Seit 30 Jahren auf der Verliererseite

Als ich gestern mit rund 150 Solinger Bürgern an der kurzen Mahnwache für Japan und gegen die Atomkraft teilnahm, wurde mir klar, dass ich seit 30 Jahren vergeblich gegen die Kernkraft demonstriere. Egal was kommt, wir stehen auf der Verliererseite.

Seit über 30 Jahren warnen wir vor den katastrophalen Gefahren der Atomkraft, seit über 30 Jahren wissen wir, dass es über kurz oder lang zu einer Katastrophe wie in Japan kommen wird, seit über 30 Jahren haben wir mit wissenschaftlicher Akribie über die möglichen Folgen nachgedacht und sahen ein solches Unglück kommen –  und seit über 30 Jahren wurden wir als idealistische Gutmenschen verleumdet, die sich in ein zu vernachlässigendes Restrisiko verbeißen, um sich moralisch in die Brust zu werfen.

Wir konnten demonstrieren, uns querlegen oder blockieren, wie wir wollten, die Atomindustrie ist bisher immer als Sieger aus der politischen Auseinandersetzung hervorgegangen. Sie verdient jedes Jahr Milliarden mit Atomstrom und pumpt Millionen in die politische Landschaftspflege. Dass sie dabei bereit ist, über Leichen zu gehen, ist eine Erkenntnis, gegen die ich mich immer noch sträube, die aber nicht mehr zu widerlegen ist.

Wer Atomkraftwerke betreibt, handelt wie ein Autofahrer, der mit 240 km/h über die Autobahn brettert. Er nimmt den Tod von Menschen bewusst in Kauf. Es mag gutgehen, sodass er hinterher damit prahlen kann, die Strecke in Rekordzeit gefahren zu sein. Wenn es aber zu einem Unfall kommt, sind bei dieser Geschwindigkeit Tote unvermeidlich. Der Autofahrer gefährdet sich und andere, der Betreiber eines Atomkraftwerks nur die anderen, denn die Vorstände der Atomkonzerne werden aus der Karibik zuschauen, wenn deutsche Soldaten als Liquidatoren in den Tod geschickt werden.1

Jetzt bricht über die Japaner ein atomares Inferno herein, das auch wir, die Atomkraftgegner, uns nicht wirklich vorstellen wollten. Mittlerweile sind sechs Blöcke des Atomkraftwerks Fukushima außer Kontrolle und werden solange Radioaktivität in die Umwelt entlassen, bis sich Liquidatoren gefunden haben2, die sich selbst aufopfern, um die Strahlenquellen wie in Tschernobyl zu versiegeln. Das Leben von 35 Millionen Menschen in und um Tokio wird unerträglich werden, da bis zur Versiegelung der explodierten Kernkraftwerke immer wieder radioaktive Wolken über Tokio ziehen werden. Jetzt passiert genau das, wovor wir immer gewarnt haben, aber was auch wir immer wieder verdrängt haben – um trotz der Bedrohung weiterleben zu können.

Vielleicht ist diese selbsterhaltende Verdrängung der Grund dafür, dass wir den Kampf gegen die Atommafia verloren haben. Denn wenn wir jeden Tag die reale Bedrohung für unser Leben auch als solche wahrgenommen hätten, wäre der Widerstand sehr viel entschlossener gewesen. Wenn wir begriffen, dass jemand jeden Tag unsere physische Existenz bedroht, dass wir von heute auf morgen vor Verstrahlung fliehen, unsere Wohnungen aufgeben und uns Hunderte von Kilometern entfernt eine neue Lebensgrundlage aufbauen müssen, dann würden wir uns nicht mehr nur querlegen. Dann wäre es mit dem ritualisierten Widerstand nicht getan.

Auch wir Atomkraftgegner haben uns von der millionenschweren PR-Maschinerie der Atommafia einlullen lassen. Wir haben immer nur gegen ein Restrisiko demonstriert, sonst hätten wir nach der Mahnwache oder der Demo nicht einfach nach Hause gehen und zur Tagesordnung zurückkehren können. Das Restrisiko wog so wenig, dass wir nie mehr in die Waagschale werfen brauchten als symbolische Aktionen. Ein Aufbegehren, für das man schlimmstenfalls eingekesselt, geschlagen und erkennungsdienstlich behandelt wurde.

Unterschätzt niemals die Entschlossenheit der Atommafia Kasse zu machen!

