Ich bin doch nicht blöd!

O-Ton Biedenkopf nach seinem Rücktritt: »Und jetzt kann ich es ja sagen: Wir haben bei Ikea nicht nur einmal, sondern mehrmals Rabatt bekommen. Und nicht nur 10 Prozent, sondern auch 15. Und ich stehe dazu.«

Na wer sagts denn! Kurz vor der Rente hat auch so einer wie Biedenkopf sein Coming-out und offenbart den Wähler, was ihn in die Politik trieb. 15 Prozent Rabatt bei IKEA! Da probierte er sicher gerne mal was Neues aus. Vielleicht wird auch bald ein Regal nach ihm benannt: Kurty, das Regal für Pfennigfuchser.

Rabatt-Kurt zeigt den Wählern, dass sie einen fundamentalen Fehler begehen, wenn sie wählen gehen, statt sich wählen zu lassen. Für sein Sonntagskreuzchen kann sich keiner was kaufen, aber mit einem kleinen Pöstchen ließe sich vielleicht beim Bäcker nebenan oder beim Mediamarkt ein anständiger Rabatt herausschlagen.

Ich bin doch nicht blöd, hat sich Rabatt-Kurt vor Jahrzehnten gesagt, als er in die Politik wechselte. Warum soll ich schuften, wenn ich es mir als Politiker in der sozioökonomischen Hängematte bequem machen kann. Diäten hier, Aufwandsentschädigungen dort und bevor wir uns mit einer stattlichen Pension zur Ruhe setzen, hauen wir überall noch ein paar Prozente raus. Kleinvieh macht auch Mist. Nur das Wahlvieh, das macht meist großen Mist, wie man am Sonntag in Sachsen-Anhalt wieder einmal gesehen hat.

Reinhard Höppner, der jetzt auch in Rente geht, ist mit Sicherheit der einzige Ministerpräsident, der keinen Nachlass bei IKEA bekommen hat. Wahrscheinlich sah er deshalb vor den Kameras immer so deprimiert aus. Sein Nachfolger blickt allerdings auch nicht optimistischer in die Zukunft. Er ahnt wohl, dass der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt noch nicht einmal bei ALDI einen anständigen Rabatt herausschlagen kann. Deshalb will er sich dem Regieren auch mit Demut und Respekt vor dem Wähler widmen. Aber vielleicht gibt’s ja wenigstens Freikarten für den Magdeburger Zoo, falls Magdeburg neben dem Landtag noch einen anderen Zoo besitzt.

In diesem Landtag und wahrscheinlich auch in der Regierung sitzen nun auch die Liberalen, die auf stolze 13 Prozent gekommen sind. So schlecht kann die rot-rote Regierung also nicht gewesen sein, wenn 13 Prozent der Wähler zu den besserverdienenden Zahnärzten gehören. Dieser Erfolg der sozial Frigiden ist im Grunde eine gute Nachricht, besagt sie doch, dass der Osten kein Notopfer mehr braucht. Wenn selbst das Land mit der roten Laterne auf die Solidarität aus dem Westen pfeifen kann, dann weg mit dem Soli! Man fragt sich allerdings, wen diese vielen Zahnärzte in Sachsen-Anhalt so den lieben langen Tag behandeln. Reinhard Höppner haben sie offensichtlich vernachlässigt, der sah immer aus, als habe er Zahnschmerzen. Und Cornelia Pieper hat einen Unterbiss. Doch das wird sich richten lassen, denn bald kriegt sie als Privatpatientin und stellvertretende Ministerpräsidentin bei den Zahnärzten bestimmt Prozente. Sie ist ja nicht blöd!

Natürlich streiten wieder alle Politiker darum, ob das nun ein Test für die Bundestagswahl gewesen ist oder nicht. Die Union behauptet: Ja! Sie sollte damit aber vorsichtig sein. Welcher Wähler möchte schon mit einem Wähler in Sachsen-Anhalt verglichen werden, der alle vier Jahre sein politisches Hemd wechselt, mal die Braunen wählt, dann die Gelb-Blauen und in vier Jahren vielleicht Micky Maus zum Ministerpräsidenten macht, in der Hoffnung auf einen Disneyland-Ressort vor den Toren Magdeburgs. Die SPD schmeichelt sich deshalb schnell bei den übrigen Deutschen ein und behauptet, dass außerhalb Sachsen-Anhalts weniger Zahnärzte und Besserverdienende wohnen, sodass noch nicht entschieden sei, wie sich die Prozente bei der Bundestagswahl verteilen werden. Letzteres mag richtig sein. Denn Gerhard Schröder kriegt sicher einen dicken Rabatt bei Cohiba und gehört deshalb auch nicht zu den depressiven Zeitgenossen vom Schlage Höppner. Die Leute mögen Rabattjäger, wenn sie nicht ausgerechnet im Müll nach einem Schnäppchen wühlen.

Doch Zigarren werden die Wahl nicht entscheiden, sie gehen ebenso in Rauch auf wie die Hoffnungen der Wähler auf Prozente beim Baumarkt. Bei der Bundestagswahl geht es auch nicht um Prozente bei IKEA. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. BMW oder VW, wer wird die Rabattschlacht gewinnen und darf den nächsten Kanzler zum Bundespräsidenten fahren?

Über Rabatte nachdenken sollten vor allem die Grünen. Ökologie und umweltfreundliche Technologien sind ja schön und gut, doch leider wird dadurch alles teurer. Wo bleiben die Rabattmarken für den Bioladen? Wo die Sammelbildchen für den Ökostrom? Die Grünen müssen endlich erkennen, dass es in unserem Land immer mehr Allergiker gibt und Natur deshalb zunehmend als Bedrohung empfunden wird. Welcher Heuschnupfengeplagte ist schon bereit, sein vollklimatisiertes Büro in der Stadt mit pollenfreier Luft und anti-allergenen Zierpflanzen aus Plastik gegen ein ökologisch renoviertes Bauernhaus inmitten feindlicher Umwelteinflüsse zu tauschen? Natur ja bitte, aber dann bitte weit weg. Dank der tollen Rabatte bei den Reiseunternehmen kann sich ja bald jeder einen Trip in die unberührte Natur der Karibik leisten, wenn er denn unbedingt mal raus will. Statt den Verbrauchern das billige Fleisch wegzunehmen, sollten die Grünen BSE-verdächtiges Rindfleisch mit einem Rabatt von mindestens 18 Prozent in den Handel bringen. Das wäre ein genialer politischer Schachzug, denn mit der Zeit würden diejenigen Wähler, denen Rabatte wichtiger als Programme sind, langsam aber sicher aussterben. Ökologische Pflege der Wähler nennt man das.

Doch bis die Dummheit dank gezielter Rabattierung BSE-verseuchter Hamburger endlich ausstirbt, wird viel Zeit vergehen. Und bis dahin wird wohl das passieren, was unser Ex-Bundespräsident seit Monaten auf großen Plakaten mit einem schelmischen Grinsen fordert: Ein Ruck muss durch Deutschland gehen! Wenn man sich Europa so anguckt, kann damit eigentlich nur ein Rechtsruck wie in Dänemark, Italien oder gestern in Frankreich gemeint sein. Dann gibt es endlich wieder Rabatte für das Müttergenesungswerk, die Mafia und rassisch einwandfreie, heterosexuelle Lebensgemeinschaften. – Solingen den 22. April 2002

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