…und dann erhob sich der Saal zur Bergischen Hymne

Gestern war ich als Vertreter der Solinger Piraten beim Neujahrsempfang der IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid. Ein erhebendes Erlebnis.

Die historische Stadthalle am Johannisberg1 mit ihrer hervorragenden Akustik ist der angemessene Ort für einen festlichen Empfang der Bergischen Wirtschaftskapitäne. Erbaut im Stil der Neorenaissance überstrahlt das Gebäude die abgrundtief hässlichen Zweckbauten der Umgebung, von denen die große Bausünde aus den siebziger Jahren, das Sparkassenhochhaus, sicher als Leuchtturm des schlechten Geschmacks dieser architektonisch grauenvollen Epoche gelten kann.

In diesem festlichen Rahmen also versammelten sich 1000 Gäste, um der Rede ihres nach 16 Jahren Amtszeit scheidenden Präsidenten Friedhelm Sträter zu lauschen sowie eines Vortrags von Wirtschaftsminister Garrelt Duin. Letzterer hatte den historische Ausmaße androhenden Titel »Von Engels zur Elektromobilität«. Dankenswerterweise sprach Duin dann aber weder über Engels noch über Elektromobilität, sondern versicherte den anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmern, dass sie, wenn es nach ihm ginge, weiterhin zwangsweise Mitglied in der Kammer blieben. Der Applaus war überraschend verhalten. Nun will ich aber die Worte eines Ministers, der jeden Tag einer anderen Klientel schmeicheln muss, nicht auf die Goldwaage legen. Viel mehr interessierte mich die Rede des scheidenden Präsidenten, von der ich mir sehr viel erwartete, war es doch die letzte, die er als Präsident vor 1000 geladenen Gästen halten würde.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Mit Sträter sprach ein Mann mit wirtschaftlichem Weitblick und ökonomischer Vernunft. So forderte er zunächst, die Politik solle kräftig sparen, die Steuern und Abgaben drastisch senken und die Infrastruktur – hauptsächlich Autobahnen und Autobahnanschlüsse für jeden Betrieb – zügig ausbauen. Natürlich regten sich in mir Zweifel, wie das denn gehen solle. Doch Sträter zerstreute diese Bedenken sogleich. Souverän zeigte er der Politik Finanzierungsmöglichkeiten auf. Statt in Stuttgart Milliarden zu verbuddeln, sollten lieber die Bergischen Bahnhöfe und Eisenbahnlinien ausgebaut werden. Vermutlich hat er diesen Vorschlag vorher mit seinem Präsidenten-Kollegen der Stuttgarter IHK abgesprochen.

Dann bewies Sträter, dass in allen Bergischen Unternehmern immer noch ein kleiner Friedrich Engels schlummert, der mit dem Sozialismus liebäugelt, wie die Frau eines Unternehmers mit einem weiteren Brilliantring. Mit scharfer Kritik an der Art, wie in Deutschland die Energiewende vollzogen wird, präsentierte er Venezuela, wo sich Commandante Chávez für die Unternehmer aufopfert, als leuchtendes Vorbild. Dort, so Sträter, koste ein Liter Benzin zwei Cent. Volltanken für einen Euro! – Fast riss es mich vom Stuhl, als ich nach der ersten Verwunderung über diesen Vergleich, verstanden hatte, dass Friedhelm Sträter unausgesprochen zwar, aber unmissverständlich wohl gerade eben nichts anderes als die Verstaatlichung der deutschen Energieunternehmen gefordert hatte. Da kreiste der Bergische Hammer! Nun müssen wir bloß noch in den Bergischen Wäldern Öl finden, dann können auch wir bald für einen Euro volltanken.

An der vermurksten Energiewende in Deutschland fand Sträter kein gutes Haar. Sie sei zu teuer und vor allen Dingen ökologisch völlig wirkungslos. Eine Senkung des Kohlendioxidausstoßes könne man nämlich nur erreichen, wenn man die Fördermengen reduziere. Ob Sträter diesen ökologischen Vorstoß von geradezu weltpolitischen Ausmaßen mit den Ölscheichs und Ölkonzernen abgestimmt hat, weiß ich nicht – aber er hat natürlich recht: Was gefördert wird, wird auch verbraucht und landet unweigerlich als Klimakiller in der Atmosphäre. Allerdings fragte ich mich als unbelehrbarer Anhänger der Marktwirtschaft, wie man bei einer Verknappung des Angebots zu niedrigeren Preisen kommen soll. Aber solche Zweifel sind vermutlich kleinlich.

Danach rief Sträter die versammelten Wirtschaftskapitäne des Bergischen Landes dazu auf, wählen zu gehen – und zwar ihre Vertreter in der Vollversammlung der IHK, aus deren Reihen dann auch eine neue Präsidentin oder ein neuer Präsident, wie er korrekterweise genderte, gewählt werden würde. Ich kann mich diesem Aufruf nur anschließen. Zwänge man mich in eine solche Organisation, dann würde ich ganz sicher mitbestimmen wollen, wer dort künftig visionäre Ideen für die Weltwirtschaft (Ölfördermengenreduzierung, Verstaatlichung der Energiewirtschaft, Einstellung von Stuttgart21) entwerfen darf.

Zum Abschluss des offiziellen Teils intonierte das Symphonische Blasorchester der Städtischen Musikschule Solingen das Bergische Heimatlied.2 Die ans wilhelminische Herz gehenden Worte des Solinger Dichters Rudolf Hartkopf (»mit Gott für den Kaiser, fürs Bergische Land!«), sind heute leider fast vergessen, sodass man sie zum Mitsingen auf die Videoleinwand werfen musste. Man hatte den Text leicht modernisiert und einige Zeilen zu einer Hymne auf die Bergische Unternehmerschaft umgedichtet. Zunächst lauschten wir dem Orchestervorspiel, der einzigartigen Musik von Caspar Joseph Brambach3, die so wunderbar zu den zurzeit nieselregenumflorten Wäldern des Bergischen Landes passt. Dann gab der Kapellmeister Benedikt Frackiewicz dem Saal das Zeichen zum Mitsingen. Und aus 1000 Kehlen wurde dann zunächst zögernd und nach dem richtigen Ton suchend, dann immer freier und froher das Bergische Heimatlied gesungen. Nach einigen Takten standen einzelne Unternehmer auf, dann weitere und schließlich erhob sich der ganze Saal zur Bergischen Hymne.

Ich war so ergriffen, dass ich nach zwei Gläsern Orangensaft und einigen Schnittchen seltsam gehoben und um eine etnologische Erkenntnis reicher nach Hause zurückkehrte.

Literatur

Bergisches Heimatlied. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bergisches_Heimatlied&oldid=130144712. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Caspar Joseph Brambach. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Caspar_Joseph_Brambach&oldid=133616743. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Stadthalle Wuppertal. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stadthalle_Wuppertal&oldid=131284304. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

Fußnoten


  1. Stadthalle Wuppertal. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stadthalle_Wuppertal&oldid=131284304. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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  2. Bergisches Heimatlied. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bergisches_Heimatlied&oldid=130144712. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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  3. Caspar Joseph Brambach. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Caspar_Joseph_Brambach&oldid=133616743. Zuletzt geprüft am: 22.9.2014.

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