Ich will nicht bekennen

Es gibt zwei Arten von Parteien: Versorgungsgemeinschaften und Glaubensgemeinschaften. Die Piratenpartei wollte weder das eine, noch das andere sein.

Reine Versorgungsgemeinschaften wie die Union oder die FDP verfolgen klare Ziele. Sie wollen möglichst viele ihrer Mitglieder vor während und nach ihrer politischer Karriere in lukrative Posten bringen. Es beginnt mit Vergünstigungen beim Erwerb eines Doktortitels und endet nach einer ordentlichen Parteikarriere auf dem Vorstandsposten eines großen Unternehmens oder einer großen internationalen Organisation. Sie zeichnen sich durch innerparteiliche Toleranz aus. Sie interessieren sich nicht für das Privatleben oder die private Steuererklärung ihrer Mitglieder solange beides unter der Decke bleibt.

Die Glaubensgemeinschaften dagegen geben den Eiferern eine Heimstatt. Dort muss man sich laufend zu etwas bekennen: zum Deutschtum oder zum Antifaschismus, zum Sozialismus, zur Gerechtigkeit, zum Schutz der Umwelt, zur Arbeiterklasse, zum Gendersternchen oder zum Binnen-I.

Einige Glaubengemeinschaften wurden mit der Zeit zu Versorgungsgemeinschaften. Aus ihrer religiös verklärten Zeit blieben nur Rudimente zurück: das Steigerlied zum Beispiel oder der Anti-AKW-Aufkleber auf dem teuren Mittelklassewagen. Wenn das geschieht, haben die Eiferer die Partei längst verlassen. Es gründen sich neue Parteien, Abspaltungen, Splittergruppen, in denen die Eiferer ihren Glauben, ihre Enttäuschung und ihren Hass auf alles, was nicht in den schmalen Reihen ihrer Marschkolonnen Platz findet, ausleben können.

Die Piratenpartei wollte weder das eine, noch das andere sein und zog vielleicht gerade deshalb Eiferer und Karrieristen magisch an. Wo die Karrieristen sind, weiß ich nicht. Aber die Eiferer feiern wie immer fröhliche Urstände. Dabei wollten Piraten einmal evidenzbasierte Politik machen. Das Gegenteil von gerechten Glaubenskriegen! Das Gegenteil von zynischer Machtpolitik!

Man hätte es auch mit nostalgischer Wehmut aufgeklärte Politik nennen können, wenn die Dialektik der Aufklärung nicht immer wieder Heerscharen von Eiferern ausbrüten würde. Die geringe Zahl von Naturwissenschaftlern in unserer Gesellschaft sollte uns zu denken geben. Der Mensch ist selten mit Vernunft begabt. Aber jeder will gerne versorgt sein. Und viele brauchen den Kick moralischer Entrüstung, um ihre eigene Bedeutungslosigkeit ertragen zu können.

Wer bekennen will, soll sich eine Sekte suchen. Da findet sich sicher schnell eine allein selig machende. Leider machen die Eiferer gerade aus der Piratenpartei eine Glaubensgemeinschaft. Überall soll man sich bekennen. Ich will mich aber nicht bekennen. Weder zum Antifaschismus, noch zum Gendersternchen – und schon gar nicht früh morgens vor dem ersten Kaffee.

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