Neusprech und Kurzdenk in der Atomdebatte (Teil 2)

Wenn man die Diskussion in Deutschland verfolgt, könnte man glauben, es hätte kein Erdbeben, sondern einen Reaktorunfall in Japan gegeben.

Diese gedankliche Figur findet man zum Beispiel im ScienceBlog von Georg Hoffmann unter dem reißerischen Titel ›Die Redaktionsschmelze im deutschen Presse-Fall-Out‹.1 Ich weiß nicht, ob Georg Hoffmann Atomkraftbefürworter ist, daher will ich ihm keine Absicht unterstellen. Aber seine Argumentation ad hominem ist geeignet, die Position der Atomkraftgegner in der aktuellen Diskussion zu schwächen. Er moniert, dass in den deutschen Medien immer nur vom Störfall in den Atomkraftwerken die Rede sei, die großen Verwüstungen durch den Tsunami in Folge des Erdbebens und das Leiden der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten dagegen kaum betrachtet würden. Implizit lautet der Vorwurf: Anstatt Mitgefühl mit den Opfern zu haben, gefällt man sich in Deutschland darin, das Geschehen innenpolitisch auszuschlachten. Atomkraftgegner, die nun hysterisch herumlaufen und Zeter und Mordio schreien, sind also schlechte Menschen ohne jedes Mitgefühl.

Zugegeben: Wenn die atomare Katastrophe ausgeblieben wäre, würden sich unsere Medien in einer minutiösen Schilderung des Tsunamis ergehen, sie würden das Leid der Bevölkerung zeigen, sie würden die Disziplin der Japaner loben und ihre strengen Bauvorschriften, die Tausende von Menschenleben gerettet haben. In Düsseldorf und anderen deutschen Städten mit großen japanischen Gemeinden gäbe es Solidaritätsveranstaltungen, die sicher anders heißen würden, da man Japan nicht gönnerhaft wie ein unterentwickeltes Land behandelt. Ranga Yogeshwar würde uns alles Wissenswerte über Plattentektonik und Monsterwellen mitteilen, anstatt darüber zu spekulieren, was zurzeit gerade in den Reaktoren von Fukushima passiert oder passieren könnte. Die Welt, vor allem die der Atomindustrie, wäre in bester Ordnung. Seht her, selbst ein Monstererdbeben von der Stärke 9 kann sicheren Atomkraftwerken nichts anhaben!

Doch es gibt eine atomare Katastrophe und ihre Folgen werden Japan sehr viel länger beschäftigen als die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis. Und wenn wir schon dabei sind, mit Opferzahlen zu argumentieren, so sei darauf hingewiesen, dass bei dem Tsunami 2004 nach dem Erdbeben im Indischen Ozean mehr als zehnmal so viele Menschen ums Leben kamen als jetzt in Japan, falls die Zahlen, die wir bekommen, annähernd stimmen.

Der Eindruck von Georg Hoffmann ist aber überhaupt falsch. Das Fernsehen berichtet in seinen Sondersendungen sehr wohl ausführlich über die Folgen des Tsunamis. Youtube wurde mit Tsunamivideos geflutet. Wir alle haben die Bilder der Wassermassen, wie sie sich über das Land wälzen und alles mit sich reißen, noch im Kopf. Und heute gab es in Deutschland eine Schweigeminute, in der den Opfern des Erdbebens gedacht wurde. Es kann also keine Rede davon sein, dass das Erdbeben und der Tsunami in Deutschland unter den Tisch gekehrt würden.

Dass die Reaktorkatastrophe im Mittelpunkt der Berichterstattung steht, hat viele gute Gründe.

