Gedenktage: ein schwieriges Thema

Gestern war einer dieser Gedenktage, an denen unsere Politiker sich feierlich versammeln, schwarze Hüte oder kleine runde Käppchen sowie ein betroffenes Gesicht aufsetzen und nachdenkliche Reden halten. Und zum ersten Mal sah ich dann auch Gerhard Schröder mit so einem Käppi auf dem Kopf durch die Berliner Synagoge in der Rykestraße schreiten. Der neue Bundeskanzler hatte sichtlich Mühe, ein staatsmännisch würdiges und gleichzeitig betroffenes Gesicht zu machen. Sein sonniges Gemüt konnte und durfte er nicht nach außen kehren, und so zwang er sich dann mit aller Macht ein grimmiges Gesicht ab.

Vielleicht ärgerte sich der Kanzler aber auch, dass er den Statisten abgeben musste, während Ignatz Bubis, Roman Herzog und (in Abwesenheit, da sein filigranes Gemüt die ritualisierte Erschütterung solcher Gedenktage nicht erträgt) Martin Walser medienwirksam über Schuld und Sühne, Ritual und Moral, Erinnern und Vergessen, Gedenken oder Wegsehen stritten.

Schon seit Wochen bedauere ich es, die Friedenspreisverleihung im Fernsehen verpasst zu haben. Denn die Empörung von Ignatz Bubis machte die Rede Walsers, dessen Bücher ich noch nicht einmal in einer Zusammenfassung gelesen habe, für mich dann doch noch interessant. Also habe ich sie mir heute im Internet besorgt. Und nachdem ich sie zweimal gelesen habe, frage ich mich: Für wie dumm will sich Walser uns eigentlich verkaufen? Kann er solche Sätze wirklich ernst meinen?

»Warum werde ich von der Empörung, die dem Denker einen solchen Satzanfang gebietet, nicht mobilisiert: ‘Wenn die sympathisierende Bevölkerung vor brennenden Asylantenheimen Würstchenbuden aufstellt… ’ Das muss man sich vorstellen: Die Bevölkerung sympathisiert mit denen, die Asylantenheime angezündet haben, und stellt deshalb Würstchenbuden vor die brennenden Asylantenheime, um auch noch Geschäfte zu machen. Und ich muss zugeben, dass ich mir das, wenn ich es nicht in der intellektuell maßgeblichen Wochenzeitung und unter einem verehrungswürdigen Namen läse, nicht vorstellen könnte. (…)

Ich kann solche Aussagen nicht bestreiten; dazu sind sowohl der Denker als auch der Dichter zu seriöse Größen. Aber – und das ist offenbar meine moralisch-politische Schwäche – genausowenig kann ich ihnen zustimmen. Meine nichts als triviale Reaktion auf solche schmerzhaften Sätze: Hoffentlich stimmt’s nicht, was uns da so krass gesagt wird. Und um mich vollends zu entblößen: Ich kann diese Schmerz erzeugenden Sätze, die ich weder unterstützen noch bestreiten kann, einfach nicht glauben. Es geht sozusagen über meine moralisch-politische Phantasie hinaus, das, was da gesagt wird, für wahr zu halten.«

Scheinbar geht es Walser hier wie dem Atheisten, der die unbefleckte Empfängnis einfach nicht glauben kann. Oder was will uns der gepriesene Dichter mit solchen Sätzen sagen?

Oder mit solchen Sätzen, die natürlich maßgeblich zur Empörung von Ignatz Bubis beigetragen haben:

»Ich verschließe mich Übeln, an deren Behebung ich nicht mitwirken kann. Ich habe lernen müssen, wegzuschauen. Ich habe mehrere Zufluchtwinkel, in die sich mein Blick sofort flüchtet, wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt. Ich finde, meine Reaktion sei verhältnismäßig. Unerträgliches muss ich nicht ertragen können. Auch im Wegdenken bin ich geübt. An der Disqualifizierung des Verdrängens kann ich mich nicht beteiligen. Freud rät, Verdrängen durch Verurteilung zu ersetzen. Aber soweit ich sehe, gilt seine Aufklärungsarbeit nicht dem Verhalten des Menschen als Zeitgenossen, sondern dem vom eigenen Triebschicksal Geschüttelten. Ich käme ohne Wegschauen und Wegdenken nicht durch den Tag und schon gar nicht durch die Nacht. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass alles gesühnt werden muss. In einer Welt, in der alles gesühnt werden müsste, könnte ich nicht leben.«

Und was Ignatz Bubis dann vermutlich besonders erregte, war, dass Walser im Anschluss an diese Sentenz sich nicht dem Grauen von Auschwitz widmete, sondern das Schicksal eines ehemaligen Ostspions beklagte, der im Gegensatz zu den Westspionen im Knast sitzt. Ein Exkurs, dessen Sinnhaftigkeit sich mir verschließt. Ist Rainer Rupp, um den es hier scheinbar geht, ein persönlicher Freund von Walser, oder will Walser Ehrenmitglied von Amnesty International werden?

