Schulreform, Volksentscheid und Dschihad

An dem Volksentscheid über die Schulreform in Hamburg haben sich diejenigen Schichten der Gesellschaft, die am meisten von der sechsjährigen Grundschule profitieren würden, nicht beteiligt. Der Grund dafür ist simpel. Sie sind einfach dumm.

Die Statistik ist eindeutig.1 In denjenigen Hamburger Bezirken, in denen die meisten Empfänger von Sozialleistungen leben, war die Wahlbeteiligung besonders niedrig. In den reichen Bezirken dagegen war sie besonders hoch. Die durch das bestehende Schulsystem extrem Benachteiligten haben also die Chance zur Verbesserung der Lebensumstände ihrer Kinder nicht ergriffen. Der Grund dafür dürfte simpel sein: schiere Dummheit. Und ich benutze das Wort hier in der Bedeutung, die ihm Forrest Gumps Mutter gab: Dumm ist der, der Dummes tut. Mit dem denkbar geringsten Aufwand, nämlich dem legeren Gang zur Wahlkabine und dem Ankreuzen der richtigen Stelle auf dem Wahlzettel hätten die ärmeren und ungebildeteren Schichten Hamburgs ihren Kindern eine Chance auf mehr Bildung, mehr Partizipation am gesellschaftlichen Leben, mehr Unabhängigkeit von staatlicher Unterstützung und letztendlich mehr privaten Wohlstand verhelfen können. Dass sie diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen ließen, zeigt, wie wenig die ungebildeten Schichten in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu erkennen und für den eigenen Vorteil zu kämpfen.

Für die Initiatoren des Volksentscheides war es dagegen ein Kinderspiel, die Profiteure des aktuellen Schulsystems hinter sich zu scharen und an die Wahlurnen zu bewegen. Das ist kein Wunder, denn die gebildeteren Schichten wissen sehr wohl, dass es für ihre Kinder von Vorteil ist, wenn nicht alle, die intellektuell dazu in der Lage wären, Abitur machen, studieren und ihnen auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenz machen. Das Bildungsbürgertum ist jederzeit in der Lage seinen Vorteil zu erkennen und es weiß, wie man seine Interessen durchsetzt.

Bildung ist eine Waffe, mit der heutzutage der soziale Kampf ausgefochten wird. Und in dieser Hinsicht ist die so genannte Unterschicht völlig unbewaffnet. Während die Reichen einerseits selbst gut ausgebildet sind und andererseits hoch ausgebildete Fachkräfte in Think Tanks beschäftigt, um im politischen Meinungskampf auch in kritischen Situationen wie dem Zusammenbruch des korrupten Finanzsystems die Oberhand zu behalten, sind die Armen nicht einmal in der Lage, die wenigen Chancen, die sich ihnen in unserem politischen und wirtschaftlichen System bieten, auch nur ansatzweise zu ergreifen. Empfänger von staatlichen Sozialleistungen machen kaum noch von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Sie sind politisch und gewerkschaftlich völlig unorganisiert. Und sie schlagen oftmals ihren Kindern die letzte Tür zum gesellschaftlichen Aufstieg – die Bildung – mutwillig vor der Nase zu, indem sie sie vernachlässigen und – wie gerade in Hamburg erlebt – eine Verbesserung des Schulsystems durch schiere Dummheit verhindern.

Für die Reichen könnte die Situation bequemer nicht sein. Sie haben das politische System mit ihren Lobbys so perfekt unterwandert, dass niemand mehr Vertrauen in die Politiker hat, sodass diese wiederum keinerlei Handlungsspielraum jenseits des von den Lobbyisten eng umgrenzten Bereiches haben. Das Gefühl, durch Wahlen nichts ändern zu können, ist politisch gewollt, es soll die Verlierer unseres Systems davon abhalten, mit ihrer Stimme das System zu gefährden. Das funktioniert hervorragend. Die Unterschicht ist politisch praktisch nicht existent. Es gibt sie nicht.

Die Mittelschicht wurde jahrzehntelang durch Auszehrung und die Bedrohung des sozialen Abstiegs so stark traumatisiert, dass sie seit Jahren gegen ihren ureigenen Vorteil die Interessen der Reichen und Superreichen verteidigt und deren Glaubensbekenntnis des freien Marktes gebetsmühlenartig wiederholt, in der Hoffnung irgendwann in den Himmel zu kommen. Auch hier greift die Dummheit um sich. Die Unfähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, nimmt zu. Die Mittelschicht wählt seit Jahren diejenigen Parteien, die sie wirtschaftlich ausplündern. Sie wendet die ihr verbliebene Bildung bloß noch defensiv an, indem sie versucht, ihr Territorium so gut es geht gegen die Unterschicht zu verteidigen. In Hamburg ist ihr das gelungen. Sie hat erfolgreich ein Schulsystem verteidigt, dass in seiner vollkommensten Ausprägung, in Bayern, die Chancen eines Kindes aus der Arbeiterschicht, das Gymnasium zu besuchen, nahezu marginalisiert. Kinder aus der Oberschicht haben in Bayern eine fast siebenmal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen und das Abitur zu bestehen als Schüler aus einem Arbeiterhaushalt.

Bildung ist kein hehrer Selbstzweck, kein humanistisches Ideal, sondern je nach Bildungsgrad ein Messer oder ein Stealth Bomber im sozialen Kampf. Die am besten Ausgebildeten finden mühelos ihr Auskommen im feingesponnenen Netz der kapitalistischen Raubzüge, mit denen die Superreichen unseren Planeten und seine Bewohner systematisch ausplündern. Wer bloß ein Messer besitzt, muss auf staatliche Hilfe hoffen oder – in den Augen der Reichen und ihrer Handlanger – kriminell werden.

