Der olympische Geist in der Dopingflasche

Das Feuer ist erloschen und der olympische Geist kriecht zurück in seine Flasche mit Wachstumshormonen, wo er in den nächsten vier Jahren wieder für überraschende Leistungssteigerungen sorgen wird. Gäbe es eine Goldmedaille im Schlucken und Spritzen, so hätten die Griechen trotz übermächtiger Konkurrenz mit Sicherheit die Nadel vorn. Während der einzige griechische Dopingfahnder, den es gibt, in seinem Heimatland als Aussätziger behandelt wird, soll der oberste Sportarzt der Regierung ein flächendeckendes Dopingprogramm vorgeschlagen haben, was diese aber abgelehnt hat. Man sollte den Medaillenspiegel, in dem wir nur den sechsten Platz belegen, vielleicht deshalb um einen Kontrollfaktor ergänzen, bei dem die Anzahl der Medaillen mit der Anzahl der nationalen Dopingkontrollen pro Jahr und Sportler multipliziert wird. Denn je höher die Kontrolldichte, umso wertvoller das Edelmetall.

Wenden wir uns aber einmal der anderen Seite der Medaille und damit dem wahren olympischen Geiste zu. Kein Kult vermag die Menschheit so zu vereinen wie das olympische Ringen um Höchstleistungen. Menschen aus allen Ländern, Anhänger der unterschiedlichsten Religionen feiern gemeinsam den Sieg der Muskeln über die Schwerkraft. Natürlich fällt auch hier wieder ein islamisches Land aus dem Rahmen der Menschheit, hat sich doch ein iranischer Judoka unter dem einhelligen Jubel der iranischen Medien geweigert, gegen einen israelischen Athleten anzutreten. Noch kann so mancher islamische Athlet also nicht einmal über seinen eigenen Schatten springen. Und islamische Sportlerinnen müssen nicht nur Naturgesetzen Tribut zollen, sondern auch islamischen Bekleidungsregeln. Während die einen versuchen, mit High-Tech-Anzügen ihre mit Testosteron gefluteten Körper um ein paar Sekundenbruchteile schneller zu machen, sprinten islamische Frauen mit einem windschnittigen Kopftuch.

Vom Islam ist der Weg zum Nahostkonflikt nicht weit, den selbst Olympia nicht unterbrechen kann. Als Palästina ins Stadion einmarschierte und unsere Medien so rührend über die ärmlichen Trainingsmöglichkeiten der Palästinenser berichteten, habe ich mich gefragt, ob sich schon irgendwann einmal ein Palästinenser für das Massaker von München entschuldigt hat? Vermutlich werden die Attentäter von damals in Palästina immer noch wie anderswo Olympiasieger verehrt.

Entschuldigen müsste sich aber auch das ZDF. Als wären wir alle gefangene Iraker in Abu Ghuraib folterte uns der einäugige Sender wochenlang mit einer Anastacia-Dauerbeschallung, obwohl wir seit Jahrzehnten Schutzgelder bezahlen. Weil aber das ZDF an dem Verkauf der Anastacia-CD beteiligt ist, ließen sie vor jedem Halbsatz, den einer ihrer Moderatoren im Studio herauszubringen versuchte, die akustische Lynndie England auf uns Fernsehzuschauer los.

Deutsche Sportler, so ist die einhellige Meinung, haben enttäuscht. Immer wenn es Medaillen zu verteilen gab, liefen, sprangen oder schwammen sie hinterher. Wer die Berichterstattung aus Athen aufmerksam verfolgt hat, weiß auch warum. Die Vorbereitung hat nicht gestimmt! Monatelang haben zum Beispiel die deutschen Schwimmer im Schwimmbad trainiert, doch bei Olympia ging es plötzlich in ein Aquatic Center. Kein Wunder, dass unsere Schwimmer dort das Wasser nicht zu fassen bekamen. Außerdem haben auch die Gastgeber Schuld am Versagen der deutschen Athleten! All die bösen Zungen, die behauptet haben, die Griechen würden die Wettkampfstätten nicht fertig bekommen, behielten Recht. Glaubt man den Moderatoren von ARD und ZDF, haben sie statt eines Olympiastadions nur eine Olympic Outdoor Arena errichtet und statt einer Sporthalle eine Indoor Arena. Wer will unseren Sportlern da vorwerfen, dass sie mit diesen katastrophalen Bedingungen nicht zurechtgekommen sind. Natürlich muss man auch einmal die Funktionäre kritisieren. Scheinbar hat niemand unseren Sportlern erklärt, dass man bei Laufen vorne die Päis machen muss, um zu gewinnen. Dank der klugen Moderatoren von ARD und ZDF weiß dies nun jedes Kind. Wer gewinnen will, der muss vorne die Päis machen, was immer das auch heißen mag. Vor allem aber muss er in die Finals kommen. Wahrscheinlich wollten die deutschen Sportler ihre Energie fürs Finale aufsparen. Dass die aber abgeschafft und durch Finals ersetzt worden sind, hat ihnen niemand gesagt. Wer das Wasser nicht zu fassen bekommt, vorne die Päis nicht macht und die Finals verpasst, der kann nicht gewinnen. Probleme gab es aber auch bei den Mannschaftssportarten. Team- und Kampfgeist, mit denen sich deutsche Mannschaften früher auszeichneten, waren plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Kein Wunder! Entdeckten die Moderatoren von ARD und ZDF doch überall, im Hockey, beim Frauenfußball und erst recht bei den Handballern, Unmengen an Team- und Fäiting-Spirit, diese Alcopop-Getränke, in denen unsere Jugend ihr letztes Bisschen Geist ertränkt!

Doch wir wollen Olympia nicht madig machen. Immerhin erlöste uns die Berichterstattung siebzehn Tage lang von der nöligen Diskussion über die Rechtschreibreform und der Schwerfälligkeit der deutschen Sprache. Und während der deutsche Fernsehzuschauer umsonst darauf wartete, dass ihm ein Fernsehmoderator endlich erklärt, was es mit den Turnovers auf sich hat, die bei den Handballspielen immer eingeblendet wurden, gelang Angela Merkel mit einer Geschmeidigkeit, die wir an deutschen Turnerinnen so schmerzlich vermissen, ein medaillenverdächtiger Salto rückwärts. Nun soll also der Zahnersatz doch nicht mit Merkels Kopfpauschale finanziert werden. Die Union hat wohl die Lust verloren, beim Reformwettkampf vorne die Päis zu machen. Wie sagte doch der Steuermann vom Deutschland-Achter so treffend: »Wer gewinnen will, muss ganz schnell rückwärts rudern.«

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