The Bogey Who Wasn't There

Dass Amerikaner einen an der Waffel haben, mag daran liegen, dass sie allesamt Nachfahren religiöser Fanatiker sind, deren Verbissenheit man in der Alten Welt schlicht und einfach nicht mehr ertragen konnte.

So ist denn auch kein Glaube zu abstrus, als dass er nicht in den USA eine entschlossene Gemeinde von Gläubigen um sich scharte. Aber Amerikaner verstehen sich auch aufs Geschäft, denn schließlich sind sie auch Nachfahren von Goldsuchern, deren Geschäftssinn sich im ständischen Europa nicht recht entfalten konnte. Jetzt hat ein Typ einen Film gemacht, der im alten Europa nicht einmal des Teufels Großmutter hinter dem Ofen hervorlocken würde, hat er doch den spannenden Titel: »The God Who Wasn’t There«. Nun wird in diesem Film nicht darüber philosophiert, wie Gott Auschwitz zulassen konnte, nein in dem Streifen wird festgestellt, dass es überhaupt keinen Gott gibt. Wahnsinnig aufregend, werden Sie sagen, liebe Leserin, lieber Leser, und so originell! Selbst in God’s Own Country schlug dieser Titel nicht wie eine Bombe ein, bis der Filmemacher auf die Idee kam, jedem, der öffentlich auf YouTube den Heiligen Geist leugnet, ein Exemplar zu schenken. Warum aber, fragt man sich als unvoreingenommener Atheist, muss man ausgerechnet den Heiligen Geist leugnen? Nun, der Autor hat, wie jeder Amerikaner, seine Bibel lesen müssen und stieß dabei auf Markus 3:29: »wer aber den heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig.« Nun gut, sei es also in aller drei Herrgotts Namen der Heilige Geist. Mit Gläubigen zu diskutieren, ist bekanntlich lebensgefährlich.

Wer sich nur ein wenig im Internet auskennt, weiß, was nun passiert ist. Terabytes von Bekenntnis-Videos wurden auf YouTube hochgeladen. Zahllose Amerikaner sprechen in ihre Web-Cam: »I deny the Holy Spirit, see you in hell!« Und ebenso ungezählte Amerikaner halten dagegen und rattern mit Lust umschatteten Augen ein Glaubensbekenntnis herunter, dass einem schwindlig werden könnte. So viel Aufwand, um den Heiligen Geist zu leugnen! Als wäre der Glaube mehr als eine schlechte Angewohnheit wie das Bohren in der Nase! Da ich nie auf die Idee käme, den individuellen Lustgewinn durch öffentliches Nasebohren zu leugnen, sehe ich auch keinen Grund dem heiligen Geist abzusprechen. Das wäre wirklich zu viel der Ehre.

Aber in Amerika nimmt man das In-der-Nase-bohren sehr ernst, man will sogar im Biologieunterricht darauf hinweisen, dass unsere Nasen nicht vom Affen abstammen, sondern uns vom Heiligen Geist aufgeklebt wurden. Und da man keine Nase neben seiner eigenen haben soll, bringen sich die Anhänger der drei großen mononaseologischen Bekenntnisse seit Jahrtausenden im Kampf um das einzig richtige Nasebohren gegenseitig um. Und seltsamerweise haben diese Leute vom Morden nie die Nase voll. Mag es sich um juckende Nasen, triefende Nasen, verschnupfte Nasen, große Nasen, kleine Nasen, krumme Nasen, gerade Nasen, niedliche Stubsnasen oder knorpelige Adlernasen handeln – eins ist ihnen allen gemeinsam: Sie halten ihre eigene Nase am höchsten und möchten alle anderen am liebsten heute als morgen abschneiden. Nein, möge jeder mit der Fasson seiner Nase glücklich werden! Denn wenn man sich die Nase als solche einmal gründlich anschaut, so wird man feststellen, dass nichts natürlicher sein kann, als mit einem oder mehreren Fingern in die dafür vorgesehen Nasenlöcher zu fahren und mit einigen geschickten, bohrenden Bewegungen aus ihrem Inneren die unglaublichsten Erkenntnisse ans Licht hervorzuholen? Ein ganzes Panoptikum, schrundiger, schleimiger, krümeliger Nasenpopel in allen nur denkbaren Farben ist da bereits im Laufe der Menschheitsgeschichte hervorgezaubert worden. Zwischen den Fingern gerollt und bei Licht besehen war da zwar noch kein Gold darunter – aber hat sich jemals ein Goldsucher vom Schürfen abhalten lassen, bloß weil er noch nie fündig wurde? Nein, nein und nochmals nein! Ich werde weder das Nasebohren, noch den Heiligen Geist leugnen, ich werde ihn vielmehr anrufen und anflehen, wie ein reinigender Schnupftabak über die Nasen in die Leiber der Gläubigen einzufahren, sie dreimal kräftig niesen und alle Götter vergessen zu lassen.

Bis das geschieht, sei Folgendes gesagt: Jeder, der ein kleines Filmchen auf Youtube hochlädt und der Welt die richtige Art, in der Nase zu bohren, zeigt, erhält von mir ein handsigniertes Exemplar dieser Sudelei.

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