Pünktchen ade

Die FDP verabschiedet sich von ihren drei Pünktchen.

Gestern versuchte die F.D.P. ihre unheilvolle Vergangenheit hinter sich zu lassen und sagte den drei Pünktchen in ihrem Namen kurz und schmerzlos ade. Das ist sehr zu begrüßen, denn nun kann man neben die Abkürzung FDP noch ein beliebiges Drei-Buchstaben-Wort setzen, ohne Platz zu verschwenden. Leider reicht es nicht für ein aussagekräftigeres Four-Letter-Word, das sich als Schmückwort vor den drei Buchstaben FDP recht gut ausmachen würde.

Die FDP schnallt also ihren Gürtel enger, halbiert den Platzbedarf ihres Namens und will so ihren Stimmenanteil verdoppeln. Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erfuhr ich, dass die drei Pünktchen jedoch nicht in den politischen Sondermüll kommen sollen. Statt sie wählerfreundlich zu entsorgen, möchte die FDP sie an anderer Stelle noch gebrauchen, was sie zu einem leuchtenden Vorbild für die politische Kreislaufwirtschaft macht. So eignen sich die drei FDP-Pünktchen z. B. hervorragend als Auslassungspunkte, wenn die FDP einmal ansetzen sollte, politische Aussagen zu formulieren.

Ein anderer Insider behauptet, Guido Westerwelle wolle die drei Punkte zu einer gelben Armbinde recyceln, um als männliche Verkörperung der blinden Justitia mit dem weißem Stock energisch tastend um so sicherer ins nächste freie Koalitionsbett zu finden. Die FDP möchte nämlich ohne Koalitionsaussage in den nächsten Bundestagswahlkampf gehen. Eine mehr als vernünftige Entscheidung. Denn schließlich ist sie immer schon blind gegen jedermann gewesen, auch gegenüber ihrer eigenen Klientel, wenn es darum ging, ein paar Ministerposten zu ergattern.

Folgerichtig ist die Entscheidung auch, weil es sich die FDP ohne Not mit keiner der beiden großen Volksparteien verscherzen möchte. So hat sie schon seit einigen Monaten Frieden mit SPD und CDU geschlossen und stürzt sich auf den eigentlichen politischen Gegner: die Grünen. Das verwundert vielleicht den unbedarften Beobachter, wurden die Grünen doch schon mehrfach als liberale Partei mit grünem Anstrich tituliert. Es ist auch weniger das Parteiprogramm, was die Herren Westerwelle und Möllemann gegen die Grünen aufbringt, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Grünen in der Regierung sind, die FDP aber in der Opposition. Die FDP fordert daher stets das Gegenteil von dem, was die Grünen gerade anvisieren. Wenn es Stimmen bringen würde, spränge Möllemann sogar mit dem Fallschirm ab, um auf einem Castor zu landen und so gegen rot-grüne Atommülltransporte zu demonstrieren.

Es gibt allerdings auch andere Gerüchte. So sollen die drei Punkte nur ausradiert worden sein, um Platz für Möllemann zu machen. Dieser braucht nämlich immer drei Stühle auf dem Podium. Auf einem sitzt er selbst, soweit man das von einer Persönlichkeit wie ihm behaupten kann, die beiden anderen Stühle bilden links und rechts einen Sicherheitsabstand zu seinen Parteifreunden. Denn seit der Wahl in Nordrhein-Westfalen gestikuliert Möllemann stets mit seinen Händen raumgreifend in der Luft herum, reckt abwechselnd mal alle zehn, mal bloß acht Finger in die Luft, so dass die Umstehenden Angst bekommen, er möge ihnen die Frisur derangieren, die Brille von der Nase stupsen oder den Zeigefinger ins Mittelohr rammen.

Wäre die FDP ein Heißluftballon, so könnte man auch sagen, die Partei habe Ballast abgeworfen. Da jedoch mangels Masse kein politischer Ballast in Form irgendeiner Programmatik verfügbar war, konnte man lediglich die drei Pünktchen abwerfen, um in der Wählergunst zu steigen. Nun waren zwar die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zweifelsohne das Jahrzehnt der politiklosen Spaßgesellschaft, ob politische Programmlosigkeit allein aber ausreicht, um an die heiß begehrten Pfründe heranzukommen, wird sich erst in anderthalb Jahren herausstellen. Und bis dahin kann die FDP mit ihren drei Pünktchen in Reserve noch allerhand Schabernack treiben. – Solingen den 7. Mai 2001

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