und durch morsch. Die Qualifikation zu einem Posten in der Verwaltung wird oft nicht durch Diplom, sondern durch Parteibuch erworben.

Und damit wäre ich bei dem Anlass für diese Sudelei. Die Düsseldorfer Uni hat unserer Bildungsministerin den Doktortitel aberkannt. Zwischen dem gegelten Gernegroß Guttenberg und dem stillen Wasser Schavan mögen auf den ersten Blick Welten liegen, es eint sie die Verachtung der Wissenschaft. Beide sind symptomatisch für eine Zeit, in der für die meisten Menschen ohnehin kein Unterschied zwischen Wissenschaft und Wissensshow im Vorabendprogramm besteht. Und da eine Wissensshow auch noch sehr viel preiswerter ist als echte Wissenschaft, bekommt sie bei einer Ausschreibung garantiert den Zuschlag.

Wertarbeit gibt es nur dort, wo Arbeit einen Wert hat. Nirgends wird jedoch Arbeit geringer geschätzt als in einem Land, in dem man Milliarden verjubelt, um Banken zu retten, die sich verzockt haben. Die Welt ist ein Spielkasino. Solide Wertarbeit und sorgfältige Wissenschaft sind in dieser Welt bloß bunte Wortbälle, mit denen man so lange jongliert, wie es nützlich ist. Muttis Biederkeit, die den deutschen Michel einlullt, ist nichts als die Maske einer Nebendarstellerin. Schlaf weiter, Michel, und träum von »Made in Germany«!

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