  1. Sollte es zum Schlimmsten kommen, werden die Folgen der Atomkatastrophe die unmittelbaren Folgen des Erdbeben weit in den Schatten stellen. Und selbst dann, wenn es gelingen sollte, die Brennstäbe wieder zu kühlen, so wird man wie in Tschernobyl einen Sarkophag bauen müssen. Und bei diesem Bau werden Menschen in unmittelbarer Nähe zur Strahlenquelle arbeiten müssen. Es werden weitere Menschen in Fukushima sterben.
  2. Das Erdbeben und der Tsunami sind Vergangenheit, sie sind geschehen. Wir können mit den Menschen trauern, wir können helfen. Aber wie nach jeder Katastrophe beginnt nun der Wiederaufbau, der es noch nie in die Schlagzeilen der Medien geschafft hat. Der Kampf um die Reaktoren ist dagegen ein Drama, von dem wir nicht wissen, wie es ausgeht. Das ist, so zynisch es klingt, der Stoff, aus dem Nachrichten gemacht werden.
  3. Die Gefahren der Atomkraft betreffen uns ganz direkt. Wir erleben gerade mit eigenen Augen mit, was jeden Tag auch vor unserer Haustür passieren kann. Erdbeben und Tsunamis sind exotische Naturkatastrophen, Atomkraftwerke können aber überall explodieren. Störfallszenarien gibt es genug.
  4. Vor nicht einmal einem Jahr hat die Bundesregierung im Auftrag der Atomlobby die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert und damit den mühsam ausgehandelten Atomkonsens aufgekündigt. Die Atomkraft war in Deutschland immer umstritten. Sie wurde jedoch von einer gewissenlosen Mafia mit allen Finessen der politischen Einflussnahme durchgedrückt. Allerdings konnte die Antiatomkraft-Bewegung auch einige kleine Schlachten für sich entscheiden. Wer nicht versteht, dass diese erbitterte Diskussion nun in aller Schärfe aufflammt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Wem also in welcher Form auch immer das Argument entgegengehalten wird, er würde tote Japaner für den Kampf gegen die Atomkraft instrumentalisieren, sollte sich nicht beirren lassen. Nicht wir, sondern die Atomindustrie geht über Leichen.

Wovor wir uns jedoch hüten sollten, ist eine gewisse Schadenbitternis. Schadenfreude empfindet hoffentlich niemand. Es liegt nahe, die Schuld für die Folgen der atomaren Katastrophe den Japanern selbst zuzuschreiben. Sie sind das Risiko immerhin bewusst eingegangen. Kein Land der Welt dürfte die Folgen eines atomaren Fallouts besser kennen als die Japaner. Hiroshima und Nagasaki sind unvergessen. Und keine Nation der Welt hat die Folgen von Erdbeben und Tsunamis besser und gründlicher erforscht. Sie wussten ganz genau, was sie taten, als sie 54 Atomkraftwerke auf dieser von Erdbeben geschüttelten Insel bauten. Und Gegner der Atomkraft gab es dort so gut wie keine.

Doch vergessen wir nicht, dass auch bei uns Atomkraftwerke stehen, obwohl wir sie nie wollten. Die Atomwirtschaft hat die Meiler mit ihrer gigantischen PR-Macht und mit Hilfe korrupter Politiker gegen alle Widerstände durchgedrückt. In Japan und Frankreich war dies vielleicht einfacher als in Deutschland. Aber auch hier stehen Atomkraftwerke. Die Japaner, denen eine großflächige Verstrahlung hoffentlich erspart bleibt, können nichts dafür. Sie sind Opfer der Atompropaganda wie wir. Und sollte es zu einer Verstrahlung Tokios kommen, werden sie nicht nur unser Mitgefühl, sondern auch unsere Hilfe brauchen.

Literatur

Hoffmann, Georg: Die Redaktionsschmelze im deutschen Presse-Fall-Out. In: Primaklima. 2011. Internet: http://scienceblogs.de/primaklima/2011/03/17/die-redaktionsschmelze-im-deutschen-pressefallout/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

Fußnoten


  1. Hoffmann, Georg: Die Redaktionsschmelze im deutschen Presse-Fall-Out. In: Primaklima. 2011. Internet: http://scienceblogs.de/primaklima/2011/03/17/die-redaktionsschmelze-im-deutschen-pressefallout/. Zuletzt geprüft am: 13.9.2014.

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