Walser erinnert mich an meine Mutter, die ebenfalls am liebsten wegguckte, wenn Bilder von Auschwitz gezeigt wurden. Ich war entsetzt darüber und wütend, dass meine Mutter, die Ehrlichkeit in Person, die Wahrheit nicht sehen wollte. Bis ich begriff, dass die offizielle Erinnerung an die Nazizeit ihr die eigene Erinnerung an diese Zeit, an die Zeit der Kindheit, wegnahm. Das offizielle Erinnern übertönte ihre eigene Erinnerung, stahl ihr die eigene Geschichte, belastete ihre ›unschuldigen‹ Kindheitserinnerungen mit einem öffentlich eingeforderten Schuldbekenntnis. Dieser Diebstahl war für meine Eltern ein schwerer Verlust, den sie mit seichten Heimatfilmen zu kompensieren versuchten. Für die 68er war er eine Waffe im Kampf gegen die allzu schnelle Selbstgerechtigkeit des wirtschaftlichen Wunderlandes Bundesrepublik. Mittlerweile ist dieser Diebstahl verjährt. Das Erinnern hat die Sphäre des Authentischen längst verlassen und sich im Raum medialer Diskurse verflüchtigt. Auschwitz ist zu einem sakrosankten Glaubensartikel unserer Demokratie geworden.

In unserer gottlosen Zeit ist Auschwitz für viele ein willkommener Ersatz für die aus der Mode gekommene christliche Erbsünde. In einer Zeit, in der kaum noch jemand an diese qua Geburt ererbte Schuld glaubt, spendet Auschwitz die scheinbar für viele unentbehrliche Gewissheit, dass wir alle schuldig sind und jederzeit wieder schuldig werden können und nur in der Gemeinschaft der Gedenkenden Erlösung finden können. Auschwitz als nationales Sündenbekenntnis, als Einheit stiftender Religionsersatz? Das wäre in der Tat traurig. Aber wirkt ein Gedenktag nicht nur auf denjenigen wie ein aufgezwungenes Schuldbekenntnis, der sich, wie der Teufel vom Weihwasser, vom Gedenken an Auschwitz verfolgt fühlt? Und da die Schuld kaum noch an uns heranreicht, können da wir Jüngeren nicht allzu leicht mit aufgesetzter Kipa und Betroffenheit, der ›Reichskristallnacht‹ gedenken und es uns im Ritual der Betroffenheit bequem machen? – Soviel zur Verteidigung Walsers, der sich aber auch Sachen leistet, dass man kaum seinen Augen traut, wenn man sie liest.

»Ein smarter Intellektueller hisst im Fernsehen in seinem Gesicht einen Ernst, der in diesem Gesicht wirkt wie eine Fremdsprache, wenn er der Welt als schweres Versagen des Autors mitteilt, dass in des Autors Buch Auschwitz nicht vorkomme. Nie etwas gehört vom Urgesetz des Erzählens: der Perspektivität. Aber selbst wenn, Zeitgeist geht vor Ästhetik.

Bevor man das alles als Rüge des eigenen Gewissensmangels einsteckt, möchte man zurückfragen, warum, zum Beispiel, in Goethes ›Wilhelm Meister‹, der ja erst 1795 zu erscheinen beginnt, die Guillotine nicht vorkommt.«

Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich Goethe nicht mag. Und wenn jemand Goethe ins Feld führt, dann knallen bei mir alle Sicherungen durch. Und eben nicht weil ich Goethe für den Zeus des literarischen Olymps halte, sondern weil dieses A** seinem Fürsten, der ihn um Rat fragte, riet, Herder keine Rente zu zahlen, da dieser die Armut brauche, um kreativ zu sein. Aber das gehört ja nun nicht hierher. – Gedenktage: ein schwieriges Thema! – Solingen 10. November 1998