Die Situation der Armen war nicht immer so in Deutschland. Die Arbeiterbewegung war nicht ohne Grund durchdrungen von einer geradezu euphorischen Verehrung der Bildung. Den großen sozialrevolutionären Bewegungen des 19. und 20 Jahrhundert war die Bedeutung der Bildung wohlbewusst. Selbst als die sozialistischen Regime in Osteuropa die Grundbedürfnisse der Bevölkerung längst nicht mehr sicherstellen konnten, wurde der Bildung ein hoher Stellenwert eingeräumt. Ganz im Gegensatz zu den Sparmaßnahmen, die ein Roland Koch, einer der Paladine des Kapitalismus, dem Bildungssystem auferlegen will.

Wer ungebildet ist, bleibt wenigstens gegenüber den Reichen und Superreichen harmlos. Wer ungebildet und dumm ist, randaliert vielleicht in den Banlieues, aber er wird nicht die Villen der Reichen anzünden und erst recht wird er keine Gesetzgebung unterstützen, die die Privilegien der Reichen antasten könnte. Der soziale Kampf wird mit einer Waffe geführt, die schwerer zu erlangen ist, als eine Maschinenpistole.

Wir waren nach dem 11. September 2001 zutiefst erschüttert, als wir feststellten, dass einige der Terroristen aus Hamburg kamen und dort studiert hatten. Wir nahmen verständnislos zur Kenntnis, dass es sich bei den Tätern um gebildete Personen handelte, um Menschen die studiert hatten, denen entweder in ihren Heimatländern oder auch bei uns viele Türen des sozialen Aufstiegs offenstanden. In Wirklichkeit aber ist dies alles andere als eine Überraschung. Wie hätte ein Anschlag solchen Ausmaßes – um es einmal drastisch auszudrücken – von ungebildeten Schafhirten ausgeheckt werden sollen? Sie hätten nicht einmal das symbolisch so genial gewählte Ziel des Anschlages, das World Trade Center, als lohnend ausgemacht. Sie wären nie in der Lage gewesen, Flugzeuge zu steuern. Sie wären dem logistischen Aufwand, an verschiedenen Stellen gleichzeitig zuzuschlagen niemals gewachsen gewesen. Der islamische Terror, so wie wir ihn fürchten, ist nicht das Werk der moslemischen Unterschicht, so wie der Terror der Roten Armee Fraktion nicht das Werk der Arbeiterklasse war.

Terrorismus ist eine zwiespältige Strategie im sozialen und politischen Kampf. Sie war historisch gesehen sehr häufig sehr erfolgreich, so gründen sich alle sozialistischen und faschistischen Regime des 20. Jahrhunderts auf dem Prinzip des Terrors. Sie ist jedoch nicht zu allen Zeiten erfolgreich und – was viel wichtiger ist – der gewaltsame Terror ist nicht in der Lage nachhaltige Unterdrückungs- und Ausbeutungssysteme zu schaffen. Die Revolution frisst schnell ihre Kinder. Dauerhafte Regime vermag allein der Rechtsstaat zu gründen. Und dieser wiederum basiert auf Bildung. Das Terrorregime der Kommunistischen Partei in China ist bloß deshalb noch an der Macht, weil es verstanden hat, die Macht der Bildung frühzeitig als affirmativen Faktor zu nutzen. Mit atemberaubendem Tempo vergrößert China sein technologisches Wissen, auf dessen Basis es vermutlich zur wichtigsten Großmacht des 21. Jahrhunderts aufsteigen wird. Parallel dazu versucht die chinesische Führung verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich die Wirtschaft ›frei‹ entfalten kann. Bürgerliche Rechte wird die herrschende Klasse nur so weit gewähren, wie es zur Aufrechterhaltung ihrer Macht notwendig ist.

Kommen wir jedoch zurück zum Hamburger Volksentscheid. Dieser hat einen weiteren interessanten Aspekt. Aufgrund der demographischen Entwicklung nimmt die Zahl junger Leute in Deutschland stetig ab. Die Wirtschaft und mit ihr die herrschende Klasse ist aber auf die Arbeitskraft gut ausgebildeter Fachkräfte angewiesen. Die Forderung mehr Jugendliche zu einem qualitativ hochwertigen Abitur zu führen, wird daher nicht bloß von sozialutopischen Bildungsreformern aufgestellt, sondern von der Wirtschaft selbst. Das aktuelle Bildungssystem verschwendet jedoch die Ressource Mensch, indem es Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern kaum eine ehrliche Chance gibt. In vielen Bereichen fehlen uns daher bereits heute Akademiker und die Situation wird von Jahrgang zu Jahrgang kritischer. Das Bildungsbürgertum, dessen Wohlstand von unserer Wirtschaftskraft abhängt, hat also in Hamburg langfristig gegen die eigenen Interessen gestimmt, indem es kurzfristig die Chancen des eigenen Nachwuchses auf eine gut dotierte Stelle beträchtlich erhöhte. Dummheit ist kein Privileg der Unterschicht. Und Kurzsichtigkeit erst recht nicht.

Literatur

Administrator: Hamburger Volksentscheid: Wahlbeteiligung spiegelt Armutsverteilung « Dishwasher. 2010. Internet: http://dishwasher.blogsport.de/2010/07/18/hamburger-volksentscheid-wahlbeteiligung-spiegelt-armutsverteilung/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

Fußnoten


  1. Administrator: Hamburger Volksentscheid: Wahlbeteiligung spiegelt Armutsverteilung « Dishwasher. 2010. Internet: http://dishwasher.blogsport.de/2010/07/18/hamburger-volksentscheid-wahlbeteiligung-spiegelt-armutsverteilung/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

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