Von Gedenktagen in diesen Tagen

Als ich heute Morgen aus dem Haus trat, sah ich gleich die Beflaggung am Rathaus gegenüber. Da es ein ganz normaler Arbeitstag war, musste es sich also um irgendeinen besonderen Gedenktag handeln, und so ging ich in Gedanken ein paar Daten durch: 17. Juni? Nein, schon vorbei. Ein der Pflegeversicherung geopferter Feiertag? Nein, auch nicht. Was war eigentlich heute für ein Tag? Ach so, der 20 Juli. Na klar, das Attentat auf Hitler 1944. Die Sternstunde des sonst nicht existenten Widerstands.

Es muss damals schon ein ziemlicher Mangel an Sprengstoff geherrscht haben, wenn die Ladung nicht ausreichte, den Diktator zu töten. Oder die Attentäter waren tatsächlich einfach zu blöde. Oder das launische Glück war in Form eines übergroßen Eichenschreibtisches wirklich bedingungslos auf der Seite des Führers.

Der 20. Juli ist deshalb auch allen Seiten peinlich: der Regierung, weil ein Mordanschlag auf einen Regierungschef nicht gerade zur Identifikation einlädt; dem deutschen Staatsbürger in Uniform, weil das von hohen Militärs vorbereitete Attentat ziemlich daneben ging; und dem Spießbürger, weil man sowas ja eigentlich nicht tut. Und so mancher ehrliche Historiker kommt wahrscheinlich auch ins Schwitzen, wenn er den 20. Juli bewerten soll. Was wäre wenn? Wer hätte in dem auf Hitlers Tod folgenden Chaos die Macht übernommen? Die Verschwörer des 20. Juli selbst? Oder die führertreuen Generäle? Goebbels? Göring? Himmler? Und was hätten sie gemacht? Hätten sie mit der Sowjetunion wie schon im Ersten Weltkrieg wieder einen Separatfrieden geschlossen? Und wer hätte dann in Europa die neuen Grenzen gezogen und garantiert?

Vor ein paar Tagen haben die Vereinten Nationen einen ständigen Gerichtshof für Kriegsverbrechen, Verletzung der Menschenrechte und das Führen von Angriffskriegen eingerichtet. Einer der Meilensteine auf dem langsamen Weg der Grass’schen Schnecke. Angeblich haben die Europäer, haben die Deutschen sich gegen die Amerikaner durchgesetzt, die den Gerichtshof an den Sicherheitsrat anbinden wollten.

Was das mit dem 20. Juli zu tun hat? Nun vielleicht ist der Gerichtshof eine der Lehren aus dem 20. Juli: nationale Lösungen sind ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich. Denn der 20. Juli 1944 kam zu spät. Spätestens am 1. September 1939 hätte ein General Hitler eine Kugel durch den Kopf jagen sollen. Am 20. Juli 1944 war es zu spät, vor allen Dingen zu spät, um den Ruf der Wehrmacht zu retten, die seit Jahren Schulter an Schulter mit der SS in Osteuropa grausamste Kriegsverbrechen beging, von denen die Bundeswehr heute nichts mehr wissen will. Stattdessen stillt man die Sehnsucht nach schlechten Traditionen mit öffentlichen Gelöbnissen, die unter Hitler besonders beliebt waren.

Der 20. Juli wäre selbst dann keine Lösung gewesen, wenn der Anschlag erfolgreich gewesen wäre. Die ›deutsche Frage‹ war längst eine Angelegenheit der ganzen Welt. Moralisch hatten die Deutschen schon am 1. September ihre Souveränität verloren, faktisch verloren sie diese am 8. und 9. Mai 1945 in der bedingungslosen Kapitulation. Und dann saßen die Sieger zu Gericht. Wer sonst hätte es tun sollen? Und ohne die Nürnberger Prozesse hätte es nie einen Neuanfang geben können. Dort wurden stellvertretend für alle Nazis einige wenige verurteilt und noch wenigere gehenkt. Die Nürnberger Prozesse haben es den übrigen schuldigen Deutschen überhaupt erst ermöglicht, sich selbst und der Welt wieder ins Gesicht zu sehen.

Der Internationale Gerichtshof wird ein Nürnberg in Permanenz werden. Er wird den verblendeten Nationalismen international gültige Normen entgegensetzen und damit auch den Völkern helfen, die sich schuldig gemacht haben. Auch Serbien wird erst dann wieder frei und souverän werden, wenn die serbischen Kriegstreiber einschließlich Milosevic in Den Haag auf der Anklagebank sitzen.

Das Gedenken an den 20. Juli 1944 zeigt aber nicht nur die Grenzen nationaler Selbstreinigung auf. Der Tag lässt uns auch erahnen, welch ungeheure Anstrengungen die internationale Gemeinschaft unternehmen musste, um die Schuldigen überhaupt erst einmal anklagen zu können. Am Schluss befand sich Deutschland mit 54 Ländern im Kriegszustand. Millionen Tote waren nötig, um den Wahnsinn zu stoppen.

Tut Europa heute genug? Nein. Im Kosovo-Konflikt wiederholt Europa gerade alle Fehler, die es im jugoslawischen Bürgerkrieg begangen hat. Und setzt einen noch oben drauf: die Nichtanerkennung der Unabhängigkeit des Kosovos von Serbien. Als wenn man es den Albanern zumuten dürfte nach all diesen Verbrechen, mit den Serben in einem Staat zusammen zu leben.

Wenn Europa weiter zusieht, wird der Kosovo-Konflikt eskalieren. Und dem Internationalen Gerichtshof fehlt noch eine Internationale Polizei, die die Schuldigen einfängt. – Solingen 20. Juli 1998