Merkel ist angeblich Physikerin, sie sollte also intellektuell in der Lage gewesen sein, die wissenschaftlich unumstrittenen Folgen eines Unfalls gedanklich vorwegzunehmen. Viele weniger gut informierte Bürger werden im Gegensatz zu ihr erst jetzt, wenn das Fernsehen und die Bildzeitung über das eingetretene Restrisiko berichten, verstehen, was hier aufs Spiel gesetzt wird. Im Klartext heißt das, dass unsere Kanzlerin die Verstrahlung großer Areale in Deutschland, die immensen finanziellen Folgekosten einer solchen Reaktorkatastrophe und den Tod vieler Menschen bewusst in Kauf genommen hat und vermutlich immer noch nimmt, um der Atomindustrie Milliardengewinne zu ermöglichen. Sie verstößt damit meines Erachtens gegen ihren Amtseid. Sie hat nicht etwa nur einfach die Hände in den Schoß gelegt und nichts getan, nein, sie hat sogar den von der rotgrünen Vorgängerregierung ausgehandelten Ausstieg aus der Atomkraft ohne Not untergraben, die Laufzeit unsicherer Atomkrafte verlängert und wollte darüber hinaus sogar noch gültige Sicherheitsstandards verwässern.3

Da sich dummerweise in zwei Wochen in Baden-Württemberg mit Mappus ein rücksichtsloser Atomlobbyist4 zur Wahl stellen muss, wirft Merkel zurzeit Nebelkerzen5, um die Wähler in Ruhe zu wiegen. Das Manöver ist durchsichtig. Sobald die Wahlen überstanden sind, wird die CDU erneut auf Atomkurs gehen. Die Atomkraftwerke werden erst dann abgeschaltet werden, wenn zuvor die Lobbyparteien der Atomwirtschaft, die CDU/CSU und die FDP, abgewählt wurden.

Meine Lebenserfahrung sagt mir jedoch, dass es dazu nicht kommen wird. Die Atomindustrie wird ihre PR-Etats erhöhen, die Anti-AKW-Bewegung wird gebetsmühlenartig ihren ritualisierten Widerstand fortführen, der Wähler wird schnell vergessen und wir werden wieder auf der Verliererseite stehen.

Literatur

Atomkraftwerke: Sicherheitsstandards sollen gesenkt werden. In: fr-online.de (2010). Internet: http://www.fr-online.de/politik/atomkraftwerke-sicherheitsstandards-sollen-gesenkt-werden,1472596,4630214.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Atomstreit in der Union: Mappus legt Röttgen Rücktritt nahe. In: Spiegel Online (2010). Internet: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/atomstreit-in-der-union-mappus-legt-roettgen-ruecktritt-nahe-a-695216.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Energiepolitischer Appell: Was sagen Sie nun, meine Herren? In: Die Zeit (2011). Internet: http://www.zeit.de/2011/12/Atomenergie-Appell. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Liquidator. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liquidator&oldid=130691368. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Schäfers, Jörg-Olaf: Martin Haase: Merkel zu Fukushima (Mirror). In: netzpolitik.org. 2011. Internet: https://netzpolitik.org/2011/martin-haase-merkel-zu-fukushima-mirror/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

Fußnoten


  1. Energiepolitischer Appell: Was sagen Sie nun, meine Herren? In: Die Zeit (2011). Internet: http://www.zeit.de/2011/12/Atomenergie-Appell. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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  2. Liquidator. In: Wikipedia. 2014. Internet: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liquidator&oldid=130691368. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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  3. Atomkraftwerke: Sicherheitsstandards sollen gesenkt werden. In: fr-online.de (2010). Internet: http://www.fr-online.de/politik/atomkraftwerke-sicherheitsstandards-sollen-gesenkt-werden,1472596,4630214.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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  4. Atomstreit in der Union: Mappus legt Röttgen Rücktritt nahe. In: Spiegel Online (2010). Internet: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/atomstreit-in-der-union-mappus-legt-roettgen-ruecktritt-nahe-a-695216.html. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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  5. Schäfers, Jörg-Olaf: Martin Haase: Merkel zu Fukushima (Mirror). In: netzpolitik.org. 2011. Internet: https://netzpolitik.org/2011/martin-haase-merkel-zu-fukushima-mirror/. Zuletzt geprüft am: 23.9.2014.

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