Die Große Kulturrevolution 1999

Über Leute, die in Ostdeutschland am Sonntag Einkaufen gehen, wird zurzeit ebenso intensiv und interessiert weltweit berichtet, wie über die Menschen, die vor zehn Jahren nachts in Leipzig auf die Straße gegangen sind, um dem Arbeiter- und Bauernstaat ins Gesicht zu rufen: Wir sind das Volk!

Bekanntlich soll in der Geschichte jedes Ereignis zweimal passieren: Einmal als Tragödie oder Heldenepos und einmal als Farce. Das asiatische Kamerateam, welches gestern zusammen mit einem Dutzend anderer Teams, die Öffnung der Kaufhalle in Halle filmte, berichtete also von der Farce. Hunderttausende gehen zurzeit Sonntags auf die Straße, um dem kapitalistischen Konsumstaat ins Gesicht zu schweigen: Wir sind die Konsumenten! Die Ladenschlussmauer muss weg! Kaufrausch immer und überall!

Die Journalisten aus aller Welt spüren: hier tut sich was, hier geschieht Ungeheuerliches, noch nie Dagewesenes. So viele kaufwillige Demonstranten bringt sonst nur der organisierte Schlussverkauf auf die Beine. Doch während dabei der Jubel und die Begeisterung übers Wühlen in Schnäppchenbergen von informellen Mitarbeitern der Kaufhäuser inszeniert wird, ist der Glanz in den Augen der Menschen, die am gestrigen Sonntag in Hallesche Kaufhäuser fluteten, echt und unverfälscht.

Radikale Ostdeutsche sehen schon seit Jahren ihre friedliche Revolution gefährdet. Wie einst Mao haben sie daher nun, zehn Jahre nach dem Umsturz des alten korrupten Regimes, die ›Große Kulturrevolution‹ ausgerufen. Denn was nützen dir volle Geschäfte und der geballte Glanz der westlichen Konsumwelt, wenn die Läden geschlossen sind? Und wie immer bei Revolutionen kommt es zu seltsamen Koalitionen: Da erhebt der geknechtete Verbraucher sein vom Ladenschluss gedrücktes Haupt und solidarisiert sich mit den hochfahrenden Geschäftsführern großer Kaufhäuser, die zwar Ladendiebstahl unnachsichtig verfolgen, es aber bei anderen Gesetzen nicht so genau nehmen.

Doch auch auf der anderen Seite bilden sich bunte Solidargemeinschaften: Kirchen, Gewerkschaften und Einzelhändler, SPD und CSU stellen sich wie ein Moses vor das Volk und wollen ihm gemeinsam den Zugang zu ihrem obersten Götzen verwehren. Der Sonntag solle ein Tag bleiben, den man gemeinsam in der Familie verbringen solle, sagen die Kirchenvertreter.

Dabei kann man doch so besinnliche Stunden im vollklimatisierten Kaufhaus verleben, in religiöser Anschauung des käuflichen Seins versunken oder in erbaulichen Gesprächen mit Verkäuferinnen vertieft: »Dieses Kleid steht Ihnen ganz ausgezeichnet, mein Herr!«

Wenn man in die vom unverhofften Glück verklärten Gesichter der Hallenser schaut, fragt man sich wirklich, warum so viele Funktionäre verhindern wollen, dass wir Verbraucher wenigstens sonntags von 13 bis 18 Uhr ein paar Stunden wahrhaft glücklich sein dürfen. Denn am Montag müssen wir ja wieder auf Arbeit, und dann ist Schluss mit lustig! – Solingen 9. August 1999

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